Die Steve Jobs von Minsk

Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

Wirtschaft

Eine Gründerwelle fegt durch die weißrussische Hauptstadt, wo Präsident Lukaschenko ein Silicon Valley des Ostens schaffen will.


Minsk. Als Apple zuletzt in Kalifornien seine neuen Emojis vorstellt und die Welt mit sprechenden Köpfen von Affen, Schweinen und Einhörnern amüsiert, sitzt Andrej Jantschurewitsch vor seinem Rechner in Minsk, fast 10.000 Kilometer weiter im Osten, und denkt sich: Das können wir auch.

Jantschurewitsch ist kein Mann des Understatements. Kein Wunder, gehört er doch schon mit seinen 26 Jahren zu den großen Stars der weißrussischen Start-up-Szene. Bis zuletzt war er operativer Manager von "MSQRD", einer Selfie-App, mit der man sich eine Maske von Leonardo DiCaprio oder Batman über das Gesicht legen kann. Innerhalb weniger Monate wurde MSQRD zu einer der beliebtesten Anwendungen weltweit und 2016 von Facebook übernommen.

Inzwischen hat Jantschurewitsch wieder ein neues Projekt gestartet. Vor wenigen Wochen ist er mit seinen Kollegen in ein Büro an der Sybizkaja-Straße eingezogen, durch die großen Fenster spiegeln sich die weißen Kirchtürme der "Hohen Stadt", unten reihen sich hippe Bars, Cafés und Shops aneinander. "AR Squad", die "Augmented Reality Gruppe", heißt sein neues Projekt.

"Wir denken uns neue Formen der Interaktion zwischen der Grafik und der realen Welt aus", erklärt Jantschurewitsch. Wie etwa eine Figur, die den ortsfremden User mit der Datenbrille an der Hand nimmt, um den richtigen Bus ins Stadtzentrum zu nehmen. Oder eben animierte Emojis, die die Mimik des Users übernehmen, wie sie Apple zuletzt vorgestellt hat. "Angesichts dessen, dass wir viel weniger Ressourcen haben, finde ich, dass sie uns ganz gut gelungen sind", sagt Jantschurewitsch. "Außerdem funktionieren sie nicht nur mit dem Facetracker von Apple."

Sowjetische Kaderschmiede

Ein neues Selbstbewusstsein weht durch die Büros der IT-Tüftler in Minsk. Längst ist Weißrussland, das 9,5-Millionen-Einwohner-Land zwischen Polen, dem Baltikum, der Ukraine und Russland, zu einem Geheimtipp für innovative IT-Projekte geworden. Der Chat-Dienst Viber? In der polnisch-weißrussischen Grenzstadt Brest programmiert. Das Kriegsspiel "World of Tanks"? Vom weißrussischen Spieleentwickler Wargaming.net produziert. Wenige Monate nach dem MSQRD-Deal wurde die Gesichtserkennungsapp Fabby, hinter der das Minsker Start-up AIMatter steht, von Google gekauft.

Es waren ausgerechnet die Sowjets, die die Grundlage für den IT-Boom legten. Minsk galt zu Sowjetzeiten als Kaderschmiede für Mathematiker und Ingenieure im Rüstungswettlauf mit dem Westen. Eine Tradition, aus der der boomende IT-Markt noch heute schöpfen kann. Doch inzwischen kommen die Hochschulen gar nicht mehr damit nach, genug Nachschub für die IT-Unternehmen zu schaffen. Selbst in der Minsker Metro wird mit Stickern um neues Personal gebuhlt. "Das Land braucht Programmierer!", ist dort beispielsweise zu lesen. Gelockt wird der Nachwuchs auch mit Gehältern, die um ein Vielfaches über dem monatlichen Landesdurchschnitt von rund 420 Euro liegen.

Während das weißrussische BIP zuletzt insgesamt um drei Prozent geschrumpft ist, ist der IT-Sektor 2016 um 20 Prozent gewachsen. So sind es vor allem westliche Unternehmen, die ihre IT nach Weißrussland ausgelagert haben. Doch das Land will nicht mehr nur die verlängerte Werkbank des Westens sein. In einer Seitenstraße nahe dem Minsker Bahnhof liegt der Start-up-Hub Imaguru. Zu Sowjetzeiten wurden im langgestreckten Ziegelbau Waffen für die Rote Armee geschmiedet, heute gibt es hier Motivationsseminare, Coworking-Plätze und Schulungen für Neo-Unternehmer. Am Eingang hängen zwei Uhren - eine zeigt die Uhrzeit von Minsk, die andere jene von San Francisco.

Auf der Suche nach der Nische

In einem fensterlosen Zimmer sitzt Dmitrij Kaigorodow. Hornbrille, hellblaues Hemd, darunter ein T-Shirt mit einem Bild von Salvador Dali, dem spanischen Surrealisten, mit einer Sprechblase: "Will design to rock’n’roll!" Nach seinem Mathematik-Studium hat der 32-Jährige für ProSieben-Media programmiert und beim Software-Riesen Epam, der in den 1990er Jahren von einem Weißrussen gegründet wurde und inzwischen an der New Yorker Börse notiert, angeheuert. Doch der Erfolg anderer Start-ups hat seinen Ehrgeiz angestachelt, selbst etwas auf die Beine zu stellen. So hat Kaigorodow das Start-up Kuoll gegründet.

"Wir beobachten, welche technischen Probleme bei den Online-Shops auftreten, und analysieren, wie diese den Umsatz beeinflussen", erzählt er. Das mag zwar weniger glamourös klingen als Gesichtserkennung, aber inzwischen kooperiert Kuoll schon mit der US-Onlineshop-Software Magento, die weltweit hunderte Onlineshops betreut. Es könnte eine lukrative Nische sein, hofft Kaigorodow. "Schenja, wie viele Mitarbeiter werden wir in einem Jahr haben?", fragt er seinen Kollegen, der gerade auf einem Sitzsack lümmelt. Der überlegt kurz und sagt: "Keine Ahnung, vielleicht zehn?"

Wer gut ist, geht häufig

Weißrussland ist für viele ein unbeschriebenes Blatt. Durch einen Unionsstaat eng mit Russland verbunden, ist es dem Land aber zumindest im IT-Bereich gelungen, sich aus dem Schatten des großen Bruderstaates zu lösen. "Es ist gut, dass unser Markt klein ist. Deswegen denken unsere Start-ups gleich von Anfang an global", sagt Jewgenij Puchatsch, der bei Imaguru die Start-up-Gründer betreut. "Das ist ein großer Unterschied zu Russland. Dort ist der Markt zwar groß, aber der Schritt auf den globalen Markt fällt ihnen dadurch viel schwerer als uns", so Puchatsch.

Dennoch kämpft die Branche mit Problemen. Viele erfolgreiche Start-ups wandern in den Westen ab. Zu groß ist das bürokratische Korsett, das der Staat unter dem Autokraten Alexander Lukaschenko um die Wirtschaft geschnürt hat. Zwar gibt es seit 2005 eine Sonderwirtschaftszone in einem High-Tech-Park in Minsk, aber davon haben bisher vor allem Outsourcing-Modelle profitiert. Inzwischen hat aber auch Lukaschenko, der seine Karriere noch als Kolchos-Bauer gestartet hat, das Potenzial des IT-Sektors erkannt. Er hat Ende 2017 ein Dekret beschlossen, das Weißrussland punkto digitaler Wirtschaft zu einem der liberalsten Länder weltweit machen soll. So will Belarus die Blockchain-Technologie fördern, Risikokapital ins Land locken und IT-Gründer auf Jahre hin steuerlich begünstigen.

Eigentlich hat sich der IT-Boom am Staat vorbei entwickelt, der noch immer vier Fünftel der Wirtschaft kontrolliert und stark mit Russland verflochten ist. Russland wiederum ist zuletzt durch den Ölpreis und die Sanktionen infolge der Krim-Annexion und des Krieges in der Ostukraine in eine Wirtschaftskrise geschlittert.

Verbote und Repressionen

Lukaschenko, der zwar von russischen Krediten abhängig ist, aber immer wieder mit Moskau im Clinch liegt, kommt da ein bisschen Risikostreuung in Richtung Westen ganz gelegen. "Dadurch wird der IT-Sektor in Weißrussland liberaler sein als in Hongkong", sagt Nikolaj Markownik von VP Capital Belarus, der mitgeholfen hat, das Dekret auszuarbeiten. Zwar macht der IT-Sektor bisher nur rund fünf Prozent des BIP aus, doch 2010 lag der Anteil noch weit unter drei Prozent. Bis 2030 sollen die Exporte aus Weißrussland von bisher einer Milliarde auf 4,7 Milliarden Dollar steigen und die Anzahl der im IT-Sektor Beschäftigen soll von 30.000 auf 100.000 zunehmen, hoffen die Autoren des Dekrets.

Wird Minsk also das Silicon Valley Osteuropas? Arkady Moshes, Weißrussland-Experte am Finnischen Institut für Internationale Beziehungen, ist skeptisch. "Aus meiner Sicht kann nur eine tiefgehende, wirtschaftliche Liberalisierung die Grundlage für einen Durchbruch sein", sagt er. "Eine beschränkte technologische Modernisierung kann aber auch dann erreicht werden, wenn der Staat viel Geld investiert." Nachsatz: "Aber das Geld hat das Land nun mal nicht."

Und schließlich gibt es noch ein zweites Weißrussland. Ein Weißrussland abseits der hippen Cafés, wo Craft Beer, Fruchtlimonaden und Eierkuchen mit Ingwer serviert werden und das wenig gemein hat mit dem glitzernden Image der postsowjetischen High-Tech-Wiege. Das Weißrussland der sowjetischen Militärparaden, der Todesstrafe und des Geheimdienstes, der hier immer noch KGB heißt. Das Weißrussland der Verbote und Repressionen. Regimekritiker, die eingesperrt werden, und Proteste, die brutal von der Polizei nieder geschlagen werden. Wie im Vorjahr, als tausende Menschen im ganzen Land gegen eine Abgabe für Arbeitslose auf die Straße gingen. Der Staat feiert immer noch jedes Jahr offiziell die Oktoberrevolution und Lenin als einen Heilsbringer der Geschichte.

Wie frei und demokratisch muss ein Land aber sein, um in der globalen, digitalen Wirtschaft zu bestehen? Allzu politische Fragen wie diese weiß Walerija Bobkowa geschickt zu umschiffen. Die 31-Jährige hat eine bewegte Vita: Studierte Ingenieurin, Marketing-Expertin und zuletzt Lehrerin. Aber immer wieder lässt sie Sätze fallen wie: "Zumindest Schulen sollten der Ort sein, wo man seine Gedanken frei ausdrücken kann." Oder: "Wer kreativ sein soll, muss auch kritisch denken können." Bobkowa hat vor einem Jahr das Programm "Technoproryw" (zu Deutsch: "Durchbruch der Technik") im staatlichen "Jugend- und Kinderpalast" in Minsk gestartet. So stehen im wuchtigen Betonbau seither nicht mehr nur Stunden in Klavier, Astronomie und Töpfern, sondern auch Programmieren, Drohnenflüge und Englischkurse auf dem Programm. Eine Schule, in der die Kinder zu kritischem und selbständigem Denken angeregt werden sollen, so will es Bobkowa.

Ein Konzept, das freilich nicht so gut in ein System passt, das gerne das Autoritäre von oben nach unten durchdekliniert und darauf ausgelegt ist, dass nicht zu viele Fragen gestellt werden. In den langen Gängen ist zwar noch der Muff der Sowjetzeit greifbar, aber im Laboratorium, wo die 3D-Drucker stehen, hängt kein Lenin-Bild, sondern ein Holzschnitt mit dem Porträt des Apple-Gründers Steve Jobs an der Wand.

Ein neuer Held

Aber verträgt sich der Gründergeist des "Silicon Valley" wirklich mit einem Staat, der vielen als der repressivste Europas gilt? Gibt es am Ende doch eine gläserne Decke des autoritären Staates, an die innovative Geister früher oder später stoßen? In der Aula der Minsker Universität für Informatik und Radioelektronik wurde den neuen Helden Weißrusslands jedenfalls schon vorsorglich ein Denkmal erbaut: ein schlaksiger Student mit Rucksack und Laptop, den Blick erwartungsvoll nach vorne gerichtet. Ein in Bronze gegossenes Zukunftsversprechen, wenngleich in sowjetischer Tradition: das Denkmal des Programmierers.