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Die Stimme hat eine Chance von 0,2 Sekunden

Von Konstanze Walther

Wirtschaft
Mit Schreien verschaffen sich Einsatzkräfte bei einer Massenpanik kein Gehör. Die Stimme muss hingegen ruhig, autoritär und vertrauenswürdig klingen. Foto: fotolia

Ob Einsatzkräfte ernst genommen werden, hängt nicht nur von Uniform ab. | Gestresste Stimmen können Unfallopfer noch mehr alarmieren. | Wien/Salzburg. Wie kann ich bei Geschäftsmeetings meine Stimme unter Kontrolle halten und souverän auftreten, selbst wenn meine Nerven flattern? Das lernten und übten Mitarbeiter der Porsche-Niederlassung in Salzburg im Rahmen eines Stimmtrainings. Einer der Teilnehmer dachte sich: "So etwas brauchen wir auch."


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"Wir", das ist im konkreten Fall das Bayerische Rote Kreuz Berchtesgaden, für das der Mann ehrenamtlich tätig ist. Denn in Extremsituationen sind auch die Nerven der Helfer angespannt - und das zeigt sich zuallererst in der Stimme.

"Eines Tages im Frühling kam der Anruf aus Bad Reichenhall", erinnert sich der Stimmcoach Arno Fischbacher. Er wurde von zwei Hilfsteams zur Leitung der Seminare eingeladen. "Diese Leute, die vom Roten Kreuz genauso kommen wie vom Technischen Hilfswerk, von der Wasserrettung und Bergrettung, die arbeiten sehr gut zusammen und wissen auch schon viel über Gruppendynamik und Psychoanalyse." Trotzdem wollte man sich weiterentwickeln. Denn: "Im Ernstfall tritt die unbewusste Wirkung eines Menschen nach vorne. Das, was er sagt, kommt in den Hintergrund."

Zumal die Zeitspanne zwischen Gesagtem und Gehörtem ohnedies nur bei 0,2 Sekunden liegt. "Erst ein Fünftel einer Sekunde, nachdem ich es ausgesprochen habe, versteht das Gehirn, was der andere gesagt hat. Aber in dieser Zeitspanne davor entscheidet das Gehirn, ob die Nachricht wichtig ist oder vielleicht falsch und ob ich dem Nachrichtensender vertrauen kann." Bei vier bis fünf gesprochenen Worten pro Sekunde hinkt das Gehirn mit der textlichen Verarbeitung immer ein Wort hinterher.

Kurzes Zeitfenster, um Autorität zu bekommen

In Extremsituationen, bei denen zudem oft rasches Handeln erforderlich ist, ist es daher besonders wichtig, sich der Wirkung der Stimme bewusst zu sein. Denn der Stress, unter dem auch die Helfer stehen, spiegelt sich in der Stimme wider. Und das hat nicht nur Auswirkungen auf die Psyche des Angesprochenen - sondern ist laut Fischbacher auch physisch messbar: "Ein Gespräch beeinflusst den Körper - durch Empathie. Das merkt man am Kreislauf, genauso wie am Herzrhythmus und auch am Hautwiderstand." Am Hautwiderstand? Ja - auf diesem Prinzip basieren auch Lügendetektor-Tests: In dramatischen Situationen nimmt der Widerstand des größten Organs des Körpers ab.

Beispielsweise bei Autounfällen kann eine gestresste - und damit gepresste - Stimme die ohnehin traumatisierten Personen noch zusätzlich stressen. "Studien zeigen, dass es hier zu einer abrupten Verschlechterung des Allgemeinzustandes kommen kann. Und wenn die Unfallopfer zwar physisch unversehrt sind, aber unter Schock stehen, kann eine weitere Alarmierung sogar zum Atemstillstand und damit zum Tod führen", erklärt Fischbacher.

Die Seminarreihe zum Stimmtraining absolviert derzeit im Landkreis Berchtesgaden die ehrenamtliche "Psychosoziale Notfallversorgung", die in die zwei Gruppen Krisenintervention und CISM-Team (Critical Incident Stress Management - Stressbewältigung für Einsatzkräfte) eingeteilt ist. Jene Personen, die sich einerseits um unversehrte Angehörige von verletzten oder toten Unfallopfern kümmern - oder um jene Einsatzkräfte, die selbst von einem Einsatz traumatisiert sind.

Seit die Teams im Mai mit der Ausbildung begonnen haben, kam es noch zu keiner Extremsituation, in der man die nun kontrollierte Stimme einsetzen konnte. "Mir geht es beim Training aber gar nicht um so dramatische Events", sagt Helmut Langosch, der Leiter der Psychosozialen Notfallversorgung, der im Zivilberuf Rettungsassistent beim Roten Kreuz ist. "Eine wildgewordene Stampede wie in Duisburg werden Sie nicht mit einer Stimme unter Kontrolle bekommen. Da ist ja niemand mehr da, der etwas hören will. Worauf es mir ankommt, sind die Gespräche im Alltag. Der Umgang mit Patienten. Dass man weder zu einfühlsam, noch zu befehlend mit denen umgeht."

Was die Stimme alles kann und was nicht, darüber sind sich Schüler und Lehrer nicht einig. Dass die Stimme bei Unfällen, die eine überschaubare Anzahl von Menschen betreffen, Wunder wirken kann, das kann sich Langosch schon vorstellen. Aber die Unglücke bei der Loveparade in Duisburg, bei der 21 Menschen infolge einer Massenpanik gestorben sind, wären durch beruhigende Worte nicht verhindert worden.

Einsatzmöglichkeit bei einer Massenpanik?

Arno Fischbacher ist sich da nicht so sicher: Im Ernstfall sei natürlich meistens niemand da, der auf eine verschreckte Menge beruhigend einwirken kann.

Trotzdem: Wenn etwa eine Massenpanik ausbricht und die Menschen kopflos in eine Richtung laufen, könnte man mit Megafon und wenigen Befehlen der Masse eine neue Richtung geben. Sofern die Stimme autoritär und vertrauenswürdig klingt. "Das muss dann eine direktive Vorgabe sein. Schreien bringt nichts, denn das Appell-Ohr ist in solchen Situationen taub. Man muss potenziellen Zweifel im Ansatz beseitigen mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet. Der Ton macht die Musik. Die Stimme sagt eindeutig, dass einer das Sagen hat und die Empfänger sich dementsprechend verhalten müssen."

Es überrascht daher nicht, dass sich schon Ausbildner der deutschen Polizei für das Stimmcoaching interessiert gezeigt haben.

"Die Sensibilisierung für Silent Messages steigt - das Bewusstsein, dass die Art und Weise, wie ich etwas sage, mehr als die halbe Miete sind", erklärt Fischbacher.