Die Suche nach den Wurzeln

Von Sabine Edith Braun

Reflexionen
Der Ahnenforscher Otto Amon sieht sich als Teil eines großen Ganzen.
© Sabine Edith Braun

Ahnenforschung ist zur Zeit sehr beliebt. Sie verspricht Antworten auf Fragen der persönlichen Herkunft und ist durch digitale Hilfsmittel sehr vereinfacht worden.


Von der üblichen mönchischen Ruhe war auf Stift Geras an jenem Wochenende wenig zu spüren: ICARUS - das "International Centre for Archival Research", ein Netzwerk aus 170 Archiven und wissenschaftlichen Institutionen - hatte vor einiger Zeit zur Veranstaltung "Unsere Geschichte - unsere Quellen" ins Waldviertel geladen, und Archivare, Historiker, private Familienforscher kamen.

Durch die Digitalisierung ganzer Archive ist es möglich geworden, dass Familien- und Ahnenforscher ihrem Hobby vom Küchentisch aus nachgehen können und nicht mehr von Archiv zu Archiv und von Pfarre zu Pfarre reisen müssen. Geburts-, Trau- und Sterberegister sind auf einer Online-Plattform gratis verfügbar, ebenso historische Urkunden oder alte Bilder (siehe Kasten).

"Wir haben erkannt, dass wir nicht nur die Institutionen selbst vernetzen müssen, sondern auch all jene, die sie benutzen", sagte ICARUS-Präsident Thomas Aigner. Dies ist mit dem Freundeverein "ICARUS4all" gelungen. Beim Fest in Geras trafen sie alle aufeinander: Experten, private Forscher und Interessierte.

Das "Fleischhauer-Gen"

Melitta Rieglers Erkenntnis nach 25 Jahren Ahnenforschung: "Ich habe das Fleischhauer-Gen in mir entdeckt!" Schon als Kind hat sie gerne mit dem Großvater auf Begräbnissen die Toten angeschaut - "Die hat man damals ja noch offen ausgestellt im Sarg". Dass sie eine Scheu vor toten Körpern hat, kann die Deutsch-Wagramerin nicht behaupten - im Gegenteil: "Es war ein Feiertag für mich, wenn früher bei uns ein Hase oder Hendl geschlachtet worden ist - ich habe das geliebt." Als Kind hatte sie Vergnügen daran, aus einem geschlachteten Tier Gedärme und Innereien herauszuholen. "Wenn man heute ein Hendl kauft, ist von den Innereien praktisch nichts mehr dabei. Ich frage mich, wo kommt das heute alles hin?", wundert sich Riegler.

Fast 50 Jahre sollte es dauern, bis sie draufkam, woher die sonderbare Attraktivität herrührte, die geschlachtete Tiere auf sie ausübten. "In meinem Stammbaum gibt es Bauern, Handwerker und Weinbauern - aber auch eine erstaunliche Anzahl von Fleischhauern", berichtet sie stolz.

Den am weitesten zurückliegenden Vorfahr konnte Melitta Riegler in der Mitte des 16. Jahrhunderts nachweisen. "Das ist aber ein irrsinniger Glücksfall", gibt sie zu. Die meisten ihrer Ahnen - rund drei Viertel - lassen sich im 17. Jahrhundert belegen.

Bei Otto Amon aus Wildendürnbach im Bezirk Mistelbach ist es ähnlich. Sein ältester Nachweis eines Vorfahren datiert ins Jahr 1590. Zwölf Generationen zurück kann er seine Ahnen zweifelsfrei identifizieren. Bei Amon begann alles mit dem Kopieren der Ahnenpässe seiner Familie im Jahr 1979 - wodurch er nun Bescheid wusste über die Herkunft von rund 150 Personen seines familiären Umfeldes. Dass dieser Schritt zum Ausgangspunkt einer lebenslangen Beschäftigung mit der eigenen Geschichte werden sollte, konnte er nicht ahnen.

Als Amon nach einigen Jahren als Handelsattaché im Ausland Mitte der Neunziger nach Österreich zurück kam, wechselte er in die IT-Branche. Zum Ausgleich bastelte er seine eigene Datenbankanwendung, die ihn von nun an bei der Ahnenforschung unterstützte: Die Zahl der nachgewiesenen Vorfahren wuchs auf 400 an.

Angeregt durch ihre Ahnenforschung, beschloss Melitta Riegler Geschichte zu studieren, später auch Europäische Ethnologie. Spezialisiert ist sie auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Sie fand heraus, dass ihre Vorfahren, die Fleischer, sehr vermögend waren, und dass sie auch gerne unter sich blieben. Sie holten das Ochsenfleisch, das sie verkauften, aus der ungarischen Tiefebene. Einer dieser Fleischer geriet dabei sogar in Geiselhaft, erzählt sie.

Diese Geschichte ist im Heimatbuch der Marktgemeinde Hohenruppersdorf nachzulesen. Dort befindet sich das Marktarchiv im nordöstlichen Niederösterreich mit der größten Fülle von Quellen zur Frühen Neuzeit. Melitta Riegler hat dort viel Zeit verbracht.

Quellenkunde

Wann lässt sich in der Ahnenforschung überhaupt von einem "Nachweis" sprechen? Sind es Beweise im wissenschaftlichen Sinne? "Erste und häufigste Quelle sind meist die Matrikenbücher in den Pfarren", sagt Otto Amon, "das sind die Tauf-, Heirats- und Sterbebücher der Kirchen, die es im Weinviertel ab der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts gibt; lückenfrei jedoch erst ab 1784 - was auch der Grund ist, warum man 1800 oft stecken bleibt."

Bei gleichlautenden Vor- oder Familiennamen oder knapp beisammenliegenden Geburtsdaten kann ein Blick ins Grundbuch helfen. Grundbücher wurden von den Herrschaften für weiterverpachtetes Land geführt, für das die Bauern Abgaben entrichten mussten. Direktes herrschaftliches Eigentum wie Fleischhauereien und Wirtshäuser, die nur auf zwei bis drei Jahre verpachtet wurden, stehen allerdings nicht in den Grundbüchern.

Otto Amon nennt eine weitere Schwierigkeit: "Vor allem, wenn es sich um eine in der damaligen Zeit ‚berühmte‘ Persönlichkeit handelt, wird der Weg zurück durch die Generationen schwierig. Dann heißt es nämlich in den Tauf- und Heiratsbüchern nur: ‚Franz X, Fleischhauer in Z‘, denn weil diesen Fleischhauer damals in Z jeder gekannt hat, hat der Pfarrer sich nicht bemüßigt gefühlt, nähere Angaben zu machen", sagt Otto Amon.

Kritische Distanz

Zunftbücher oder die Verlassenschaftsakten der Bezirksgerichte in den Landesarchiven können weiterhelfen. "Auch wenn Kirchenbücher von allen Quellen die verlässlichsten sind - als Ahnenforscher muss man immer sehr kritisch bleiben", sagt Amon.

Während nunmehr eine wachsende Anzahl von Matrikenbüchern digitalisiert ist, musste man früher jedes Buch persönlich in Augenschein nehmen, und das kostete Zeit und Geld, "aber auch jede Menge Telefonate, oftmals Bitten und Betteln, und auch so manche Bonbonniere", wie Melitta Riegler erzählt, die in jede einzelne Pfarre gefahren ist. Und das waren knapp 150, denn ihre Vorfahren sind viel herumgezogen.

So wie die von Otto Amon. Einer seiner Vorfahren stammte sogar aus Venedig, es handelte sich um einen Gondoliere. Olivio Francesco war von Theodor Graf Sinzendorf Ende des 17. Jahrhunderts nach Hagenberg geholt worden. Im Zuge der sich nähernden Türkengefahr wurden im Weinviertel die Burgen aufgerüstet, Schloss Hagenberg mit einem Burggraben samt See versehen. "Graf Sinzendorf dürfte in Venedig von den Gondeln sehr beeindruckt gewesen sein", sagt Amon, "jedenfalls ließ er einen See aufstauen und aus Venedig drei Gondeln samt Gondoliere kommen." Selbst Kaiser Leopold I. war um 1700 dort zu Besuch. Francescos Sohn, ebenfalls Gondoliere, wurde sogar an den Fürsten Liechtenstein verborgt. Noch heute erinnert beim Schloss eine Tafel an diese Geschichte.

Wie war Amon auf den Gondoliere gestoßen? - Einer seiner Vorfahren, ein Schustersohn aus Hagenberg, hatte in eine Landwirtschaft eingeheiratet, doch seine Frau, die Bäuerin, starb bald darauf. Bei dessen zweiter Frau handelte es sich um Rosalia Olifi - die Enkelin eines gewissen Francesco Olivi, die, so wie er, aus Hagenberg kam. "Rosalias Großvater hieß eigentlich Olivio Francesco - er war der besagte Gondoliere -, aber der Pfarrer hat Vor- und Nachnamen vertauscht, und diesen dann auch noch falsch geschrieben", erklärt Amon.

Kunst der Recherche

Manchmal ist Hilfe von außen unerlässlich - vor allem, wenn das Forschungsgebiet ein sehr weites ist. So wie das von Melitta Riegler, das sich auf Niederösterreich, Südmähren, die Slowakei, aber auch das Elsass erstreckt. Bei ihren Auslandsausflügen bekam sie Unterstützung von Mormonen, die schon vor Jahrzehnten viele Quellen auf Mikrofiche verfilmt hatten und bis heute in der Ahnenforschung führend sind. "Ich habe Kontakt mit der Leiterin des Tempels in der Wiener Böcklinstraße aufgenommen", erzählt Melitta Riegler. Die Besuche in Tschechien, die sich für sie alleine sehr mühsam gestaltet hatten, verliefen mit der professionellen Unterstützung der Mormonen nahezu reibungslos.

Ausflüge wie diese sind mittlerweile die Ausnahme. Wer heute Ahnenforschung betreibt, muss nicht mehr jede Pfarre persönlich aufsuchen, sondern kann die Recherche über das Internet betreiben. Geschichte - allen voran die eigene - wird damit für jedermann zugänglich. Als Otto Amon 2013 von der Online-Verfügbarkeit der Kirchenbücher erfuhr, wuchs die Zahl seiner Vorfahren - einschließlich der Nebenlinien - binnen Kurzem auf über 1900 an.

Amon bestreitet nicht, stolz darauf zu sein, dass seine Ahnentafel bereits zwölf Generationen zurückreicht. Doch Ahnenforschung ist für ihn weit mehr als ein Detektivspiel mit Ortsnamen und Jahreszahlen: "Ahnenforschung ist das Aufarbeiten von Schicksalen, die zu unserer Existenz führen. Das hat etwas ungemein Tröstliches, wenn wir uns als Teil eines riesigen, größeren Ganzen begreifen können. Es gäbe mich nicht, wenn es den venezianischen Gondoliere um 1685 nicht nach Hagenberg verschlagen hätte, denn ich bin das genetische Produkt all dieser vorangegangenen Einzelschicksale."

Tipp für Interessierte
ICARUS ist eine Plattform, wo Institutionen und Privatmenschen, die sich mit Archiv-Themen befassen, in einen Dialog treten können:
http/www.4all.icar-us.eu

Weiterführende Links:
Matricula.info: Grundlagen jeder Familienforschung in Form von Tauf-, Trauungs- und Sterbebüchern der Diözesen Wien und St. Pölten.

Monasterium.net: Grundlagen der mittelalterlichen Geschichte des Landes aus weltlichen und geistlichen Archiven.

Archivnet.at: österreichisches Archivportal; Schwerpunkt niederösterreichische Archive.

Topothek.at: die lokalhistorische Plattform macht private Dokumente, Fotos und Wissen zugänglich.

Sabine Edith Braun, geboren 1975, arbeitet als freie Journalistin und Verlagslektorin in Wien.