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Die Tragödie in der Antarktis

Von Heiner Boberski

Wissen

Einst Schauplatz eines menschlichen Dramas, heute wachsender Umweltsorgen.


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"Der Nordpol hatte es mir von Kindesbeinen an angetan, und nun befand ich mich am Südpol. Kann man sich etwas Gegensätzlicheres vorstellen?" So erinnert sich der Norweger Roald Amundsen später an den 14. Dezember 1911, an dem er mit vier Gefährten als erster Mensch den südlichsten Punkt der Erde erreicht und dort die norwegische Fahne aufgepflanzt hat.

Tatsächlich hat Amundsen zuvor den Nordpol angepeilt, doch nachdem die Amerikaner Frederick Cook und Robert Peary behauptet haben, diesen Pol erreicht zu haben (wahrscheinlich sind sie ihm aber nur sehr nahe gekommen), will er wenigstens der Erste am Südpol sein. Mit seinem - von Fridtjof Nansen übernommenen - Schiff "Fram" bricht er im August 1910 von Christiania (heute Oslo) auf und teilt der Mannschaft erst im Atlantik mit, dass es zum Südpol geht. Wer wolle, könne noch aussteigen, bietet Amundsen an, aber alle bleiben.

Amundsens erfahrenster Begleiter ist fünf Jahre älter als er und einer der besten Turner und Skisportler seiner Zeit: Fredrik Hjalmar Johansen. Er war schon 1893 bis 1896 bei Nansens Polarexpedition dabei und hat damals mit diesem vergeblich versucht, den Nordpol auf Skiern zu erreichen. Der Bergsteiger Reinhold Messner hat sein neues Buch "Pol - Hjalmar Johansens Hundejahre" (Malik Verlag) aus der Sicht dieses tragisch gescheiterten Polarforschers und hervorragenden Hundeführers geschrieben.

Roald Amundsens Ehrgeiz

1909 ist der Brite Ernest Shackleton bis auf etwa 180 Kilometer an den Südpol herangekommen, im Jänner 1911 landet sein Landsmann Robert Falcon Scott mit der "Terra Nova" in Kap Evans am Ross-Meer und beginnt mit den Vorbereitungen für einen neuen Anlauf Richtung Pol. Gleichzeitig erkundet Amundsen von "Framheim" aus mit seinen Leuten das Terrain und legt Depots für den Vorstoß ins Innere der Antarktis an. Johansen gerät gleich am Beginn der Expedition mit Amundsen in Konflikt. Amundsen will Scott zuvorkommen, bricht für die Jahreszeit zu früh schon im September 1911 auf und muss wegen eines Sturms und bitterer Kälte wieder zum Basislager umkehren, was er mit dem besten Hundegespann tut - ohne sich um die anderen zu kümmern. Als Johansen, der unter Lebensgefahr einen fast erfrorenen Kameraden rettet, ihn offen kritisiert, schließt Amundsen den unbequemen Begleiter von der Expedition aus.

Reinhold Messner lässt seine Leser an Johansens mutmaßlichen Gedanken teilhaben: "Amundsen fügt sich dem Gesetz der Massen. Sein Ziel war nie der Nordpol, auch nicht der Südpol, sein Ziel war und bleibt die erste Seite in der Zeitung. Nur der Ungeist der Konkurrenz treibt ihn an. Deshalb der verfrühte Aufbruch. Deshalb die hohen Risiken. Deshalb das Chaos, das er hinter sich zurückließ, vorbei an Freiheit und Sicherheit von uns anderen."

Johansens und Scotts Ende

Johansen wird auf einen Erkundungsmarsch zur Edward-VII-Halbinsel beordert. Amundsen bricht am 20. Oktober 1911 gemeinsam mit Olav Bjaaland, Helmer Hanssen, Sverre Hassel und Oscar Wisting zum Pol auf, den die Gruppe nach acht harten Wochen auch erreicht. Groß gefeiert wird das laut Amundsens Bericht nicht: "Wir gaben uns jeder mit einem kleinen Stück Robbenfleisch zufrieden, und es schmeckte gut und tat uns gut."

Erst am 7. März 1912, als Amundsen von Tasmanien aus ein Telegramm an seinen Bruder geschickt hat, erfährt die Welt vom Erfolg der Norweger. Für die junge Nation, die erst 1905 die Unabhängigkeit von Schweden erlangt hat, ist Amundsen der große Heros. Die Rückkehr gerät zum Triumph, Hjalmar Johansen aber darf nicht mit den anderen Expeditionsteilnehmern von Bord gehen. Er wird in der Öffentlichkeit als Meuterer hingestellt, verfällt in Depression und erschießt sich am 3. Jänner 1913 im Sollipark in Christiania.

Wie aber ergeht es Robert Falcon Scott und seinen Mitstreitern Edgar Evans, Lawrence Oates, Edward Wilson und Henry Bowers? Nach mörderischen Strapazen treffen sie am 18. Jänner 1912 endlich am Südpol ein, wo sie zu ihrer großen Enttäuschung Fahne und Zelt der Norweger vorfinden. Amundsen hat ein Schreiben an Scott hinterlassen mit einem Brief an den norwegischen König - für den Fall, dass ihm auf dem Rückweg etwas zustoßen sollte, während Scott gut heimkäme.

Genau das aber ist nicht der Fall: Auf dem Rückweg gehen den Briten die Vorräte aus, ihre Kräfte schwinden, zwei kommen um, ein starker Schneesturm hindert die drei Überlebenden, die letzten 18 Kilometer bis zum rettenden Depot in Angriff zu nehmen. Vielleicht will Scott nach der Niederlage und dem Tod von Evans und Oates auch gar nicht mehr heim und als Held sterben. Erst am 12. November 1912 findet ein Suchtrupp in einem verschneiten Zelt die drei gefrorenen Leichen. Scott hat bis zuletzt Tagebuch geführt, am 29. März hat er notiert: "Ich glaube nicht, dass wir jetzt noch hoffen können. Wir werden es bis zum Ende durchstehen, aber wir werden natürlich schwächer, und das Ende kann nicht mehr weit sein. Es ist schade, aber ich glaube, ich kann jetzt nicht mehr schreiben. R. Scott." Er setzt noch hinzu: "Kümmert euch um Gottes willen um unsere Leute."

Das Schicksal von Scott und seinen Männern wirft einen weiteren Schatten auf Amundsen, der später bereut, Scott am Pol keine seiner überzähligen Brennstoffvorräte hinterlassen zu haben. Vielleicht treibt ihn sogar ein Impuls zur Wiedergutmachung an, als er 1928 sein Leben riskiert, um seinen italienischen Polarforscher-Kollegen Umberto Nobile im arktischen Eis zu suchen, und dabei spurlos verschwindet. Heute ist man sich auch in Norwegen der Schwächen des ehrgeizigen, autoritären und rücksichtslosen Nationalhelden bewusst, der 1911 hoch verschuldet war und bei seiner Expedition unter Erfolgszwang stand. Als strahlender Sieger steht Amundsen nicht da.

Hunde, Pinguine, Wale

Es gibt viele Gründe, warum die Norweger die Ersten waren. Sie hatten die wärmere Kleidung und die besser markierten und abgedichteten Brennstoffkanister, sie konnten Skilaufen, und sie setzten auf Hundeschlitten, während die Briten es zunächst auch mit Ponys (die im Eis einsanken) und Motorschlitten (die in der Kälte eingingen) versuchten. Amundsen tat auch etwas, was den Briten nie eingefallen wäre: Erschöpfte Hunde wurden erschossen, ihr Fleisch verfütterte man an die anderen Hunde.

Auch angesichts des Klimawandels bleibt die Antarktis, jenes 52 Millionen Quadratkilometer umfassende Gebiet, das 85 Prozent der Süßwasservorräte der Erde und etliche begehrte Rohstoffe birgt, ein tragischer Boden, auch wenn heute mehr die Pinguine und die Wale leiden. Gerade erst hat Japan zur Empörung aller Umweltschützer wieder seine Walfangflotte in die Antarktis geschickt und gibt dabei offen zu, dass der Walfang mit Hilfsgeldern für die Opfer der Fukushima-Katastrophe finanziert wird.

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