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"Die Ukrainer warten auf ein Wunder"

Von Gerhard Lechner

Politik

Der Lemberger Historiker Jaroslaw Hryzak über die Chancen von Präsident Petro Poroschenko auf eine Wiederwahl und über die Gründe, warum in der Ukraine ein Kabarettist zum Präsidenten gewählt werden könnte.


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"Wiener Zeitung": Am 31. März wird in der Ukraine ein neuer Präsident gewählt, und es bahnt sich eine Überraschung an: Der Kabarettist Wolodymyr Selenski, der in einer Fernsehserie schon einmal einen ukrainischen Präsidenten spielte, liegt in den Umfragen stabil auf dem ersten Platz - noch vor Präsident Petro Poroschenko und der Ikone der Orangen Revolution, Julia Timoschenko. Wird die Ukraine in Zukunft von einem Spaßvogel regiert?

Jaroslaw Hryzak: Er hat zumindest gute Chancen. Das sind wahrscheinlich die Wahlen mit dem größten Überraschungspotenzial, die in der Ukraine bisher stattgefunden haben. Alles kann passieren. Und Selenski ist in diesem Spiel die große Unbekannte. Lange Zeit hat ihn niemand ernst genommen, man dachte, die Hauptkonkurrenten werden am Ende Poroschenko und Timoschenko heißen. Und jetzt liegt Selenski vorne.

Was hat ihn so weit nach vorn gebracht?

Erst einmal ist es sein Populismus. Zweitens unterstützen ihn offensichtlich die jüngeren Leute. Sie zeigen den Mächtigen im Land auf ihre Weise, dass sie tief frustriert sind. Mit einer Stimme für Selenski kann man seinem Protest Ausdruck verleihen. Außerdem gibt es eine sehr starke Sehnsucht nach Reformen. Und nachdem bei vielen der Eindruck vorherrscht, dass die aktuelle Führung diese Reformen nicht liefern kann, hält man nach einer Alternative Ausschau. Selenski scheint diese Alternative zu sein.

Manche wollen wissen, dass Selenski vom Oligarchen Ihor Kolomojski unterstützt wird...

Ja, das wird er. Kolomojski hat 2014, nach der Krim-Annexion und dem Kriegsbeginn im Donbass, eine Schlüsselrolle bei der Verteidigung seiner Heimatregion Dnipro gespielt. Danach folgte der Bruch mit Poroschenko, ein tiefer Konflikt, und jetzt will sich Kolomojski an Poroschenko rächen.

Ist Selenski also nur eine Puppe in den Händen von Kolomojski?

Nein, "Puppe" wäre ein zu starkes Wort. Aber ohne die Unterstützung Kolomojskis könnte der Newcomer Selenski nicht viel ausrichten. Und Kolomojski will Selenski benutzen, um Rache an Poroschenko zu nehmen. Er würde jeden als ukrainischen Präsidenten akzeptieren, solange er nicht Poroschenko heißt.

Es heißt aber auch, dass Kolomojski Timoschenko ebenfalls unterstützt...

Ja, solche Gerüchte gibt es. Die Entscheidung, wer letztlich Präsident oder Präsidentin wird, wird jedenfalls so oder so erst in der Stichwahl fallen. Wie es jetzt aussieht, geht es am 31. März darum, wer es außer Selenski in die Stichwahl schaffen wird - Poroschenko oder Timoschenko. Da ist das Rennen noch ziemlich offen.

Die anderen Kandidaten haben keine Chancen, in die Stichwahl zu kommen? Etwa der vergleichsweise prorussische Kandidat Juri Bojko oder der Kandidat der Maidan-Bewegung, Ex-Verteidigungsminister Anatoli Hryzenko?

Bojko hat keine Chance - ohne die Krim und den Donbass wird er nicht genug Stimmen bekommen. Wie es jetzt aussieht, wird der Süden der Ukraine für Selenski stimmen, in der Zentral- und Ostukraine ist die Lage nicht so klar. Der ukrainische Teil des Donbass wird wohl für Bojko stimmen. In Dnipro, im früheren Dnipropetrowsk, dem industriellen Herz der Ukraine, ist die Lage sehr gemischt, Bojko hat gute Chancen, aber auch Selenski und andere. Im Zentrum ist es wieder anders. Statt dem früher relativ einheitlich wählenden Ost- und Südosten gibt es heute unterschiedliche Subregionen mit ganz eigenen Wahlpräferenzen.

Sie leben im eindeutig prowestlichen, ukrainisch-national orientierten Lemberg. Wie sind die Präferenzen der Menschen in diesem Teil der Ukraine?

Im Westen bevorzugen die Menschen Poroschenko. Selenski ist bei uns nicht so populär. Niemand kann schließlich sagen, was passieren wird, wenn er tatsächlich Präsident wird. Die Ukrainer lassen sich beim Wählen nicht gern auf Überraschungen ein. Und es wäre nicht nur eine Überraschung, wenn Selenski Präsident wird, auch sein Kurs wäre eine, denn Selenski hat kein Programm vorzuweisen. Seine Aussagen sind nicht klar, bewegen sich im Ungefähren. Viele bezweifeln, dass sein Team in wichtigen Fragen, beispielsweise in der Außenpolitik, genug Kompetenz hat. Bei Poroschenko weiß man hingegen, was man nach dem Wahltag bekommt. Außerdem wissen die Menschen, welcher Kandidat dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am meisten missfällt - nämlich Poroschenko. Poroschenkos Hochburgen liegen also zwischen Lemberg und Kiew.

Nochmals zu Selenski: In der Fernsehserie, in der er einen einfachen Geschichtslehrer spielt, der überraschend zum Staatschef gewählt wird, kämpft Selenski - auf oft humorvolle Art und Weise - als Präsident Wassili Goloborodko mit harten Bandagen gegen das oligarchische System. Da wird ziemlich hemdsärmelig verhaftet, oft kommt der Holzhammer zum Einsatz. Sehnen sich die Ukrainer nach dem berüchtigten starken Mann, der endlich aufräumt und Ordnung schafft?

Nicht unbedingt. Der Euromaidan vor fünf Jahren hat in der Ukraine aber die Erwartungen an die Politik hochgeschraubt. Man könnte sagen: Die Ukrainer warten auf ein Wunder. Manche glauben, Selenski könnte dieses Wunder vollbringen. Außerdem trauen die Menschen stärker Bildern als der Realität - das ist ja nicht nur in der Ukraine so. Die Menschen, die Selenski wählen, wählen vermutlich gar nicht in erster Linie den echten Selenski. Sie wählen den Fernseh-Präsidenten Goloborodko. Das Bild, das Image, das in der Serie kreiert wurde, wirkt stärker als die Wirklichkeit. Selenski vermeidet ja auch deshalb klare Aussagen, weil er mit ihnen sein Image zerstören würde.

Selenski kommt aus dem russischsprachigen Teil der Ukraine, auch in seiner TV-Serie "Diener des Volkes", in der er den Präsidenten spielt, wird großteils russisch gesprochen. Befürchten Sie mit einem Präsidenten Selenski eine prorussischere Politik der Ukraine?

Nein. Selenski hat 2014 in dem Konflikt mit Russland die ukrainische Armee unterstützt, seine Loyalität zur Ukraine ist eindeutig. Die Hauptsorge vieler Menschen, die ich teile, ist eine andere: Selenski hat keine Erfahrung im Bereich Politik. Und dann ist da noch eines: Seine "Partei", die so wie die Fernsehserie heißt, ist in Umfragen ebenfalls weit vorne. In der realen Welt gibt es sie allerdings noch gar nicht. Sie ist bis dato ein reines Protestphänomen.

Selenskis Konkurrenten Poroschenko und Timoschenko gehören ja schon lange zur politischen Klasse in der Ukraine. Timoschenko hat ihre Karriere schon zu Sowjetzeiten im Jugendverband Komsomol begonnen. Könnte eine Präsidentschaft Selenskis nicht auch eine Chance für die Ukraine sein, sich von diesen Politikern, die noch in den Sowjetstrukturen aufgewachsen sind, zu emanzipieren?

Ich glaube nicht, dass Timoschenko oder Poroschenko sozusagen "Sowjetmenschen" sind. Das sind sie nicht. Sie haben sich erst im Regime von Präsident Leonid Kutschma in den 1990er Jahren als Oligarchen entfalten können. Der Kampf um die Präsidentschaft findet heute zwischen jenen Leuten statt, die schon zur Zeit der Orangen Revolution von 2004 eine wichtige Rolle gespielt haben - Selenski einmal ausgenommen. Für Timoschenko dürfte es wohl der letzte Anlauf ins Präsidentenamt sein. Sie hat es schon oft versucht und ist bisher jedes Mal gescheitert.

Glauben Sie, dass es nach der Wahl fundamentale Veränderungen in der Ukraine geben kann?

Ehrlich gesagt: Nein. Mit Selenski ist theoretisch zwar alles möglich, aber wohl nur theoretisch. Die Probleme, die das ukrainische System hat, liegen nämlich tief. Um es wirklich zu reformieren, müsste man radikale Reformen einleiten. Und ich glaube nicht, dass der Quereinsteiger Selenski dazu in der Lage sein wird.

Wem trauen Sie solche Reformen am ehesten zu?

Am ehesten noch Poroschenko, obwohl das überraschend klingen mag angesichts des Umstands, dass er seit 2014 an der Macht ist. Betrachtet man die Lage in der Ukraine aber nüchtern - Wunder darf man sich ja keine erwarten -, so ist Poroschenko kein schlechter Präsident. Er hat einige Reformen durchgeführt, zwar zu langsam und verhalten, aber immerhin - die Richtung stimmt. Vieles hat sich zum Guten verändert. Poroschenko hat trotz einiger Mühlsteine immer noch genug Chancen, wiedergewählt zu werden. Wenn man ihn wählt, weiß man zumindest, was man bekommt. Sein Kurs ist vorhersagbar, auch außenpolitisch. Und viele Ukrainer wollen nicht, dass ihr Land von einem unerfahrenen Schauspieler regiert wird - oder von Timoschenko.