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"Die Universitäten stehen vor neuen und faszinierenden Aufgaben"

Von Erwin Niederwieser

Wissen

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Reformschritte in der Bildungspolitik wirken nicht von einem Tag auf den anderen. Das gilt auch für jene wichtigen Hochschulgesetze der letzten Jahre, die - wenn auch nicht ausschließlich - sozialdemokratischen Konzepten folgen: Das UniStG (Universitätsstudiengesetz), das UOG ´93 (Universitätsorganisationsgesetz), das FHStG (Fachhochschulstudiengesetz), das Organisations- und Studienrecht für die "neuen" Kunstuniversitäten und die letzten Novellen zum Studienförderungsgesetz.

Gemeinsames Merkmal ist der stark demokratische Ansatz: Nicht mehr das Ministerium schreibt im Detail alles vor, sondern an den Universitäten, Fakultäten und Instituten werden alle wesentlichen Entscheidungen getroffen. Diese neue Autonomie ist gleichermaßen ungewohnt wie unvollkommen. Statt politischer Interventionen geht es um die Suche nach Mehrheiten und für Fehler ist man weitgehend selbst verantwortlich - aber die bisherigen Ergebnisse sind äußerst ermutigend. Aus unserer Sicht hätte die Stärkung der "monokratischen Organe" in ihrer Tagesarbeit auch den Zugang für den Mittelbau zu diesen Funktionen notwendig gemacht, zumal diese Funktionen nur bedingt wissenschaftliche Qualifikationen erfordern - dieses Thema ist für uns noch nicht ad acta gelegt.

Auch die studentischen Rechte - vor allem in den Studienkommissionen - sind noch auszubauen. Unser Ziel ist die Semiparität.

Die große Organisationsreform des österreichischen Universitätssystems ist derzeit legistisch abgeschlossen. Adaptierungen wird es immer geben. Die "Vollrechtsfähigkeit der Universitäten" ist jedoch kein Programmpunkt für die kommende Gesetzgebungsperiode. Jene Universitäten, welche solche Modelle versuchen wollen, werden aber die Möglichkeit dazu erhalten.

Das internationale Renommee, welches Österreichs Ausbildungsstätten und Forschungseinrichtungen genießen, muß auch in Hinkunft gewahrt bleiben. Evaluierung mit Folgen und Qualitätssicherung sind daher unumgänglich. Ob wir es sehen oder nicht: unsere Fakultäten stehen auch in einem internationalen Wettstreit um die Studierenden. JedeR hat heute die Möglichkeit, im Fernstudium Abschlüsse anerkannter ausländischer Universitäten zu erlangen. Mehrere tausend ÖsterreicherInnen studieren beispielsweise an der britischen "Open University" in Milton Keynes, hunderte nehmen an den FH-Studienprogrammen deutscher Fernstudienanbieter teil.

Um nicht den Anschluss zu verlieren, müssen in Lehre und Forschung die Möglichkeiten der neuen Medien verstärkt genützt werden. Während deren Einsatz im Forschungsbereich mittlerweile vielfach selbstverständlich ist und unsere Universitäten in der Ausstattung mit Internet-Plätzen und Mail-Adressen für Studierende keinen Vergleich zu scheuen brauchen, gilt es im Bereich der Lehre weitaus ambitioniertere Ziele zu stecken: Wir wollen eine "Aktivbilanz". Wenn 10.000 österreichische Studierende ein Fernstudium an diversen ausländischen Universitäten absolvieren, dann muß es uns gelingen, die doppelte Anzahl an Studierenden aus aller Welt für österreichische Fernstudien zu gewinnen.

Im Zeichen von Globalisierung und Entsolidarisierung haben unsere Universitäten die Mitverantwortung für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Es gibt die FortschrittsverliererInnen und die noch größere Zahl jener, die fürchten, zu den VerliererInnen zu gehören. Wissenschaft muß vor Fehlentwicklungen warnen - aber wissenschaftliche Erkenntnisse, die nur die Furcht vergrößern und nicht auch Lösungen vorschlagen, sind unvollständig. Die Universitäten als Plätze, an denen intellektuelle Kreativität angeregt, entwickelt und gefördert wird und zwar auf einer breiten Basis von Interaktionen mit regionalen Initiativen, Betrieben, Gewerkschaften, Gemeinderäten usw. haben meines Erachtens hier erweiterte und unverzichtbare Aufgaben.

Unverzichtbar ist ihre Rolle auch für die Lerngesellschaft der Zukunft, beim lebensbegleitenden Lernen; und hier ist mir durchaus bewußt, dass diese zusätzlichen Aufgaben nicht mit den vorhanden Mitteln zu bewältigen sind.

Für die SeniorenstudentInnen und für berufstätige Studierende haben wir in der Novelle des Universitätsstudiengesetzes (UniStG) und im Studienförderungsgesetz bereits wesentliche Schritte gesetzt (z.B. das Studienabschlussstipendium), die Rahmenbedingungen für die "non traditional students" werden aber noch weiter zu verbessern sein.

Mit dem Beschluss der Bundesregierung, die Forschungsquote in den nächsten Jahren auf 2,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes zu erhöhen, scheint die Dotierung von Forschungsprojekten gesichert. Zugleich wird sich die Anhebung der Forschungsausgaben auch auf die Schaffung mehrerer 1.000 neuer ForscherInnen - Arbeitsplätze bei universitären Projekten und in Betrieben positiv auswirken.

Für unbefriedigend halte ich aber nach wie vor die Personalentwicklung im Hochschulbereich. Dass Österreich bei den Bildungsausgaben im Durchschnitt der OECD-Länder liegt, ist auf ein überproportional dotiertes Schulsystem zurückzuführen. Das Betreuungsverhältnis StudentInnen - wissenschaftliches Personal hat sich von 1972 (65.000 : 10.500) bis 1997 (219.000 : 11.100) leider verschlechtert. Im Vergleich dazu konstatieren wir im Schulsektor von 1972 (1.360.000 : 89.000) bis 1997 (1.180.000 : 122.000) trotz sinkender SchülerInnenzahl eine Ausweitung des Lehrpersonals und auch das Betreuungsverhältnis zwischen medizinischem Personal und PatientInnen oder zwischen Gendarmerie/Polizei und Einwohnerzahl hat sich deutlich verbessert. Nur im universitären Sektor konstatieren wir diese Verschlechterung. Was wir brauchen, ist ein besseres gemeinsames Eintreten für die Interessen von Wissenschaft und Forschung. Das können weder die WissenschafterInnen noch die PolitikerInnen im Alleingang bewältigen. Wir sind zu dieser gemeinsamen Bewusstseinsarbeit bereit und ich werde dann zufrieden sein, wenn sich die Österreicherinnen und Österreicher vor ungenügenden Forschungsleistungen mehr fürchten als vor der Ostmafia.

DDr. Erwin Niederwieser ist Nationalratsabgeordneter und Wissenschaftssprecher der SPÖ