Die Urbanisierung des Planeten

Von Bernd Vasari

© Markus Sepperer

Erstmals in der Geschichte der Menschheit lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Ein Drittel aller Menschen ist derzeit in Bewegung, um dem Landleben den Rücken zu kehren.


Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass der Trend der Landflucht anhalten wird und das 21. Jahrhundert als urbanes Zeitalter in die Geschichte eingehen wird. Im Vergleich zum Jahr 1950, als 309 Millionen Menschen in Städten lebten, werden es im Jahr 2030 rund 3,09 Milliarden sein. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bis 2050 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Dabei ist der Wohnraum in Ballungsräumen bereits heute schon knapp. Metropolen wie Lagos, Mexiko-City oder Istanbul platzen bereits jetzt aus allen Nähten. Aber auch Städte wie Wien, Amsterdam oder Stockholm stehen unter Druck.

Steigende Immobilienpreise und immer kleinere Wohneinheiten sind die ersten spürbaren Auswirkungen der Völkerwanderung. Der Einfluss dieser Auswirkungen auf das Wanderungsverhalten bleibt global gesehen aber marginal. Die Landwirtschaft ist für viele Menschen nicht mehr lebenserhaltend. Das Leben in Städten ist hingegen zumeist stabiler. Auch wenn die Straßen für die Neuankömmlinge nicht mit Gold gepflastert sind, so offenbaren Städte mehr Möglichkeiten und Chancen. Denn Migranten sind keine passiven Opfer, sie sind viel mehr die Gestalter und Impulsgeber für ihre neue Umgebung, schreibt Doug Saunders in seinem preisgekrönten Buch "Arrival City". Migranten seien der Antrieb der Städte und gekommen, um ihren Lebensstandard zu verbessern, sind strebsam und bringen Unternehmergeist mit. Jenen, die sich vor Migranten fürchten, sagt Saunders, dass Städte die Fähigkeiten, die Energie und die Arbeitskraft dringend benötigen würden, um zu überleben. In erstaunlich vielen Fällen würde den Nachkommen von Migranten innerhalb von einer oder zwei Generationen der Aufstieg in die städtische Mittelschicht gelingen, selbst wenn ein beträchtlicher Teil von ihnen zuvor völlig besitzlos war. Angekommen in der Mittelschicht schaffen auch sie neue Arbeitsplätze und zahlen Steuern.

Städte überflügeln Nationalstaaten

Die Urbanisierung des Planeten wirkt sich auch auf die politischen Kräfteverhältnisse aus. Was der US-Historiker Lewis Mumford einst als "größte Errungenschaft der Zivilisation" gepriesen hat, die Erfindung der Stadt, ist auf dem Weg, die Macht der Länder zu minimieren. Es gibt bereits Städte, deren volkwirtschaftliche Potenz die Möglichkeiten ganzer Nationalstaaten überstrahlt. Mit der Dynamik in Städten können diese immer seltener mithalten. Städte nehmen Trends schneller wahr und tragen diese als Zugpferd in die ganze Welt hinaus. So spielen sie bei der Jobbeschaffung eine wichtige Rolle. "Strategien für ganze Nationalstaaten sind der falsche Weg. Wir müssen uns den lokalen Arbeitsmarkt ansehen und nicht ein ganzes Land. Das bringt nichts", sagt Eurocities-Chefin Anna Lisa Boni. Zudem würden Länder vor allem an sich denken. "Städte sind da viel kooperativer und offener. Sie sind empfänglich für die Zusammenarbeit mit anderen Städten. Sie sind auch viel ambitionierter als die Mitgliedsstaaten." Als Beispiel nennt sie die Umsetzung der vereinbarten Klimaziele. "Die Städte haben Pläne und Strategien, um die CO2-Emissionen nachhaltig zu reduzieren. Und sie setzen es auch um. Einige Länder können sich nicht einmal vorstellen, darüber nachzudenken."

Stadtregierungen sind aber auch gezwungen, über die Reduzierung von Schadstoffen nachzudenken. Schließlich werden mehr als zwei Drittel des weltweiten Energiebedarfs von Städten verbraucht. Und sie sind für etwa 70 Prozent der Emission von Treibhausgasen verantwortlich. Vor allem rasant wachsende Städte stehen vor der Herausforderung eines sparsamen Ressourcenverbrauchs bei gleichzeitig exponentiellem Anstieg der Bevölkerung. Eine Herausforderung, die man in der südchinesischen Metropole Shenzhen angenommen hat. Im Jahr 1979 lebten dort noch 30.000 Einwohner. Heute sind es mehr als 12 Millionen, vor allem dank der florierenden Telekommunikations- und Elektroindustrie. Ein Wolkenkratzer nach dem anderen wird in Shenzhen  hochgezogen, große Teile der Stadt sind von Baustellen überzogen.

Für das Viertel am Hafen sollen nun neue Maßstäbe im Städtebau gesetzt werden. Geplant ist eine ökologische Megastadt als Hochhaus, die sogenannte Cloud Citizen. Das Gebilde besteht aus einem gigantisches Bauwerk auf einer Fläche von rund 170 Hektar, in dem eine Vielzahl an Hochhäusern ineinander verwachsen sein wird. Kurze Wege zwischen den Einheiten, zahlreiche Grünflächen und Effizienz soll der Megakomplex garantieren. Der Bürger soll darin wohnen, arbeiten und seine Freizeit verbringen können, so das Ziel des schwedischen Architekten- und Wissenschafterteams, bestehend aus Mitarbeitern der Urban Future Organization, CR-Design und der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg, die den Architekturwettbewerb der Stadt gewonnen haben. Der höchste Turm des Komplexes wird nach seiner Fertigstellung etwa 680 Meter hoch sein. Innerhalb dieser urbanen Wolke soll schmutzige Stadtluft gefiltert, Regenwasser gesammelt und Strom aus Solarenergie und Wind erzeugt werden. Das Ziel ist eine vollständige Autonomie in der Energieversorgung und damit die Reduktion von CO2-Emissionen.

Gemüseanbau in Hochhäusern

Die Versorgung der Bürger mit frischen Nahrungsmitteln ist eine weitere Herausforderung für dichtverbaute Megacities. In der Fünf-Millionen-Metropole Singapur gibt es bereits Projekte, welche die Produktion von Obst und Gemüse in die City verlagern. Derzeit müssen die Produkte noch aus Malaysia und China teuer importiert werden. Da für traditionellen Ackerbau auf der Insel kein Platz ist, setzt man nun aber auf die ersten vertikalen Farmen, also auf Gewächshäuser, in denen Gemüse nicht in die Breite, sondern in die Höhe wächst. Bei dem Projekt Sky Greens rotieren etwa Spinat-, Kohl- und Salatpflanzen um 100 je neun Meter hohe Alu-Regale. Durch die Rotation werden die Pflanzen gleichmäßig mit Sonnenlicht und Schatten versorgt. Bewässert wird mit Regenwasser. 500 Kilogramm Grünzeug pro Tag ist die Ausbeute der Entwickler von Sky Greens. Manche Forscher wollen auch Reis und Zwergweizen anbauen. Ein Projekt aus den Niederlanden sieht sogar Schweinezucht und Hühnermast im Hochhaus vor.

Um Versorgung, Transport und Energie so effizient wie möglich zu gestalten, setzen die ersten Städteplaner auch auf supervernetzte Städte, die sogenannten Smart Cities. Das größte Versuchslabor dafür entsteht gerade etwa 40 Kilometer südwestlich vom Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul auf einer sechs Quadratkilometer großen Aufschüttung im Gelben Meer. New Songdo City, so der Name der von einem zentralen Computernetzwerk gesteuerten Stadt, soll bis 2020 fertig sein und Wohnungen und Arbeitsplätze für 250.000 Menschen bieten. Kameras, Sensoren und intelligente Stromzähler werden permanent Daten über Wasserverbrauch, Elektrizität, Verkehr und Abfall liefern. In New Songdo City wird etwa kontrolliert, wer wann welchen Müll entsorgen darf. Der Müll wird danach in einer unterirdischen Druckluftröhre zu einer zentralen Entsorgungsstation transportiert. Ausgestattet wird die Stadt vom fünftgrößten Informations- und Kommunikationstechnologiekonzern Cisco. Neben der effizienten Müllversorgung soll es in New Songdo City dank der Vernetzung keine Verkehrsstaus mehr geben, der Elektrizitäts- und Wasserverbrauch reguliert und somit die Natur geschont werden. Eine sogenannte Smartcard dient gleichzeitig als Kreditkarte, Wohnungsschlüssel und Zugangsbestätigung.
Doch so effizient, umweltschonend und intelligent hypervernetzte Städte auch sein mögen, so schüren sie auch die Angst vor der totalen Überwachung. Adam Greenfield, der in seinem Standardwerk "Everyware. The dawning age of ubiquitous computing" die Auswirkungen der Allgegenwärtigkeit von Computern auf das alltägliche Leben untersuchte, befürchtet in Smart Cities die Zurückdrängung der Privatsphäre und die Durchleuchtung des Einzelnen durch geheime Algorithmen. Hier zeigt sich die Ambivalenz von technologisierten Städten. Ohne Smart-City-Technologien wird das enorme Wachstum von Städten kaum bewältigbar sein. Gleichzeitig können sie der Nährboden für soziale Konflikte sein. Es wird an den Stadtbewohnern selbst liegen, die Macht  von computergesteuerten Systemen zu begrenzen und das Recht auf Privatheit einzufordern.