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Die Geschichte der Beziehungen zwischen den USA und Europa ist auch eine Geschichte der wechselseitigen Spannungen. Die deutsche Ostpolitik in den Siebzigern verursachte ebenso Kontroversen wie die Aufrüstungsbeschlüsse der Nato in den Achtzigern, und der Beginn des 21. Jahrhunderts lieferte einen diesbezüglichen Höhepunkt. Folgerichtig versuchten die Kommentatoren, nach dem Europa-Besuch des neuen US-Präsidenten Barack Obama Gewinner und Verlierer in dem ständigen Wettstreit auszumachen - mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen.
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Beim G-20-Gipfel habe Obama seinen Wunsch nach neuen Konjunkturprogrammen nicht realisieren können, die EU habe sich bei dem Ruf nach strengerer Kontrolle der Finanzmärkte durchgesetzt, hieß es seitens europäischer Medien und Politiker. Ob die Kontrolle nun wirklich wirksam wird, ist vorläufig ungewiss - zu unkonkret sind noch die geplanten Maßnahmen. US-Beobachter wiesen außerdem daraufhin, dass der Ruf nach Regulierung auch Obama selbst zugute kommen könnte, wenn er gegen heimische Lobbies kämpft.
Auch im Fall Afghanistans wurde Europa vielfach auf der Siegerstraße gesehen, lässt doch das amerikanische Drängen zur Truppenaufstockung nach. Mit der neuen Afghanistan-Strategie seien die USA auf den europäischen Weg eingeschwenkt, vermehrt dem zivilen Aufbau Augenmerk zu schenken, wurde resümiert und dabei Obama-Lob mit Eigenlob verbunden. Weil aber die militärische Komponente vorläufig noch unzweifelhaft die Hauptrolle spielt, nehmen die europäischen Nato-Länder damit in Kauf, dass die USA ihre Führungsrolle in Afghanistan weiter ausbauen. Was Obama - wohl vor allem aus finanziellen Gründen - gar nicht so recht ist: Er rief die Nato-Partner zu erhöhten Militärausgaben auf.
Auch andere Aussagen des US-Präsidenten auf seiner Europa-Reise müssen bei den europäischen Regierung, je nach eigener politischer Ausrichtung, auf geteiltes Echo stoßen - sein Plädoyer für friedliche Nutzung der Atomkraft etwa, die Obama in den Konnex des Klimaschutzes stellte. Oder seine Aufforderung an die EU, die Türkei in ihre Reihen aufzunehmen. Dass er dem US-Raketenschild in Osteuropa keine eindeutige Absage erteilt, erfreut zwar die Regierungen in Prag und Warschau, aber weniger die tschechische und polnische Bevölkerung, die mehrheitlich dagegen ist.
Was aber trotz aller US-Ansprüche unzweifelhaft neu ist, ist der Ton, den Obama anschlägt. Er sei vor allem zum Zuhören gekommen, hat er mehrfach betont. Und Europas Spitzen werden nicht müde, ihre Freude über den partnerschaftlichen Umgang zu betonen, der sich so deutlich von jenem des Obama-Vorgängers George W. Bush unterscheidet. Im Überschwang geht unter, dass die grundlegende Konzeption der Aussenpolitik gar nicht so viel anders ist: "Ich sehe keinen Widerspruch darin, daran zu glauben, dass Amerika eine fortgesetzte außergewöhnliche Rolle spielt, die Welt zu Frieden und Wohlstand zu führen, und anzuerkennen, dass diese Führungsrolle es verlangt, Partnerschaften zu bilden, weil wir diese Probleme nicht allein lösen können", sagte Obama.
Die "Washington Post" zitiert Jeremy Shapiro, einen Europa-Experten vom US-Think Tank "Brookings Institution": "Die Europäer hungern nach amerikanischer Führung, sind aber der amerikanischen Arroganz müde."
Dass Obama beiden Erwartungen gerecht werden kann, zeigt nicht zuletzt die Begeisterung der europäischen Bevölkerung, die ihm entgegenschlägt, wenn er Visionen wie die einer atomwaffenfreien Zukunft ausbreitet. So könnte Obama auf dem sanften Weg gelingen, was der Befehlston von Bush nicht schaffte: Den Führungsanspruch der USA außer Frage zu stellen.
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