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Die verborgene Schönheit

Von Ralf Hanselle

Reflexionen

Der New Yorker Fotograf und Maler Saul Leiter musste lange Zeit auf internationale Anerkennung warten. Demnächst werden Fotos dieses unangepassten Bildkünstlers im Kunst Haus Wien gezeigt.


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Das Leben passiert. Es geht dahin, flaniert die Straße hinunter, wartet unmerklich an einem Kaffeehaustisch. Nichts, was es aufhalten könnte. Das Leben ist beiläufig. Vorübergehend. En passant. Nur ein Blick, schon geht es weiter. Manchmal steht es vielleicht unbemerkt an der Station für den Autobus oder es wartet auf der anderen Seite einer Schaufensterfront. Vielleicht ist es schon da, bevor man weggeht. Und bevor man ankommt, ist es fort. So gesehen hat Saul Leiter alles richtig gemacht. "Bevor man mich entdeckt hat, habe ich die üblichen Dinge gemacht", sagt er. "Malen, Kaffeetrinken, fotografieren, faulenzen, reden und lachen". Das war schon das ganze Geheimnis. Egal, ob die Welt über Saul Leiter geredet oder ob sie über ihn geschwiegen hat.

Faul, und stolz darauf

Jetzt, nach 60 Jahren, nach all dem Warten, dem Schauen, dem Schweigen, redet sie. Eigentlich sei er immer davon ausgegangen, irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Schließlich sei er eine faule Person gewesen. Und er sei stolz darauf, eine faule Person gewesen zu sein. Manchmal aber, wenn er sich anschaue, was er in der Zwischenzeit so alles geschaffen habe, dann müsse er zugeben, dass er vielleicht gar nicht so faul gewesen sei, wie er es von sich selbst immer behauptet habe.

Vielleicht ist es sogar richtig, dass die Welt jetzt über Saul Leiter redet. Für ihn selbst aber ist das eher eine Bürde. Er hatte doch eigentlich eine Übereinkunft mit dem Leben getroffen - er wollte von ihm in Ruhe gelassen werden. "Ich weiß gar nicht, was die Kunst an mir sein soll", sagt er. "Ich frühstücke und ich gehe spazieren. In letzter Zeit gehe ich auch mal öfters zu Starbucks."

Saul Leiter ist ein komischer Kerl. Kauzig, verquer und leicht verletzbar. Und doch: mit dem Leben scheint sich der 88-jährige Fotograf und Maler auszukennen. Immerhin wollte er in seiner Jugend mal Rabbi werden - ein Weiser; ein Lebenslehrer.

Schon der Vater war Rabbiner gewesen, ebenso der Großvater und der Urgroßvater. Was also hätte für Saul Leiter näher gelegen? Die Taten der Väter, sagt schon der Talmud, seien den Söhnen ein Wegweiser. Doch irgendetwas ist schief gelaufen. Zwar begann er Mitte der 1940er Jahre tatsächlich mit einem Theologiestudium; doch statt in der Talmud-Schule landete er immer öfter in den Bibliotheken und Museen seiner Heimatstadt Pittsburgh. Er streunte umher, studierte Kunstbände, schaute sich Gemälde an: Manet, Picasso, die frühen Abstrakten.

Und dann, mit 23, fiel sein Entschluss: Er wollte nach New York und Künstler werden. Ein Künstler wie Richard Pousette-Dart oder Willem de Kooning. Namen, die er in der Bibliothek gelesen hatte. Später, im East Village, wurden sie Freunde. Für Sauls Vater aber war der Junge verloren. Ein Sohn, benannt nach einem biblischen König, wollte ein Bettelmann werden. "Bei meiner ersten Ausstellung", erinnern sich Leiter, "hat mein Vater vor Scham geweint."

Er redet nicht gerne über seine Familie. New York, das war sein großer Bruch. Seine Emigration aus der Knechtschaft der Eltern. Damals fing er an, erste Bilder zu malen - reduziert, farbig, gegenstandslos. Oft Wasserfarben auf Papier. Bilder, die geprägt waren vom abstrakten Expressionismus - von Ad Reinhardt, Philip Guston oder Willem de Kooning. Mit Letzteren zusammen hatte er damals sogar eine Ausstellung, in den frühen 50er Jahren. Einmal noch, sagt Leiter, sei da auch sein Bruder zu ihm nach New York gekommen. Doch der hatte Saul nicht mehr verstanden. Das Leben, hatte der Bruder gesagt, sei nicht dafür da, glücklich zu sein.

Saul Leiter aber war da bereits anderer Meinung. Mit dem Leben kannte er sich schließlich aus: Es ist beiläufig und flaniert die Straße hinunter. Einmal, 1952, da stand es irgendwo am Straßenrand und ließ sich sanft vom Schnee berieseln. Es war geduldig und schien einfach zu warten - vor "Pepsi"- und "7up"-Reklamen. Bunt war es, und irgendwie unglaublich schön.

Keiner hat es so gesehen wie Saul Leiter; dieses banale Leben im Vorübergehen. Bereits 1947 hatte er angefangen, diese kleinen Dinge festzuhalten. Er hatte im Museum of Modern Art eine für ihn bewegende Ausstellung gesehen: Henri Cartier-Bresson, den Meister des beiläufigen Augenblicks. Das hatte in ihm eine Tür geöffnet. Leiter kaufte sich eine Leica Ic und streifte mit ihr um die Häuserblocks. Er hatte einen Entschluss gefasst: Er wollte nicht mehr nur wie ein Abstrakter malen, er wollte auf gleiche Art auch fotografieren. Flächig, farbig, fast gegenstandslos: die Silhouetten der fremden Passanten, die Schatten der Großstadtbilder. Sein größtes Motiv wurde die Straße.

Verwischungen

So sammelt Saul Leiter den Alltag ein - Woche für Woche; Jahr um Jahr. Besonders an den Schmuddeltagen, die sich über die Bilder wie Schlieren und Verwischungen legen. Mitten im Stakkato des Verkehrs und über dem "Blickwispern" der Passanten hinweg macht er sich auf die Suche nach einer verborgenen Schönheit. Zunächst offenbart sich diese schwarzweiß-gespiegelt in überlagerten Fensterscheiben oder eingekeilt zwischen PKW’s.

Doch dann entdeckt Leiter den aufkommenden Diafilm; und plötzlich taucht auf seinen Bildern Farbe auf - dezent, vereinzelt, wie kleine Impulse. Ein gelber Laster, ein roter Regenschirm, der grüne Schriftzug einer Reklame. "Als Maler denke ich, dass Farbe extrem wichtig ist. Aber unter Fotografen gibt es diese Übereinkunft, dass Schwarzweiß heilig und Farbe profan sei. Ich habe das nie geglaubt."

Und doch bleibt auch Schwarz danach für ihn immer noch wichtig. Wie für viele Vertreter des abstrakten Expressionismus wird ihm das tiefste Dunkel ein Elixier. Damals überschwemmten "Schwarze Malereien" die Kunsthändler und Galerien. Monochrome Leinwände mit "herrlich machohaftem kräftigen Schwarz". So hatte der britische Kunstkritiker David Sylvester von ihnen geschwärmt. Und Saul Leiter hatte versucht, eine solche Schattierung aus den Schichtungen des Kleinbildfilms heraus zu zaubern.

1957 entstand seine Aufnahme "Canopy": eine tiefschwarze, von einer ausgefransten Markise hervorgerufene Fläche. Bis zu Dreiviertel des Bildraumes nimmt sie ein - wie fließende Farbe, die auf Fotopapier Schlieren zieht; hinweg über anonyme Gestalten, die am unteren Bildrand durch eine urbane Landschaft stapfen. "Canopy", das ist ein "Black Painting" der amerikanischen Nachkriegsfotografie.

Geredet hat Saul Leiter über solche Bilder selten. "Ich habe keine Philosophie, ich habe eine Kamera", so die trotzige Antwort auf Nachfragen. Vielleicht ist das mit ein Grund dafür gewesen, dass der Künstler lange Zeit keine Beachtung finden konnte.

Zwar wählte das MoMA 1953 zahlreiche Fotos von Leiter für die Ausstellung "Always the Young Stranger" aus, der wirkliche Durchbruch aber ließ auf sich warten. Statt mit Kunst verdingte sich Leiter mit Modefotos. Fragt man ihn heute, warum ihm mit seinen Fotografien in den 50ern kein Erfolg vergönnt war, erhält man eine typische Leiter-Antwort: "Die Leute schauen einfach nicht ins Telefonbuch". Das klingt, als hätte er damals nur gefunden werden wollen. Gefunden, wie die anonymen Menschen auf seinen Fotos, die sich hinter Straßenschildern verstecken oder von Autos bedeckt sind; die sich vermischen mit den Farben und Flächen des städtischen Raums.

Dabei hatten sich damals sogar viele auf die Suche nach Saul Leiter gemacht. Einmal, das muss 1955 gewesen sein, hatte sogar der große Edward Steichen ihm einen Brief geschrieben. Darin hatte er ihn aufgefordert, er möge einige seiner Bilder zu der bis heute legendären Ausstellung "The Family of Man" einreichen. Doch Leiter hatte Steichens Einladung schlicht vergessen. Jahre später erst sollte er sie zwischen den Seiten eines Buches wiederfinden. Bedauerlich, doch für Saul Leiter hat das Leben eben immer eine besondere Zeit gehabt.

Erfolg nach 40 Jahren

Gefunden hat ihn letztlich der New Yorker Galerist Howard Greenberg. 1993 war der über einige von Leiters frühen Schwarzweißaufnahmen gestolpert. In seiner Galerie in SoHo organisierte Greenberg eine erste Ausstellung. Das war der Anfang. Nach 40 Jahren. Es sollten noch weitere Jahre vergehen, bis auch der Rest der Welt von Saul Leiter zu hören bekam. 2008 schließlich erschien im Steidl-Verlag Leiters Frühwerk "Early Color".

Und seither war das Leben da - mit Ruhm, mit Ehre, mit Anerkennung. Saul Leiter aber ist dieser ganze Wirbel noch immer suspekt. Er will in Ruhe gelassen werden, fotografieren und malen. Denn das sei es doch, worum es im Leben wirklich gehe: "Fotografieren, faulenzen, reden und lachen."

Saul Leiter.Kunst Haus Wien, Untere Weißgerberstraße 13 1030 Wien. 31. Jänner bis 26. Mai 2013 Ausstellungseröffnung: Mittwoch, 30. Jänner, 19 Uhr, Eintritt frei. Mehr unter: Tel.: 01 712049131, oder www.kunsthauswien.comRalf Hanselle, geboren 1972, lebt als freier Publizist in Berlin und Wien. Er schreibt für deutschsprachige Tageszeitungen und für Kunst- und Fotomagazine.