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Die verborgene Tragödie

Von Klaus Huhold

Politik

Fernab vom Fokus der Weltöffentlichkeit nimmt die humanitäre Katastrophe im Südsudan immer stärkere Ausmaße an.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Im Südsudan spielt sich eine humanitäre Katastrophe ab. Die UNO hat die Nahrungsmittelkrise in dem Land als "die schlimmste der Welt bezeichnet", die Krise drohe sich wegen des Konflikts zwischen Regierungstruppen und Aufständischen bald zu einer Hungersnot auszuweiten. Seit Monaten liefern sich Präsident Salva Kiir und sein früherer Vize Riek Machar einen blutigen Machtkampf, der sich in dem Vielvölkerstaat auch entlang ethnischer Trennlinien abspielt. Sie ließen bisher alle Friedensinitiativen scheitern. Sandra Bulling von der Hilfsorganisation Care hat in in den vergangenen Wochen im Südsudan die Regionen Udor und ein UN-Lager in Bentiu besucht (siehe Grafik), in dem auch Hilfsorganisationen tätig sind. Die "Wiener Zeitung" sprach mit ihr über die Lage im Land.

"Wiener Zeitung": Geschätzt 1,5 Millionen Menschen sind im Südsudan auf der Flucht. Wie stellt sich die Lage für die Vertriebenen dar?

Sandra Bulling: In der Region Uror, in der ich war, wurde fast die Hälfte der Bevölkerung, die sich dort gerade aufhält, aus anderen Landesteilen vertrieben. Viele Flüchtlinge haben berichtet, dass sie fast eine Woche zu Fuß mit ihren Kindern gelaufen sind, dass sie nichts außer vielleicht ein paar Kleidungsstücken mitnehmen konnten. Sie haben nun nichts mehr, keine Häuser und keine Felder, auf denen sie etwas anbauen könnten. Und sie wissen nicht, wann sie in ihre Heimat zurückehren können.

Haben die Hilfsorganisationen überhaupt in alle Regionen Zugang? Viele sind ja umkämpft.

Nein. Das ist auch das Problem, das voraussichtlich eine Hungersnot auslösen wird. Die Leute in den Camps der UNO und der Hilfsorganisationen kann man erreichen. Aber es ist sehr schwierig, sich ein Bild zu machen, was gerade mit den Menschen los ist, die in den umkämpften Gebieten sind und etwa in den Busch flüchten mussten. Es wurde ja bereits eine Warnung vor einer Hungersnot ausgesprochen, und das betrifft genau diese Regionen, die am stärksten umkämpft sind und zu denen man fast keinen Zugang hat.

Wie zeigt sich die Hungerkrise in den Regionen, in denen Sie waren?

Auch dort ist die Nahrungsmittellage sehr schlimm. Unsere Organisation unterstützt dort mehrere kleine Krankenhäuser, in denen der Grad der Unterernährung gemessen wird. Kollegen haben mir berichtet, dass erschreckend viele Kinder entweder stark oder moderat unterernährt sind. Das betrifft nun viel mehr Kinder als in den vergangenen Jahren.

Und jetzt liegen auch noch die Felder wegen der Kämpfe brach.

Ja. Die Ernte im Südsudan ist sehr stark von der Trocken- und Regenzeit abhängig. Wenn nun die Anbauperiode verpasst wird und nicht ausgesät werden kann, dann ist schon absehbar, dass es nicht genug zu essen geben wird.

Sind auch bereits Krankheiten und Seuchen ausgebrochen?

Die Cholera ist in einzelnen Landesteilen schon ausgebrochen, etwa in der Hauptstadt Juba. Die momentane Regenzeit, die im August ihren Höhepunkt erreichen wird, beschleunigt die Ausbreitung von Krankheiten nochmals. Das Lager in Bentiu etwa war, als ich dort war, nach einer Nacht Regen vollkommen überschwemmt. Das Wasser stand knöchelhoch, und die Latrinen waren übergegangen. Das ist ein sanitärer Albtraum und eine Brutstätte für Krankheiten. Wenn in so einem Umfeld kleine Kinder Durchfall bekommen, ist das ein weiterer Auslöser für Unterernährung.

Wie können in einem von der UNO betriebenen Lager derartige Zustände herrschen?

Das Camp war nie als Flüchtlingslager konzipiert, sondern eine Basis der im Land stationierten UN-Truppen, auf die die Vertriebenen wegen der Kämpfe dann geflohen sind. Jetzt leben dort 40.000 bis 50.000 Menschen; und die UNO und die Hilfsorganisationen versuchen nun, es in irgendeiner Weise wohnbar zu machen, verteilen Zelte, Hilfsgüter und bauen mehr Latrinen auf.

Leidet der Südsudan auch darunter, dass sich dort eine Art verborgene Tragödie abspielt? Die Augen der Weltöffentlichkeit sind auf die Krisen in der Ukraine oder in Gaza gerichtet. Haben nun die Hilfsorganisationen im Südsudan überhaupt genügend Ressourcen?

Leider nicht. Im Mai gab es zwar eine große internationale Geberkonferenz. Da wurden 1,3 Milliarden Euro versprochen, davon ist mittlerweile gerade einmal die Hälfte angekommen. Es ist unglaublich schwierig, für den Südsudan Aufmerksamkeit zu generieren. Ich fürchte, dass - wie in Somalia 2011 - die große Aufmerksamkeit erst kommen wird, wenn dann die Hungersnot ausgerufen wird.

Erwarten sich die südsudanesischen Bürger noch irgendetwas von ihren Politikern?

Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind einfach wahnsinnig enttäuscht. Sie erzählten, dass sie so viel Hoffnung hatten, als 2011 die Unabhängigkeit des Südsudans ausgerufen wurde und sie ihren eigenen Staat bekamen, den sie gemeinsam aufbauen wollten. Und jetzt, drei Jahre später, gehen schon wieder bewaffnete Konflikte los - unter denen die Bürger schon zuvor jahrzehntelang zu leiden hatten. Das ist für sie unheimlich frustrierend und traurig.

Sandra Bulling leitet für das Nothilfe-Team der Hilfsorganisation Care International die Kommunikation und hat die vergangenen drei Wochen im Südsudan verbracht. Care leistet medizinische Hilfe mit mobilen Kliniken sowie auf einem Gelände der Vereinten Nationen in Bentiu, verteilt Nahrungsmittel und verbessert die sanitären Einrichtungen.

Spenden Care Südsudan:
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