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Die verhinderte Rückkehr

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svansson

Politik

Iraks Regierung erteilt geplanter Entsendung von US-Bodentruppen klare Abfuhr.


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Bagdad. Wie eine Einladung klingt das nicht: "Wir brauchen keine ausländischen Kampftruppen auf irakischem Boden", entgegnet Ministerpräsident Haider al-Abadi auf die Ankündigung aus Washington, die USA würden weitere Spezialeinheiten zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in den Irak schicken. US-Verteidigungsminister Ashton Carter hatte am Dienstagabend vor dem Kongress verkündet, dass diese "Special Forces" vor allem das irakische Militär und die kurdischen Milizen unterstützen sollten und auf "Einladung Bagdads" im Irak stationiert würden. "Mit der Zeit werden sie in der Lage sein, Übergriffe zu starten, Geiseln zu befreien, Geheiminformationen zu sammeln und IS-Führer zu fangen. Die Spezialkräfte werden auch eigene Missionen in Syrien ausüben", umriss Carter die Mission. Damit wollten die USA die Rolle ihrer Bodentruppen im Kampf gegen den IS ausweiten.

Bereits im vergangenen Monat entsandte das Pentagon 50 Spezialkräfte in die Region. Zuvor hatten sich die USA stets geweigert, in diesem Konflikt Soldaten am Boden einzusetzen. Schritt für Schritt schickte Präsident Barack Obama, Militärberater, Ausbilder, Strategieexperten - 3500 amerikanische Armeeangehörige sind bereits zwischen Euphrat und Tigris stationiert. Doch der Auftrag jetzt gleicht dem einer Kampftruppe, obwohl dieses Wort geflissentlich vermieden wird. Bagdad sieht das gar nicht gerne. Jeder Militäreinsatz und jede Stationierung ausländischer Truppen im Irak - "ob Spezialkräfte oder sonstige" - benötigten die Zustimmung der irakischen Regierung und müssten mit ihr abgesprochen werden, legt Premier al-Abadi noch nach.

Angespanntes Verhältnis

Auch für die Lieferung deutscher Waffen an die kurdischen Peschmerga beharrt die Regierung in Bagdad darauf, dass die Transportmaschinen zunächst in Bagdad landen, hier gesichtet werden und dann weiter ins kurdische Erbil fliegen. Berlin respektiert diese Vorgabe, Washington anscheinend nicht. Das erzürnt die mehrheitlich schiitisch geprägte Regierung in Bagdad, umso mehr, als die Beziehungen mit den USA derzeit ohnehin auf einem Tiefstand sind.

Als der letzte US-Soldat Ende Dezember 2011 symbolisch das Tor zwischen Irak und Kuwait hinter sich zuzog, hinterließ Washington unzählige Baustellen, die die heutige Misere mitbegründen. Nur wenigen Stunden nach dem Rückzug brach die Regierungskoalition in Bagdad zusammen, der Konflikt zwischen den Volksgruppen verschärfte sich erneut, Al-Kaida wurde zum IS.

Der damalige Premier Nuri al-Maliki, den Ex-Präsident George W. Bush den "besten Kerl für den Irak" nannte, entpuppte sich als gnadenloser Sektierer. In seiner Not nach dem Blitzkrieg der Dschihadisten im Juni 2014, rief Maliki die Amerikaner zu Hilfe. Doch dessen Nachfolger Barack Obama zögerte, was ihm viele Iraker heute vorwerfen. Stattdessen sprang der Iran ein, schickte sofort militärisches Gerät, Ausbilder, Kommandeure und unterstützte nach Kräften schiitische Milizen, die seitdem immer mächtiger werden.

Einige von ihnen hatten in den Bürgerkriegsjahren 2006/07 und 2008 gegen die US-Truppen gekämpft und wollen dies wieder tun, sollten die Amerikaner erneut Soldaten in den Irak schicken: "Wir haben früher gegen sie gekämpft und wir sind bereit, den Kampf wieder aufzunehmen", sagt ein Sprecher der Gruppe Kata’ib Hisbollah. Ähnlich äußert sich die vom verbündeten Iran unterstützte Badr-Organisation und die Gruppe Asaib Ahl al-Hak. Die Milizen kämpfen an der Seite der irakischen Armee gegen den IS. Ihre Kämpfer sind für ein brutales Vorgehen gegenüber sunnitischen Zivilisten bekannt.

Doch auch die Sunniten sind nicht mehr gut auf die Amerikaner zu sprechen, seitdem US-Verteidigungsminister Carter die desertierenden Soldaten im Kampf um die Provinzhauptstadt Ramadi als "Feiglinge" bezeichnet hatte. Nachdem im Mai Tikrit, die Provinzhauptstadt von Salaheddin im Nordosten des Landes, von schiitischen Milizen aus der Hand des IS befreit wurde, griff nur wenige Tage später die Terrormiliz in Anbar westlich von Bagdad an und brachte die Provinzhauptstadt dort unter ihre Kontrolle. Zuvor hatten die Gotteskrieger hohe Offiziere der irakischen Armee auf einem Stützpunkt in der Nähe von Ramadi ermordet und damit die Einheiten rund um die Stadt geschwächt. Als der Angriff kam, liefen viele Soldaten weg, unter ihnen mehrheitlich Sunniten. Ein Augenzeuge berichtete von Chaos in der Kommandostruktur, dem niemand sein Leben opfern wollte. Die Rüge aus Washington sei daher völlig fehl am Platz gewesen, sagt einer der Deserteure. "Die haben doch keine Ahnung, was hier abgeht."

Seitdem üben sich die Amerikaner in Schadensbegrenzung, doch so richtig will das nicht gelingen. Unzählige Luftschläge zur Rückeroberung Ramadis brachten bislang wenig Erfolg. Millimeter für Millimeter verschieben sich die Frontlinien. Die sunnitischen Stämme in Anbar, die US-Offiziere auf ihre Seite zu ziehen versuchen, sind gespalten. Einige sind bereit, mit den Regierungstruppen und den Amerikanern zusammenzuarbeiten, andere sind jedoch skeptisch. Doch solange das Misstrauen anhält, wird Ramadi nicht zurückerobert werden können - und die US-Bodentruppen müssen zuhause bleiben.