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"Die Verletzlichsten werden im Stich gelassen"

Von Ronald Schönhuber

Politik

Beim Gipfel in Glasgow geht es nicht zuletzt darum, wie die Industriestaaten die Entwicklungsländer im Kampf gegen den Klimawandel unterstützen. Die ärmsten Staaten haben wenig zur Erderwärmung beigetragen, leiden aber besonders stark.


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Saleemul Huq ist wohl das, was man einen Veteranen nennen kann. Schon 1995 war er mit dabei, als die damalige deutsche Umweltministerin Angela Merkel in Berlin die erste Weltklimakonferenz eröffnete. Und seither hat Huq, der in seiner Heimat Bangladesh zu den renommiertesten Klimawissenschaftlern gehört, kein einziges dieser Mammuttreffen ausgelassen.

Erlebt hat der mittlerweile 69-Jährige dabei eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle - von tiefster Frustration nach dem spektakulären Scheitern des Klimagipfels in Kopenhagen im Jahr 2009 bis hin zur totalen Euphorie nach dem Abschluss des historischen Pariser Klimaabkommens 2015. Derzeit spürt Huq, der jeden Tag von Edinburgh nach Glasgow zur 26. Weltklimakonferenz pendelt, weil in der schottischen Hauptstadt die Hotelzimmer deutlich billiger sind, vor allem Zorn. Denn mit den von den Staaten bisher eingereichten nationalen Klimaschutzplänen ist die Welt im Augenblick nicht nur auf Kurs, das Pariser 1,5-Grad-Ziel um 1,2 Grad zu verfehlen. Auch das schon vor einem Jahrzehnt gemachte Versprechen, ärmere Länder bei Klimaschutzprojekten und Anpassungsmaßnahmen an die Erderwärmung ausreichend finanziell zu unterstützen, ist gebrochen worden. So werden die von den Industriestaaten angekündigten 100 Milliarden Dollar pro Jahr wohl erst ab 2023 fließen und nicht wie ursprünglich vorgesehen schon ab 2020.

"Sie lassen die verletzlichsten Menschen auf diesem Planeten im Stich, nachdem sie zuvor Hilfe versprochen haben", sagt Huq, der in Glasgow eine Gruppe von 48 armen Staaten mit besonders hohem Klimarisiko berät, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Das hat die Vertrauenbasis zerstört."

Fatale Folgen in armen Ländern

Entsprechend emotionsgeladen dürfte in Glasgow, wo am Dienstag vor allem die Auftritte der Staats- und Regierungschefs aus ärmeren Ländern am Programm standen, auch in den kommenden Tagen über die Hilfszahlungen diskutiert werden. Zumal die 100 Millionen Dollar pro Jahr nach Ansicht von Experten ohnehin viel zu wenig sind. So geht etwa die UNO davon aus, dass besonders durch den Klimawandel verletzliche Länder bis 2030 rund 300 Milliarden Dollar pro Jahr für Anpassungsmaßnahmen an die Erderwärmung brauchen werden. Noch nicht enthalten sind dabei allerdings die ökonomischen Schäden, die durch die wohl zunehmende Zahl von Missernten und Naturkatastrophen in Folge des Klimawandels entstehen. So hat etwa allein der 2017 wütende Hurrikan "Maria" die Karbikstaaten 70 Milliaden Dollar gekostet.

Für die Allianz der "Least developed countries", zu der neben Afghanistan und kleinen Inselstaaten primär die afrikanischen Länder gehören, sind substanzielle Unterstützungszahlungen vor allem deshalb wichtig, weil die Probleme des Klimawandels hier auf eine ganze Latte weiterer Schwierigkeiten stoßen, mit denen sie sich mitunter auch noch wechselseitig verstärken. So gibt es in den Staaten mit besonderes hohem Klimarisiko in der Regel nicht nur deutlich geringe Bildungschancen und ein vergleichsweise niedriges Pro-Kopf-Einkommen, sondern oft auch ein Wirtschaftssystem, das anfällig für Schocks ist, weil es von einigen wenigen Produkten oder Dienstleistungen abhängt. Ein einzelnes Extremwetterereignis kann damit die gesamte soziale oder ökonomische Infrastruktur eines Landes zerstören, wovon sich die Länder oft lange nicht erholen. Mitunter dauert es sogar viele Jahre, bis sich die ohnehin schon von Unterernährung und hoher Kindersterblichkeit geprägte Versorgungslage wieder einigermaßen normalisiert.

Wenig Hebel in Glasgow

Spannungsgeladen ist das Thema Finanzhilfen aber nicht nur, weil der Klimawandel jene Länder besonders hart trifft, die sich am wenigsten schützen können. Die ärmsten Staaten der Welt haben zur vor allem von den Industriestaaten und den großen Schwellenländern angetriebenen Erderwärmung bisher auch am wenigsten beigetragen. "Die Finanzzusagen der reichen Staaten an die Gruppe der ärmsten Länder der Welt sind keine Spende, sondern in Wahrheit eine Reinigungsgebühr", sagt Malawis Präsident Lazaraus McCarthy Chakwera in Glasgow.

Einen Hebel, um die reichen Länder zu größeren Zugeständnissen zu bewegen, haben die armen Länder anders als in Paris, wo ihre Stimmen für die Verabschiedung des historischen Klimaabkommens benötigt wurden, dieses Mal aber nicht. Dennoch scheint es nicht ausgeschlossen, dass es aufgrund des immer größer werdenden öffentlichen Drucks eine Annäherung gibt. So hat Japans neuer Premierminister Fumio Kishida am Dienstag angekündigt, zusätzlich 10 Milliarden Dollar pro Jahr für Dekarbonisierungsmaßnahmen in Asien zur Verfügung zu stellen. Unmittelbar vor Beginn des Klimagipfels hatte auch schon Italien seine jährlichen Zusagen auf 1,4 Milliarden Dollar pro Jahr verdreifacht.

Ein klein wenig Hoffnung sieht auch Konferenz-Veteran Saleemul Huq noch. Seit reiche Länder wie Deutschland den Klimawandel durch Flutkatastrophen am eigenen Leib zu spüren bekommen, sei die Kluft zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern kleiner geworden, sagt der Klimaexperte. Und immer öfter seien es nun die Jungen, die bei den Verhandlungen über die Zukunft des Planeten eine Rolle spielen.