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Die verlorene Seele Europas

Von Heiner Boberski aus Straßburg

Politik

Papst ruft die Europaparlamentarier zur Rückbesinnung auf die Würde des Menschen auf.


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Straßburg. "Das Mittelmeer darf kein großer Friedhof werden." Allein schon dieser Satz, vor dem Hintergrund eines gerade vor Kreta treibenden Schiffes mit hunderten Flüchtlingen, bewies die Brisanz der Rede, die Papst Franziskus am Dienstag im EU-Parlament in Straßburg hielt. Das irdische Haupt der römisch-katholischen Kirche wandte sich an die Mandatare als Repräsentanten von mehr als 500 Millionen Europäern, denen Franziskus nach seinen eigenen Worten "eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung" überbringen wollte.

Dabei ging der Papst von einem kritischen Befund aus: Die Union mache einen ältlichen, wenig fruchtbaren Eindruck wie eine "Großmutter", man begegne ihr oft mit Misstrauen. Die großen Ideen, von denen Europa einst inspiriert war, scheinen, so der Papst, bürokratischen Verwaltungsapparaten gewichen zu sein. "Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wiederzuentdecken, um im Geist seiner Gründungsväter in Frieden und Eintracht zu wachsen" - und sich auf die Grundprinzipien von Solidarität und Subsidiarität zu besinnen, redete der Papst den Europäern ins Gewissen.Den EU-Abgeordneten, die während der Ansprache 13 Mal, darunter auch an dieser Stelle, applaudierten, scheint dies bewusst zu sein. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hatte schon in seiner Begrüßung auf den "enormen Vertrauensverlust" hingewiesen, den Institutionen heute erleben und den Papst als Menschen hervorgehoben, der "Orientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit" bringe. Schulz hatte auch daran erinnert, dass Papst Johannes Paul II. vor 26 Jahren, am 11. Oktober 1988, im EU-Parlament gesprochen hatte: "Seine Rede war ein Meilenstein auf dem Weg zum Fall des Eisernen Vorhangs und des Beginns der Wiedervereinigung Europas."

Wie Franziskus hervorhob, stand am Beginn des politischen Projekts Europa "das Vertrauen auf den Menschen, und zwar weniger des Menschen als Bürger und auch nicht als wirtschaftliches Subjekt, sondern als eine mit transzendenter Würde begabte Person". Diese Würde der Person sei in Frage gestellt, wo Meinungs- und Religionsfreiheit fehlten, aber auch die Nahrung und vor allem die Arbeit, die erst Würde ermögliche, so der Papst. Seine Rede verfolgte auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der zuletzt wegen LuxemburgsSteuerpolitik in seiner Zeit als Regierungschef massiv unter Kritik geraten war.

Als eine der heute meistverbreiteten Krankheiten in Europa sieht Franziskus die Einsamkeit an, die mangelnde Beziehung mit anderen. Neben der Würde der Person gelte es auch die soziale Verbundenheit mit anderen zu beachten, betonte er und kritisierte missverstandene Konzepte der Menschenrechte, individualistische Tendenzen und "egoistische Lebensstile". Es gelte heute, die Menschenrechte zu vertiefen und eine weise Verbindung zwischen persönlicher Dimension und Gemeinwohl zu finden.

Plädoyer gegen Konsum- und Wegwerfgesellschaft

"Der Mensch ist in Gefahr, zu einem bloßen Räderwerk in einem Mechanismus herabgewürdigt zu werden, der ihn nach dem Maß eines zu gebrauchenden Konsumgutes behandelt, sodass er - wie wir leider oft beobachten -, wenn das Leben diesem Mechanismus nicht mehr zweckdienlich ist, ohne viel Bedenken ausgesondert wird, wie im Fall der Kranken im Endstadium, der verlassenen Alten ohne Pflege oder der Kinder, die vor der Geburt getötet werden." Franziskus warnte vor einer "Verabsolutierung der Technik", vor einer "Wegwerf-Kultur" und "hemmungslosem Konsumismus". Die Zukunft Europas hängt für Franziskus, wie er am Bild der "Schule von Athen" im Vatikan erläuterte, von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung der zum Himmel gewandten Welt der Ideen mit der Realität auf der Erde ab. Zugleich betonte er die Bereitschaft der katholischen Kirche zum Dialog mit den europäischen Institutionen. Er sei überzeugt, ein Europa, das sich auf seine christlichen Wurzeln besinne, könne leichter immun sein gegenüber den Formen von Extremismus, die sich heute ausbreiten. Sehr konkret sprach der Papst die Verfolgung religiöser Minderheiten, insbesondere von Christen, in verschiedenen Teilen der Welt an: "Gemeinschaften und Einzelne, die sich barbarischer Gewalt ausgesetzt sehen: aus ihren Häusern und ihrer Heimat vertrieben; als Sklaven verkauft; getötet, enthauptet, gekreuzigt und lebendig verbrannt - unter dem beschämenden und begünstigenden Schweigen vieler."

Bildung und Arbeit in Würde als Prioritäten

Papst Franziskus hält es für eine "Herausforderung im gegenwärtigen historischen Moment, Demokratien am Leben zu halten". Unter großem Beifall warnte er vor multinationalen Interessen, die Demokratien schwächen und in vereinheitlichende Systeme finanzieller Macht im Dienst von unbekannten Imperien verwandeln. Für ihn sind Bildung - zunächst in der Familie, dann in der Schule - sowie Arbeit in Würde und unter ordentlichen Bedingungen wichtig, um die Talente der Menschen zu fördern.

Eindringlich sprach der Papst auch Umweltschutz und Nachhaltigkeit an und rief zu einer gemeinsamen europäischen Lösung des Problems Migration auf, damit das Mittelmeer nicht zum Grab vieler werde. Er mahnte, auch die Herkunftsländer stärker in den Blick zu nehmen: "Es ist notwendig, auf die Ursachen einzuwirken und nicht nur auf die Folgen."

"Ich appelliere an Sie, dass Europa seine gute Seele wiederentdeckt", sprach der Papst die Mandatare direkt an und ergänzte: "Die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, der unveräußerlichen Werte; das Europa, das mutig seine Vergangenheit umfasst und vertrauensvoll in die Zukunft blickt, um in Fülle und voll Hoffnung seine Gegenwart zu leben."

Martin Schulz interpretierte die Standing Ovations am Ende als Zeichen, dass der Papst "allen aus dem Herzen gesprochen" habe. Auch erste Reaktionen österreichischer EU-Abgeordneter fielen positiv aus. Der ÖVP-Mandatar Othmar Karas sagte: "Die Rede des Papstes war eine Absage an die Zügellosigkeit und eine Ermahnung zu Solidarität und Verantwortung."

Splitter

Wiedersehen nach Jahrzehnten. Am Rande seines Kurzbesuchs in Straßburg machte Papst Franziskus auch einer 97-jährigen Deutschen seine Aufwartung. Es war Helma Schmidt, die 1985 den damals 48-jährigen argentinischen Priester in Boppard am Rhein beherbergte. Damals lernte Jorge Bergoglioam dortigen Goethe-Institut Deutsch. Im März 1986 beendete er in Deutschland seine Doktorarbeit in Philosophie. Briefkontakt mit Helma Schmitd hielt er danach noch zwei Jahrzehnte lang.

Regenbogen-Schal als Symbol. Die Vizepräsidentin des Europaparlaments und Grünpolitikerin Ulrike Lunacek hat Papst Franziskus zu seinem Besuch in Straßburg einen Regenbogenschal überreicht. Lunacek erläuterte dem freundlich lächelnden Kirchenoberhaupt auf Spanisch, dass der Schal ein Symbol für die Indigenen, Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen (LGBT) und für den Frieden sei. In einem Brief an das Kirchenoberhaupt hatten sich die Grünen beunruhigt über die Haltung der katholischen Kirche zu Frauen gezeigt, insbesondere in Hinblick auf ihre persönlichen und Fortpflanzungs-Rechte sowie auf ihre Rolle in der Kirche. "Wir sind auch ernsthaft beunruhigt über die fortgesetzte Verurteilung der Homosexualität, aber ermutigt durch einige ihrer persönlichen Aussagen zu diesem sensiblen Thema", schrieben die Fraktionschefs Rebecca Harms und Philippe Lamberts. Außerdem kritisieren die Grünen die mangelnde Aufklärung von Verbrechen des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche.