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Die Verstoßenen

Von Cornelia Grotte

Politik

Nach Druck der ungarischen Regierung hat sich die Zentraleuropäische Universität (CEU) in Wien angesiedelt. Freude und Wehmut mischen sich bei den Mitarbeitern der Hochschule.


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Das gläserne Universitätsgebäude ragt sechsstöckig zwischen den Altbauwohnungen in der Peripherie der Stadt hervor. Vor wenigen Tagen waren das große Auditorium und die Cafeteria der Central European University noch verlassen. Jetzt tummeln sich hier die ersten Studenten. Das Personal der auch international in die Schlagzeilen geratenen Uni empfängt sie am ersten Tag in der Lobby. Einige Lehrende kommen mit Koffern an. Seit Monatsbeginn belegen rund 300 Studenten 60 Kurse am neuen Standort in Wien. Mit dem erzwungenen Umzug der CEU von Ungarn nach Wien bekommt die Stadt ihre 16. Privatuniversität. Über das gesamte Studienjahr sollen 600 Menschen hier studieren. In den vergangenen Wochen haben sie sich in Budapest auf das Wintersemester mit Intensivkursen vorbereitet.

Die vom US-Investor George Soros gegründete CEU war 2017 ins Zentrum einer Kampagne der rechtsnationalen Regierung unter Viktor Orban gerückt. Orban hat den ungarischstämmigen Milliardär zum nationalen Feindbild erkoren. "Wir wollten Budapest nie verlassen. Wir wurden aus Ungarn vertrieben", sagt Liviu Matei, Professor für Höhere Bildung an der CEU. Obwohl er nicht in Ungarn geboren wurde, ist das Land seine Heimat geworden: "Meine Frau, mit der ich Kinder habe, ist aus Ungarn. Und ich lebe seit zwanzig Jahren in Ungarn. Ich finde es wirklich traurig. Und vielen meiner Kollegen geht es ähnlich."

"Ein logistischer Albtraum"

Die Vizerektorin für Sozialwissenschaften, Eva Fodor, trafen die von der ungarischen Regierung in den vergangenen zwei Jahren erlassenen Hochschulgesetze gleich doppelt. Denn mit dem Erlass, der der CEU für ihre US-akkreditierten Studienprogramme auch einen Standort in den Vereinigten Staaten vorschreibt, wurde ihrer Universität nicht nur in weiten Teilen die Fortführung des Lehrbetriebs untersagt. Mit dem im Oktober 2018 erfolgten Verbot der Gender Studies wurde auch Fodors akademische Disziplin abgeschafft.

Da die ungarischen Programme für das kommende Jahr in Budapest bleiben, bedeutet das für Fodor und viele andere Mitarbeiter nun ein Leben zwischen den Hauptstädten: "Viele meiner Kollegen haben Verträge mit dem ungarischen Teil der Universität. Viele von ihnen werden pendeln. Es wird eine harte Zeit, ein logistischer Albtraum", sagt Fodor. Das vergangene Jahr habe man sich auf die Situation vorbereitet, so die Sozialwissenschaftlerin. Bei all dem Hin und Her sei es wichtig, dass sich die Studierenden trotzdem wohlfühlen, sagt Fodor. Langfristig werde auch sie nach Wien ziehen. Dort wurde die neue Universität mit offenen Armen empfangen. Sowohl die Wiener Stadtregierung als auch andere Universitäten zeigten sich erfreut über die Ansiedelung der Fakultät. Vorwiegend positiv nahmen auch die CEU-Mitglieder ihren Empfang wahr. "Wir wurden sehr warmherzig unterstützt, in allen Belangen", sagt Fodor. Wien sei eine wunderbare Stadt und auch intellektuell und akademisch ein guter Standort, findet auch Matei.

Angriff auf Akademiker

Allerdings ist die Universität in Wien auch auf Kritik gestoßen: Die FPÖ bezeichnet die CEU als entbehrlich, der Wiener Bildungssprecher der Partei, Maximilian Krauss, nannte Soros eine "höchst umstrittene Persönlichkeit". Fodor nimmt diese Kritik gelassen: "Es gibt einen Unterschied zwischen Kritik von Politikern und öffentlichen Personen und der Kritik einer Regierung, die diese in einer Gesetzgebung ausdrückt, die die Universität aus dem Land drängt."

Mit dem Standort in Wien im zehnten Bezirk ist die CEU zufrieden. Die Universität hat das Gebäude für sechs Jahre gemietet. Im Sommer wurde es renoviert und für den Unibetrieb eingerichtet. So schön, wie das Gebäude in Budapest, welches Architekturpreise gewonnen habe, sei es nicht, aber man sei sehr glücklich, sich hier niederlassen zu können. Langfristig möchte die CEU jedoch ein anderes Gebäude finden. Im Gespräch sind Teile des ehemaligen Otto-Wagner-Spitals im 14. Bezirk. Laut Fodor ist jedoch noch nichts fix.

Momentan liegt der Fokus auf dem Semesterstart: Im Winter werden die US-akkreditierten Kurse bereits in Wien angeboten. Auch in Österreich akkreditierte Kurse soll es geben. Was bedeutet, dass der Abschluss an der CEU, die künftig neben postgradualen Studien auch Bachelor-Programme anbieten möchte, auch in Österreich gültig ist.

Die Anzahl der Studenten sei trotz allem gleich geblieben, sagt Fodor. Im Umzug sieht sie auch eine Chance. "Ungarische Universitäten erleiden Angriffe auf die akademische Freiheit. Die Regierung entscheidet, wie Förderungen verteilt werden, und regierungstreue Universitätsmitarbeiter bestimmen über Postenbesetzungen", sagt Fodor. Mit dem Umzug der CEU sei nun vieles einfacher und besser geworden. "Wir haben ein Zuhause in Wien gefunden. Wir haben die Sicherheit, dass wir weitermachen können mit dem, was wir tun", sagt Fodor. "Für unsere Kollegen in Ungarn trifft das nicht zu."

Trotz Wirbel inskribiert

Am Standort in Wien ist bereits Leben eingekehrt. Die Studenten eines Master-Programms sitzen in der Cafeteria über ihren Laptops. Sie haben dieses Jahr ihr Studium an der CEU begonnen. "Es war stressig, da wir uns die Woche vor dem Übersiedeln weniger auf die Uni konzentrieren konnten", erzählt ein Student aus den USA, der mit seiner Inskription an der CEU auch ganz bewusst ein Zeichen setzen will. "Ich war zuvor einige Zeit in Europa und habe gemerkt, dass Rechtspopulismus ein großes Thema ist", sagt der junge Amerikaner.