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Die wahre Geschichte des Jud Süß

Von Edwin Baumgartner

Wissen

Der Fall Jud Süß als Beispiel für schlampigen Umgang mit Geschichte. | Steter Nährboden für antisemitische Hetzen. | Legendenbildung in Romanen und Filmen.


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Es war ein Justizmord. In diesem Punkt stimmten schon längst alle Historiker überein. Ernstzunehmende Diskussionen gibt es hingegen nach wie vor darüber, ob der am 4. Februar 1738 in Stuttgart hingerichtete Joseph Ben Issachar Süßkind Oppenheimer, genannt Jud Süß, ein völlig unschuldiges Opfer war oder ob er zwar zurecht verurteilt wurde, das Strafmaß jedoch - die Todesstrafe - aus reinem Antisemitismus absichtlich unverhältnismäßig hoch ausgefallen sei.

Der Fall Jud Süß liegt noch lange nicht bei den Akten. Zu gegenwärtig ist die Gestalt des Joseph Süßkind Oppenheimer immer noch: 2010 wird Oskar Roehlers "Jud Süß - Film ohne Gewissen" uraufgeführt, der sich auf Veit Harlans antisemitischen Propaganda-Film "Jud Süß" (1940) bezieht. Die Nibelungenfestspiele Worms zeigten in dieser Saison eine Dramatisierung des Stoffes von Dieter Wedel und Joshua Sobol, und unlängst ersteigerte das Landesarchiv Baden-Württemberg die Verteidigungsschrift für Oppenheimer. Das Dokument bestätigt: Es war Justizmord. Akte geschlossen? Keineswegs. Denn der Fall Jud Süß ist ein Paradebeispiel für den schlampigen Umgang mit der Geschichte, den Verteidiger, Ankläger und Romanautoren gleichermaßen betreiben.

Im Grunde ist ein Schriftsteller schuld an dem Schlamassel - und es ist nicht Wilhelm Hauff. Die 1827 erschienene Novelle des Autors von Märchen wie "Kalif Storch", "Zwerg Nase" oder "Das kalte Herz" bedient zwar manch antisemitisches Klischee, prangert aber auch die Ungerechtigkeit des Urteils an.

Der Romanautor, der "Jud Süß" mit allen Klischees überzieht, die dieser Gestalt bis heute anhaften, ist ein jüdischer Autor, nämlich der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884-1958). Zu seinem Werk gehören nicht nur kluge Abrechnungen mit dem Nationalsozialismus wie "Die Brüder Lautensack" oder die "Wartesaal-Trilogie", sondern auch historische Romane. Nur, dass der studierte Historiker Feuchtwanger mit der Historie frei umgeht, um seine Thesen zu exemplifizieren. Ein Roman wie "Der falsche Nero" etwa hat zwei Fehler: Die Parallelen zum Dritten Reich sind ebenso an den Haaren herbei gezogen wie die historischen Vorgänge unhaltbar sind. Aber das Buch liest sich spannend wie ein Thriller.

Jud Süß als Kapitalist, Finanzgenie, Modernisierer

Wahrscheinlich ist auch "Jud Süß", 1925 erschienen, vor allem als Spannungsroman gedacht - und auf dieser Ebene funktioniert er heute noch tadellos. Feuchtwanger freilich will höher hinaus. Er, der politisch weit links steht und fallweise mit Bertolt Brecht zusammenarbeitet, sieht in Oppenheimer primär den Kapitalisten. Die Titelgestalt ist demnach eiskalt berechnend, verschlagen, opportunistisch und machtbesessen. Der Roman bedient damit die gängigen antisemitischen Klischees. Zu Veit Harlans Film ist es nur ein kleiner Schritt.

Dass der Film auf Feuchtwangers Roman basiert, ist jedoch unwahrscheinlich. Eher scheint es, als hätten Harlan und Eberhard Wolfgang Möller für ihr Drehbuch antisemitische Ressentiments mit der Erzählung Hauffs verquickt. Offenbar durch die Bezugnahme auf Hauff rutscht in den Film gegen Ende sogar eine seltsame propagandistische Antiklimax hinein: Das Gericht kann Oppenheimer nicht wegen der ihm zur Last gelegten Vergehen verurteilen, also sucht es ein anderes Vergehen und findet es in einer Sexualstraftat. Ein antisemitisch konditioniertes Publikum wird diesen Moment nicht wahrnehmen - aber es könnte sein, dass Harlans NS-Propagandafilm hier nolens volens das moralische Unbehagen des Hauff-Romans auf einer zweiten Ebene transportiert.

Doch was ist dran an dem historischen Süßkind Oppenheimer, dass er solche Legenden und Auseinandersetzungen hervorruft?

Die Fakten sind: Oppenheimer wird 1698 in Heidelberg geboren. Da ihm, wie allen Juden, der Grundbesitz und die Zugehörigkeit zu den Zünften untersagt ist, verlegt er sich auf Geldgeschäfte - und das mit solchem Geschick, dass er bald als potenter Privatfinanzier auftritt.

Im Herzogtum Württemberg ist der Regent per Gesetz auf die gleichsam mitregierenden Zunft- und Gildevertretung, die sogenannten Landstände, angewiesen. Als der Katholik Karl Alexander 1733 Herzog wird, blockieren die protestantischen Landstände prompt jedes seiner Vorhaben. Karl Alexander, der sich am (katholischen) französischen Hof orientiert, muss sich durch einen Geldgeber von den Landständen unabhängig machen. Hier tritt Oppenheimer auf den Plan. Der Fürst und das Finanzgenie verstehen sich vom ersten Moment an.

Karl Alexander ernennt Oppenheimer 1736 zum Geheimen Finanzrat. Oppenheimer gründet Manufakturen und eine Bank, die er selbst betreibt. Er besteuert erstmals Beamtenbezüge, veranstaltet Lotterien, deren Erlöse dem Land zugute kommen, verkauft Handelsrechte für Salz, Leder und Wein. Oppenheimer hat mit dem Umbau des Landes Erfolg, die Finanzen konsolidieren sich, die Modernisierung hält Einzug. Die Landstände bangen um ihren politischen Einfluss.

Beträchtlicher Neid und ungeheure Vorgänge

Der 12. März 1737 ist der Glückstag der Landstände: Karl Alexander stirbt unerwartet an einem Herzinfarkt. Die Landstände übernehmen die Macht. Ihre erste Handlung ist die Verhaftung Oppenheimers. Die Anklagen lauten auf Hochverrat, Majestätsbeleidigung, Beraubung der staatlichen Kassen, Amtshandel, Bestechlichkeit, Schändung der protestantischen Religion und sexueller Umgang mit Christinnen.

Das Urteil steht fest, ehe der Prozess beginnt. Ein Jude hat in einer christlich-protestantischen Gesellschaft keinen Erfolg zu haben, er darf unter keinen Umständen lebend davonkommen. Eine Anrufung Karls VI., des Kaisers des Heiligen Römischen Reichs in Wien, Schutzherr der Juden, wird verweigert. Am 4. Februar 1738 wird Oppenheimer durch einen besonderen mechanischen Galgen zugleich erwürgt und gehängt.

Doch obwohl die Ungeheuerlichkeit der Vorgänge ins Auge springt, fällt es schwer, der vom deutschen Schriftsteller und Verleger Hellmut G. Haasis in "Joseph Süß Oppenheimers Rache" vertretenen Apologie in allen Punkten zu folgen. Denn Oppenheimer hatte eine dunkle Seite in Zusammenhang mit einer hemmungslos ausgelebten Sexualität. Es gilt als sicher, dass er obendrein zwei junge Bittstellerinnen in seinen Amtsräumen vergewaltigt hat.

Dieses Faktum lässt sich selbst dann schwer wegdiskutieren, wenn man bedenkt, dass in der fraglichen Zeit niemals eine junge Frau ohne Begleitung zu einem Mann ging, auch nicht zu einem Beamten. Wenn es dennoch geschah, war es ein Angebot: Sex gegen die Bewilligung der Bitte.

Im Prozess gegen Oppenheimer wurde von diesen Vorgängen erst großes Aufheben gemacht, dann wurden sie wieder unter den Teppich gekehrt. Der Grund: Juden war der Beischlaf mit Christinnen zwar bei Todesstrafe verboten, doch auch die Frau wäre mit dem Tod zu bestrafen gewesen. In diesem Fall ging es jedoch nicht um den Vollzug eines Gesetzes, so absurd dieses auch gewesen sein mochte, es ging einzig und allein um Rache - nicht für Oppenheimers Lebenswandel sondern für seinen Erfolg.

Der Neid und die Wut der Landstände müssen tatsächlich beträchtlich gewesen sein: Sechs Jahre lang werden Oppenheimers sterbliche Überreste in einem rot angestrichenen Käfig zur Schau gestellt. Erst 1744 werden sie abgenommen und verscharrt.

Im Grunde jedoch hängen sie weiter, bis 1925 Feuchtwangers "Jud Süß" erscheint, bis 1940 Veit Harlans Film in die Kinos kommt. Und sie werden in dem roten Käfig noch weiter hängen.

Solange, bis der Fall aufgearbeitet sein wird und sich Fakten endgültig von den antisemitischen Legenden scheiden.