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Die wahre Wahrheit

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik
Um die Auslegung der Geschichte Südkoreas ist eine Kontroverse entbrannt. Schüler protestieren, Lehrer Cho Han Kyung freut sich zumindest über lebhafte Debatten.
© Kretschmer

Die konservative Regierung Südkoreas möchte in Zukunft nur noch ein Geschichtsbuch im Schulunterricht zulassen. Lehrer und Schüler wehren sich dagegen.


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Seoul. Dem Schüler Oh Gwang Min muss wahrlich niemand mehr erklären, wie tief die Geschichte eines Landes seine Bevölkerung spalten kann. Von seinen Eltern hat der 17-Jährige immer wieder gesagt bekommen, dass er auf seine Nation stolz sein müsse: Als er ein Kind war, führte ihn die Mutter durch alte Paläste und Tempelanlagen. Heute schaut die Familie in trauter Einigkeit historische Seifenopern im Abendprogramm.

Sobald sich das Tischgespräch jedoch an die jüngere Vergangenheit herantastet, an die Diktatoren, die die Eltern in ihrer Jugend noch erlebt haben, kippt die Stimmung jedes Mal aufs Neue.

Vor allem wenn der Name Park Chung Hee fällt, des koreanischen Übervaters, der sein Heimatland mit militärischer Härte vom bitterarmen Agrarstaat zu einer der größten Volkswirtschaften der Welt katapultiert hat. Dafür müsse man doch dankbar sein, meint der Vater mit stolzer Stimme. Sein Sohn erwidert: "Trotzdem finde ich, dass wir auch klar die Folterungen ansprechen müssen und dass eine Entschädigung für die Betroffenen längst überfällig ist."

Um die Auslegung der Geschichte Südkoreas ist eine Kontroverse entbrannt, die bis in die Familien hineinwirkt. Seitdem vor fünf Jahren erstmals Geschichtsbücher privater Verlagshäuser zugelassen sind, geißeln Politiker der konservativen Saenuri-Partei die Bücher als zu "links". So auch die Tochter des einstigen Diktators, die amtierende Präsidentin Park Geun Hye. Sie hat angekündigt, ein einheitliches Geschichtsbuch zu entwerfen.

Wegen dieser Pläne ergreift Schüler Gwang Min an diesem sonnigen Samstagmittag mit zittrigen Händen ein Mikrofon. Dutzende Gleichaltrige haben sich vor ihm in einer Fußgängerzone im Stadtzentrum Seouls zum Sitzprotest eingefunden. Adrett in Schuluniformen gekleidet, mit Krawatte, Pullunder und Jackett, schauen sie gebannt zu ihrem ersten Redner auf.

"Bereits während der japanischen Kolonialzeit und später bei der Demokratiebewegung waren es die Schüler und Studenten des Landes, die zuerst auf die Straßen gezogen sind", ruft Gwang Min in die Menge: "Auch dieses Mal liegt es an uns, die Proteste anzuführen - schließlich sind wir diejenigen, die am meisten davon betroffen sind!"

"Historischer Krieg"habe begonnen

Die Pläne der konservativen Regierungspartei sehen vor, ihnen ab 2017 ein einheitliches Geschichtsbuch vorzusetzen. Die Autoren will sie dafür selbst auswählen. Die Schulbuch-Kontroverse wird in Südkorea bereits derart hitzig diskutiert, dass das Bildungsministerium in aller Stille ein 25-köpfiges "Spezialkommando" eingerichtet hat, um den Diskurs unter Lehrern, Eltern und Bürgerinitiativen zu überwachen.

Der Proteststurm hält die Präsidentin jedoch nicht von ihrem Vorhaben ab: Umgerechnet dreieinhalb Millionen Euro hat sie jüngst für die Recherche- und Schreibkosten des künftigen Lehrwerks zugeteilt, und zwar aus einem Reservefonds, um ein mögliches Veto aus dem Parlament zu umgehen.

Ein "historischer Krieg" habe begonnen, verkündete der Vorsitzende der Saenuri-Partei Kim Moo Sung jüngst bei einer Parteiveranstaltung vor seinen Anhängern. Um den "Feinden in den Reihen der progressiven Kräfte" zu begegnen, kämpfe er selbst als "Oberbefehlshaber" an vorderster Front. Alles für das Ziel, den Schülern des Landes "die korrekte Geschichte" beizubringen. Die Lehrer des Landes bestünden nämlich "zu 90 Prozent aus Linken".

Einer von ihnen ist Cho Han Kyung. Der Geschichtslehrer lehnt in seinem Schreibtischstuhl und lächelt. "In Südkorea ist es wahrlich schwer, einen Mittelweg zu finden." Von der Ferne dringt die herbstliche Abendsonne ins Lehrerzimmer der Frauenoberschule in Bucheon, einer Stadt im Großraum Seouls. Die Idylle trügt, denn unter Herrn Cho und seinen Kollegen brodelt es dieser Tage gewaltig. Als die zwei größten Lehrergewerkschaften des Landes zur Unterstützung einer Petition gegen das Regierungsvorhaben aufriefen, hat zum ersten Mal seit deren Bestehen jedes einzelne Mitglied unterschrieben. Sogar die Leitartikler der hoffnungslos zerstrittenen Zeitungslandschaft schreiben seit Wochen unisono gegen den Versuch der Regierung an, Kontrolle über die nationale Geschichtsschreibung zu erlangen.

Um diese ungewohnte Einigkeit zu verstehen, reicht ein Blick auf Cho Han Kyungs Schreibtisch, auf dem alle acht derzeit zugelassenen Geschichtsbücher zu zwei ungleichen Stapeln sortiert sind. "Das hier sind die Lehrwerke, die nach Ansicht der Regierung zu links sind", sagt der 50-jährige - und deutet auf sieben von acht Büchern.

Dabei hat das Bildungsministerium die Richtlinien für den Geschichtsunterricht bereits penibel formuliert. Es ist ein eng geschnürtes Korsett, welches die historischen Ereignisse bis auf deren Wortlaut festlegt: Dass Park Chung Hees Machtübernahme etwa als Putsch zu bezeichnen ist und keinesfalls als Revolution und dass seine wirtschaftlichen Leistungen ebenso zu würdigen sind wie die Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. "Wissenschaftlich betrachtet gibt es im Grunde wenig umstrittene Punkte", sagt Geschichtslehrer Cho.

Auf politischer Ebene sieht das jedoch anders aus. Von Kollaborateuren während der japanischen Kolonialzeit oder von Massenerschießungen von Zivilisten im Koreakrieg wollen die konservativen Abgeordneten nichts lesen. Die Präsidentin ließ über ihren Sprecher mitteilen: "Im Sinne der nationalen Einheit brauchen wir ein korrektes, ein stolzes Geschichtsbuch."

Umgang mit Nordkorea im Zentrum der Kontroverse

Im Zentrum der Kontroverse steht die Frage, ob und wie über den verfeindeten Nachbarstaat unterrichtet werden soll. Technisch gesehen haben die beiden Koreas seit Ende des Krieges 1953 noch immer kein Friedensabkommen unterzeichnet, und wer südlich der Demarkationslinie Nordkorea "preist, fördert oder propagiert", riskiert gemäß Nationalem Sicherheitsgesetz bis zu sieben Jahre Haft. Vor drei Jahren hat es einen Fotografen getroffen, der lediglich ein Tweet des offiziellen Nordkorea-Accounts weitergeleitet hatte - "ironisch", wie er vor Gericht vergeblich beteuerte.

Auch während der Pressekonferenz im Bildungsministerium ist die Paranoia des Kalten Krieges zu spüren. Einige der derzeitigen Lehrbücher könnten "ideologische Kontroversen auslösen und Schüler verwirren", sagt Vize-Minister Kim Dong Won. Für die "intellektuell unreifen" Jugendlichen sei es gefährlich, nordkoreanischen Propaganda-Zitaten ausgesetzt zu sein - trotz der kennzeichnenden Fußnoten. Im Unterricht bliebe schließlich nur wenig Raum zur Reflexion: "Von daher ist es unvermeidlich, dass wir den Geschichtsunterricht wieder auf die richtige Spur bringen. Das wird den sozialen Konflikten ein Ende setzen." Unter den ausländischen Reportern raunt ein Schmunzeln ob der Ironie solcher Aussagen: Nordkorea würde wohl wenig anders argumentieren, um sein staatliches Geschichtsbuch zu rechtfertigten.

Wer das entsprechende Schulbuch aufschlägt, wird unweigerlich enttäuscht: Von über 365 Seiten sind weniger als eine Handvoll dem Kim-Regime gewidmet. Kern des Anstoßes sind gerade einmal zehn Textzeilen, in denen anhand zweier Originalzitate die Ideologie Nordkoreas erklärt wird - und unmissverständlich kritisiert. Warum also der ganze Wirbel? "Die Regierung weiß, dass das Thema auf die Bevölkerung noch immer wie ein rotes Tuch wirkt. Nordkorea ist nur Mittel zum Zweck, um das Ziel eines staatlichen Lehrbuchs zu erreichen", meint Lehrer Cho.

Die politischen Beobachter sind uneinig, ob die Regierung damit vor allem auf die Wahl im kommenden Jahr schielt, um ältere Wählerschichten zu gewinnen. Längst werden jedoch die Stimmen lauter, die eine persönliche Mission der Präsidentin vermuten. Bereits 2007 schrieb diese in ihrer Autobiografie, wie sehr sie getrieben davon sei, mit dem schlechten Ruf ihres Vaters aufzuräumen.

Geschichtslehrer Cho Han Kyung kann der Schulbuch-Kontroverse zumindest eine gute Seite abgewinnen: "Endlich wird in koreanischen Klassenzimmern wieder diskutiert."