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Die Welt im Kleinen verändern

Von Sophia Freynschlag

Wirtschaft
Hilfe für Kinder in Äthiopien: Ellen Staudinger verbrachte ihr Volontariat in einem Armenviertel von Addis Abeba und arbeitete für das Projekt "Don Bosco Mekanissa".
© Ellen Staudinger/Volontariat bewegt

Ein Freiwilligeneinsatz im Ausland erweitert nicht nur den persönlichen Horizont.


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Wien. "Ein Jahr konzentriertes, intensiviertes Leben. Lebenskonzentrat, wenn man so will." Mit diesen Worten beschreibt Valentin sein Volontariat in Indien. Ausschlaggebend für den freiwilligen Einsatz im Ausland sei oft, helfen zu wollen und Solidarität zu zeigen, sagt Johannes Ruppacher, der seit Oktober Geschäftsführer des Vereins "Volontariat bewegt" ist: "Man wünscht sich, die Welt mitverändern zu können. Die Realität schaut aber anders aus. Aber man kann im Kleinen einen Unterschied machen."

Wichtig sei der eigene Lernprozess, so Ruppacher, der selbst beim Ersatz für den Zivildienst 2007/08 auf den Philippinen Kinder und Jugendliche in einem Waisenhaus betreut und Menschen in einem Berufsausbildungszentrum beim Lernen unterstützt hat. Jährlich absolvieren laut Innenministerium im Durchschnitt 110 Zivildienstpflichtige den Ersatz für den Zivildienst im Ausland, davon entscheiden sich etwa 50 für einen Sozialdienst.

Professionelle Begleitung nötig

Sucht man im Internet nach einer Freiwilligenarbeit im Ausland, finden sich zahlreiche Anbieter. Interessierte sollten die unterschiedlichen Programme genau unter die Lupe nehmen. Die Qualität von manchen Angeboten lasse zu wünschen übrig, und Volontariatstourismus sei ein Problem, sagt Ruppacher: Eine kurze Einsatzzeit von wenigen Wochen sei problematisch, zudem gebe es bei kommerziellen Angeboten häufig keine professionelle Begleitung.

Über "Volontariat bewegt", eine Initiative von Jugend Eine Welt und den Salesianern Don Boscos, gehen jedes Jahr 35 bis 40 junge Menschen bis 35 Jahre für zwölf Monate nach Asien, Lateinamerika und Afrika, um in der Kinder- und Jugendarbeit tätig zu sein. Die Vorbereitung für den Auslandseinsatz erstreckt sich über ein halbes bis ein Jahr. In drei Wochenendmodulen und einer Vorbereitungswoche setzen sich die angehenden Freiwilligen auch mit eventuellen Schwierigkeiten im Einsatz - von Kulturunterschieden bis Heimweh - auseinander. Dennoch: "Egal wie gut die Vorbereitung ist - mit Einsatzbeginn ist es letztendlich ganz anders, als man es sich vorgestellt hat", sagt der 26-jährige Kärntner Ruppacher. In den zwölf Monaten sind die Freiwilligen beispielsweise in einem Projekt mit Straßenkindern tätig oder mit arbeitenden Kindern in Indien, oder sie unterrichten Englisch und betreuen Kinder aus zerrütteten Familien in Ecuador. Viele der Rückkehrer arbeiten später als Lehrer oder Sozialarbeiter, einige sind in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Eines nehmen alle mit, so Ruppacher: "Sie sehen die globale Perspektive in ihrem Alltag."

Mitten im Berufsleben - oder bereits in der Pension - sind hingegen die jährlich zehn bis zwölf Freiwilligen, die über die Organisation Voluntaris einen Einsatz bei 15 Projektpartnern absolvieren. Das Durchschnittsalter liege bei 58 Jahren, sagt Iris Refenner von Voluntaris: "Viele unserer Freiwilligen wollen die Zeit in der Pension oder ein Sabbatjahr nutzen und ihre beruflichen Kompetenzen einsetzen. Sie fühlen sich fit und wollen einen Beitrag in der Gesellschaft leisten." Für viele sei es die "Erfüllung eines Lebenstraums". Bei der Rückkehr nach Österreich würden viele einen größeren Kulturschock erleben als zu Beginn des Auslandseinsatzes, weil sie dort oft mit Armut konfrontiert werden. "Wichtig sind daher Rückkehrgespräche zur Reflexion", so Refenner.

"Finanziell ein Verlustjahr"

Persönlich bereichernd seien die Begegnungen und Erfahrungen, die Freiwillige während ihres Auslandsaufenthalts sammeln. Finanziell bedeute der freiwillige Einsatz im Ausland jedoch ein Verlustjahr, so Ruppacher.

Bei Voluntaris zahlen Freiwillige für einen sechsmonatigen Auslandsaufenthalt insgesamt 2600 Euro, inkludiert sind Vorbereitung, Auslandsversicherung sowie Unterkunft und Verpflegung vor Ort. Dazu kommen Kosten für Impfungen, Flug und Visum. Bei "Volontariat bewegt" wird der Finanzierungsbeitrag in den meisten Fällen durch Spenden aus dem persönlichen Umfeld der jungen Menschen abgedeckt.

"Die gesetzlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für freiwillige Auslandseinsätze sind derzeit völlig unzureichend", kritisiert Ruppacher. Er fordert, dass Jugendlichen, die ein Jahr auf Auslandseinsatz gehen, ebenso Familienbeihilfe gewährt wird wie Jugendlichen, die ein soziales Jahr im Inland machen. Dieser Anspruch ist zwar im Freiwilligengesetz enthalten, oft scheitere es aber "an Details", nämlich bei den Kriterien für den Anspruch auf die Beihilfe: Der Erhalt der Familienbeihilfe ist an Kriterien wie pädagogische Betreuung von mindestens 68 Stunden zu Beginn und 16 Stunden zu Ende des Dienstes zusammenhängend in Österreich geknüpft.

Vom Sozialministerium heißt es dazu auf Anfrage: "Im Hinblick auf den Sozialdienst im Ausland gibt es derzeit, mangels Anträgen oder aber aufgrund der fehlenden Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen, noch keine gemäß Freiwilligengesetz anerkannten Träger, sodass die Bestimmungen des Freiwilligengesetzes bei einem Auslandseinsatz nicht zum Tragen kommen." Ein Sprecher verweist auf eine Arbeitsgruppe zum Thema Auslandsdienste.

Außerdem haben Frauen, die einen Freiwilligeneinsatz im Ausland absolvieren, derzeit keinen Anspruch auf ein Jahr längere Auszahlung von Familienbeihilfe - im Gegensatz zu Zivildienern, deren Anspruch bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres besteht, kritisiert Ruppacher. Im Gegensatz zum sozialen Jahr handle es sich beim Zivildienstersatz um eine staatsbürgerliche Verpflichtung, teilt das Ministerium mit: Eine Anspruchsverlängerung der Familienbeihilfe aufgrund eines Freiwilligendienstes "schätzen wir als unwahrscheinlich ein".

Wissen: Zivildienstersatz

Als Ersatz für den Zivildienst kann ein Auslandsdienst, ein Freiwilliges Sozialjahr, ein Freiwilliges Umweltschutzjahr, ein Gedenk-, Friedens- und Sozialdienst im Ausland (jeweils 12 Monate) oder Entwicklungshilfedienst (2 Jahre) geleistet werden. Ein solcher Dienst muss durchgehend geleistet werden. Interessenten müssen so früh wie möglich dem Bundesministerium für Inneres bzw. der Zivildienstserviceagentur schriftlich bekanntgeben, dass sie Interesse an einem solchen Dienst haben. Für die Anrechnung muss vor der Zuweisung zum Zivildienst eine Vereinbarung mit einer nach dem Freiwilligengesetz anerkannten Trägerorganisation geschlossen und diese Vereinbarung an die Zivildienstserviceagentur gesendet werden. Bewerbungen mit Antrittsjahr 2016 sind bis 31. Jänner 2015 möglich.