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Die Wiege der Biodiversität

Von Roland Knauer

Wissen

In Riffen entstehen 45 Prozent mehr Arten als außerhalb. | Überleben in einer Zweckgemeinschaft. | Mit "Riffe als Wiegen der Evolution und Quellen der Biodiversität" betitelt "Science" (Band 327, Seite 196) neueste Forschungen zur Biodiversität. Wolfgang Kießling, Paläontologe am Berliner Museum für Naturkunde und Professor an der Humboldt-Universität in Berlin, hat einen wichtigen Ursprung der Artenvielfalt in den Meeren entdeckt.


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Die ältesten Reste von Lebewesen, die heute in Gesteinsschichten gefunden werden, sind rund 540 Millionen Jahre alt. Bereits damals aber entstanden in den Korallenriffen der Meere ganz besonders viele Arten, zeigt Kießling. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Vergleiche man die Riffe mit anderen Meeresgebieten, bilden sich innerhalb der Korallenriffe 45 Prozent mehr Gattungen als außerhalb.

65 Prozent der in Korallenriffen neu entstanden Gattungen erobern später auch andere Lebensräume. Hingegen importieren die Riffe selbst nur wenige Arten, weil ihre Artenvielfalt dies verhindere, so die Forscher.

Blumentiere mit Untermietern

Woher aber kommt die Biodiversität im Korallenriff? Grundlage sind die Korallen, die keine Pflanzen, sondern Tiere sind. Wegen ihrer bunten Farben und ihrer filigranen Strukturen heißen diese Organismen Blumentiere oder Anthozoa.

Mit einem Fuß halten die winzigen Tierchen sich an Steinen oder hartem Untergrund fest. Als zusätzliche Stütze scheidet der Fuß eine bestimmte Form von Kalk aus, genannt Aragonit. Der Aragonit bildet eine Art äußeres Skelett, das immer weiter wächst. An den Enden der so entstehenden, astähnlichen Verzweigungen sitzen die eigentlichen Bewohner - die Polypen. Bei Gefahr können sie sich in ihren Panzer zurückziehen. Normalerweise aber filtern sie mikroskopisch kleine Lebewesen aus dem vorbei strömenden Wasser.

Da den Steinkorallen das gefangene Plankton aber nicht immer zum Leben, reicht, nehmen sie Untermieter auf. Die sogenannten "Zooxanthellen" sind winzige Algen, die im Körper der Steinkoralle leben und aus Sonnenlicht, Wasser und Kohlendioxid Nährstoffe wie Zucker machen. Bei dem Zusammenleben schützen die Korallen ihre grünen Mitbewohner vor Feinden, im Gegenzug zahlen die Algen ihren Schutzherren Miete in Form von Nährstoffen.

Jede Art übernimmt ihre Aufgabe

Weil die Algen in solchen Wohngemeinschaften aber Sonnenlicht zum Leben brauchen, wachsen solche Symbiosen nur bis in Tiefen, in die noch Licht vordringt. In tropischen und subtropischen Gewässern sind das allenfalls dreißig Meter Tiefe. Steigt der Meeresspiegel oder senkt sich der Meeresgrund, wachsen Korallen nach oben weiter, während die Artgenossen in der Tiefe absterben.

Auf diese Weise entstehen im Laufe von Jahrmillionen Tausende Meter hohe Kalkschichten, die dann ganze Bergzüge bilden. Verschwindet eines Tages das Meer, bleiben die Kalkskelette der einstigen Korallen-riffe übrig. Etwa bestehen die Dolomiten in Südtirol, Teile der nördlichen Kalkalpen und der Rocky Mountains aus Resten ehemaliger Korallenriffe.