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"Die Zeit der Introspektive"

Von Alexia Weiss

Politik
Das Schofar, ein Instrument aus Widder-Horn, kommt zu Rosch Haschana zum Einsatz.
© © © NSI Agency / Demotix/Demotix/

Am Mittwoch begann Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest. | In neun Tagen folgt mit Jom Kippur der Versöhnungstag.


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Wien. Drei-Tages-Juden: So bezeichnet man augenzwinkernd jene, die nur zu den Hohen Feiertagen, also zu Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, das zwei Tage lang gefeiert wird, und zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag, in die Synagoge gehen. An diesen Tagen sind alle Wiener Synagogen voll bis zum letzten Platz, für den übrigens bezahlt werden muss: Die Jahresplatzkarten, die jeweils zu Beginn des neuen Jahres, vergeben werden, sind seit Jahrhunderten eine wesentliche Einnahmenquelle zur Erhaltung der jüdischen Gotteshäuser, so Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister.

In streng orthodoxen Synagogen ist der Zulauf zu Schabbat-Gottesdiensten nicht geringer als jener zu den Hohen Feiertagen. "Man geht hin, weil man nach der Tora lebt und durch das Gebet eine Mitzwa, also ein Gebot erfüllt", so Rabbiner Hofmeister. Die eher säkularen Juden, die sich selbst auch oft als traditionelle Juden bezeichnen, zieht es dagegen eben oft nur an den Hohen Feiertagen in die Synagoge. Und dann steht für sie auch oft nicht das Gebet im Mittelpunkt, sondern das Zusammentreffen mit der Community.

Plaudern in der Synagoge

Anders als bei christlichen Messen geht man in der Synagoge schon auch einmal umher, um Freunde und Bekannte zu begrüßen. Es wird, in gedämpfter Lautstärke, im Hintergrund miteinander geplaudert, während vorne aus der Tora vorgetragen wird. Da kann der Lärmpegel bisweilen ordentlich anschwellen.

Es sei in Ordnung, sich zu begrüßen, betont dazu Rabbiner Hofmeister, Gespräche sollte man aber dann doch auf die Zeit vor und nach dem Gebet beschränken. Dass es zu den Hohen Feiertagen fast alle Juden, ob religiös oder nicht, in die Synagoge zieht, zeige, dass diese Zeit im Jahr doch etwas an der Neschume, also an der Seele rühre.

Hannah Lessing, Leiterin des Nationalfonds, wird heute, dem ersten Tag von Rosch Haschana, genauso in der Synagoge anzutreffen sein wie morgen und dann zu Jom Kippur am 8. Oktober. Sie erzählt, sie gehe hauptsächlich zu den Feiertagen in den Wiener Stadttempel. "Als mein Vater jetzt krank war, bin ich auch an Samstagen gegangen. Und immer wenn ich im Ausland bin, auf Dienstreise oder privat, gehe ich Freitag Abend oder Samstag Vormittag in die Synagoge. Es ist immer aufregend, Schabbet in einer fremden Stadt in der Synagoge zu sein."

Was für sie die Feiertage bedeuten? "Ich fühle mich ganz bei mir, in meinem Austausch mit Gott und meiner Spiritualität. Ich bezeichne mich als nicht sehr religiös, da ich - leider - die Gesetze nicht streng einhalte. Ich bin aber sehr gläubig. Das Gefühl der Geborgenheit, das sich in seiner Religion Zu-Hause-Fühlen, gibt mir viel Kraft, nicht zuletzt für meinen Job." Die Wiener jüdische Gemeinde sei insgesamt zu einem großen Teil eine "Hohe Feiertags-Religionsgemeinschaft", meint Lessing. "Jüdisch sein ist aber eben höchstwahrscheinlich auch eine Gemeinschaft über die religiösen Gesetze hinaus. Daher trifft man sich an den Hohen Feiertagen einerseits zur Ausübung der Religion, andererseits aber eben auch wegen der Gemeinschaft."

Marta Halpert, Chefredakteurin des "Jüdischen Echo", sieht die tiefere Bedeutung von Rosch Haschana und Jom Kippur vor allem darin, "dass man den Alltag, die Sorgen, den Stress draußen lässt und der Seele und den Gefühlen in der Synagoge mehr Platz einräumt. Man gönnt sich den Luxus, in sich hineinzuhören und persönliche Bilanz zu ziehen." Sie mag "die verordnete Ruhe, dass man nicht arbeiten darf, nur mit Familie und Freunden beisammen ist".

Als eine "Zeit der Introspektive" beschreibt Rabbiner Hofmeister denn auch die Hohen Feiertage. Man nimmt sein eigenes Verhalten unter die Lupe, sucht mit jenen das Gespräch, wo es noch Unstimmigkeiten auszuräumen gibt oder eine Entschuldigung angebracht wäre. Und beim Gebet in der Synagoge versuche man dann auch, mit Gott ins Reine zu kommen. Halpert erzählt: "Da wir im Judentum ja keine Priester haben, die uns übers Jahr die Beichte und somit die Sünden abnehmen, müssen wir uns das ganz alleine mit dem lieben Gott ausmachen. Dieser Dialog ist mir sehr wichtig, ich habe immer viel mit IHM zu besprechen."

Am ersten Tag von Rosch Haschana befolgen manche zudem den Taschlich genannten Brauch, zu einem Gewässer zu gehen und dort die Kleider auszuschütteln und so alle Krümel symbolisch für die Sünden des vergangenen Jahres im Wasser versenken. In Wien wird hier meist der Donaukanal angesteuert.

Fasten für das Geistige

Zu Jom Kippur wiederum wird einen Tag lang gefastet. "Das hilft bei der Konzentration auf das Geistige", erklärt Rabbiner Hofmeiter. Da es in der heutigen Zeit auch keine Tieropfer mehr gebe, werde das Fasten zudem auch als eine Art Opfer gesehen, bei dem der Mensch Gott etwas von seinem Körper gebe. Halpert fastet jedes Jahr "und ich glaube, dass das eine sehr gute Idee ist. Man redet zwar viel zu viel über die paar Stunden ohne Nahrung, aber auch das Fasten selbst führt zu nicht alltäglichen Gedanken."

Die Hohen Feiertage starten nun aber einmal süß. Traditionell wurden am gestrigen Vorabend des Neujahresfests, auch Erev Rosch Haschana genannt, Äpfel mit Honig gegessen. Die Idee dahinter: Das neue Jahr soll süß werden. Kinder freuen sich schon, wenn dann im heutigen Gottesdienst das Schofar geblasen wird. Der Einsatz dieses aus dem Horn eines Widder gefertigten Instruments geht auf die Zeit Moses zurück.