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Die Zeit der Lügen und Verdrängung

Von Christof Habres

Wissen

Ein Forschungsprojekt untersucht das Politische in der österreichischen Nachkriegsliteratur. | Die Einstellung des "Nicht-erinnert-werden-Wollens" herrschte vor, es gab aber Ausnahmen.


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Wien. Die Fetzen sind ordentlich geflogen, in der österreichischen Literaturszene der Nachkriegszeit. Da wurde bis in die frühen Morgenstunden in den Kaffeehäusern politisiert und Kollegen, ob ihrer vermeintlichen Nähe zum Kommunismus, wurden bei Herausgebern und Verlegern denunziert. Die politischen Diskussionen und Auseinandersetzungen im heimischen Literaturbetrieb dieser Zeit sind durch Interviews und einzelne Biografien gut dokumentiert. So politisch die öffentlichen Diskurse gewesen sind, so unpolitisch präsentiert sich bis heute die Literatur aus dieser Zeit. In der österreichischen Literaturgeschichte wurde die politische Nachkriegsliteratur bis heute nicht wissenschaftlich aufgearbeitet.

Hochpolitische Inhalte, aber unpolitisch rezipiert

Dem weitverbreiteten Vorurteil, die österreichische Literatur zwischen 1945 bis 1966 sei weitestgehend unpolitisch gewesen, möchte nun Günther Stocker vom Institut für Germanistik der Universität Wien mit einem Forschungsprojekt entgegenwirken. Seit Herbst 2010 untersucht er fast vergessene und wenig bekannte Autoren oder verdrängte politische Werke bekannter Autoren, wie etwa "Die zweite Begegnung" von Friedrich Torberg.

Hauptsächlich sind es aber Autoren, die mit ihren Arbeiten nicht dem herrschenden Kanon der damaligen Literaturszene entsprachen. Dieser Kanon war einerseits bestimmt von der traditionellen Linie konservativer Autoren, die meist schon vor dem Krieg publiziert hatten, wie Heimito von Doderer oder Alexander Lernet-Holenia, und andererseits von einer experimentellen Avantgarde, rund um die Wiener Gruppe mit Autoren wie H.C. Artmann, Konrad Bayer oder Gerhard Rühm. Aber auch von Hans Weigel mit der von ihm herausgegebenen Anthologienreihe "Stimmen der Gegenwart". Einer literarischen Plattform, wo unter anderem Gerhard Fritsch und Ingeborg Bachmann entdeckt wurden.

Um bei Bachmann zu bleiben: Bei ihr zeigt es sich deutlich, dass hochpolitische Inhalte, wie sie in ihrem Gedichtband "Die gestundete Zeit" (1953) zu finden sind, von Kritik und Publikum weitestgehend unpolitisch rezipiert wurden. Da wurde lediglich ihr Stil als neue Lyrik gefeiert, wie Günther Stocker im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont. Die eindrücklich geschilderte Atmosphäre des Kalten Krieges fand jedoch keine Erwähnung.

Diese Verdrängung hat mit einer allgemeinen Abwendung der österreichischen Gesellschaft gegenüber der erlebten Geschichte, der Einstellung des "Nicht-erinnert-werden-Wollens" zu tun, erklärt Stocker weiter und führt ein Zitat von Lernet-Holenia aus dem Jahr 1945 ins Treffen: "In der Tat brauchen wir nur dort fortsetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben, in der Tat brauchen wir nicht voraus- sondern nur zurückzublicken."

Zwischen diesen Fronten werden jedoch Autoren übersehen, die explizit Zeitgeschichte und Politik in ihren Büchern verarbeitet haben, wie Stocker feststellt. Autoren, die mit der Zeit häufig in Vergessenheit geraten sind. Wie Robert Neumann, der 1934 nach England ins Exil ging, dort Vorsitzender des Exil-Pen-Clubs war und der 1952 den ersten Roman über den stalinistischen Gulag veröffentlichte: "Die Puppen von Poshansk". Bemerkenswerterweise zuerst in englischer Sprache und erst danach in Deutsch. Leider sind seine Arbeiten im deutschen Sprachraum kaum mehr zu finden, nachdem sein Verlag schließen musste.

Erbarmungslose Aussagen zu Österreichs Vergangenheit

Ein anderer interessanter Autor am "Rande des Literaturbetriebs" war Reinhard Federmann. Der 1923 in Wien geborene Federmann schrieb neben anspruchsvollen politischen Romanen auch Krimis, oft gemeinsam mit Milo Dor. Federmann war ein sehr genauer Beobachter österreichischer Phänomene und einer der Ersten nach dem Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Kriegs, der mit Romanen seinen literarischen Finger auf offene Wunden der Gesellschaft richtete. Waren es die Verbrechen der Nazi-Zeit oder die Menschenverschleppungen der sowjetischen Behörden, Federmann hat diese Missstände in seinem einmaligen Roman "Das Himmelreich der Lügner" beschrieben und transparent gemacht, erklärt Stocker.

Dieses Buch beinhaltet erbarmungslose Aussagen über die jüngste Vergangenheit der Österreicher, die sie mit aller Kraft zu verdrängen versuchten, Dinge, die sie am liebsten vollständig aus ihrem Gedächtnis gestrichen oder worüber sie gelogen haben. Wohl deshalb hat Federmann diesem Werk das programmatische Zitat von Leo Trotzki vorangestellt: "Unsere Zeit ist vor allem eine Zeit der Lüge." Es war für Federmann ungeheuer schwierig, überhaupt einen Verlag zu finden.

"Das Himmelreich der Lügner" wurde schließlich zuerst in einem deutschen Verlag publiziert und blieb von einer größeren Öffentlichkeit unbemerkt. "Federmann wirft einen ungeheuer scharfen Blick auf die österreichische Nachkriegsgeschichte", sagt Stocker. Ein vielschichtiges Forschungsfeld, und man darf gespannt sein, welche Autoren oder Werke der Germanist und sein Team zurück ans literarische Tageslicht bringen werden.



Buchtipps: Ingeborg Bachmann: "Sämtliche Gedichte", Piper Taschenbuch; Robert Neumann: "Die Kinder von Wien", Eichborn Verlag; Reinhard Federmann: "Chronik einer Nacht", "Das Himmelreich der Lügner" und - zusammen mit Milo Dor - "Internationale Zone", "Und einer folgt dem anderen", alle Picus Verlag.