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Die Zeit des Übergangs

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Obama war immer unterwegs. Er war immer der Besucher. Nun ist er beim Weißen Haus angekommen. Er steht nun auf einer Bühne, auf der Fehler viel strenger beurteilt werden.


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Viele Jahre hat man sich darum bemüht und eines Tages hat man es dann plötzlich tatsächlich erreicht.

Und dann entdeckt man in seinem neuen Geheimdienst-Kokon, dass das Amt des US-Präsidenten ein sehr einsamer Job ist. Von dieser Erfahrung erzählte Barack Obama in einem CBS-Interview. Steve Kroft fragte ihn, ob er gute Ratschläge von früheren US-Präsidenten bekommen habe und Obamas Antwort war ergreifend: "Sie waren alle unglaublich freundlich, aber sie wissen alle, dass eine gewisse Einsamkeit diesen Job umgibt. Man bekommt Informationen und Ratschläge, letztlich trifft man die Entscheidungen aber allein."

Obama war in jedem Sinn des Wortes immer unterwegs gewesen. Er war immer der Besucher, wie es David Brooks von der "New York Times" formulierte. Er lernte viele Orte und Institutionen kennen, er blieb immer wieder eine Weile, aber er hat nie richtig Wurzeln geschlagen. Und nun ist er beim Weißen Haus angekommen. Er steht nun auf einer anderen Bühne, auf der Fehler viel strenger beurteilt werden.

Nach dem fehlerfreien Wahlkampf sind Obamas Team bereits jetzt einige Fehler unterlaufen. Zum Beispiel die Wahl Rahm Emanuels zum Stabschef des Weißen Hauses war zwar an sich gut, aber ungeschickt durchgeführt: Den Medien wurde die Ernennung mitgeteilt, bevor der neue Stabschef das Angebot akzeptiert hatte - sehr peinlich für alle Beteiligten, wenn nichts daraus geworden wäre.

Der nächste Fehler war die öffentliche Diskussion über eine Berufung Hillary Clintons zur Außenministerin. Clinton ist zwar äußerst talentiert, aber es könnte dennoch der falsche Posten für sie sein.

Diese Wahl könnte nämlich Obamas Rolle als Erneuerer in Sachen Außenpolitik untergraben - und damit vielleicht die größte Chance, die er hat. Und jetzt, nach dem vielen Gerede, wird es so aussehen, als ob Obama Clinton und ihren Anhängern unrecht tut, wenn sie nicht Außenministerin wird. Auch hier hat ein bisher perfektes Team also einen Fehler gemacht.

Und dann ist da noch der neuerdings unglaublich scheue künftige Vizepräsident Joe Biden. Wo ist er geblieben? Hat ihn jemand eingesperrt? Er kann unmöglich glücklich über die Vorstellung von Hillary Clinton als außenpolitische Zarin sein. War nicht gerade Bidens besonders reiche außenpolitische Erfahrung der Grund dafür, dass Obama ihn zum Vize gewählt hat?

Obama will ein Kabinett aus sich sonst befehdenden Politikern zusammenstellen, ein "Team der Rivalen", wie es die Historikerin Doris Kearns Goodwin in Bezug auf die Regierung Lincoln nennt. Auch Roosevelt machte es ähnlich. Das klingt gut, stellt man sich die Aura von Lincoln und Roosevelt dazu vor, aber sonst ist es fraglich, ob interne Uneinigkeit tatsächlich förderlich ist für eine funktionierende Regierung. Bevor er sich dafür entscheidet, sollte Obama sich an die Kämpfe in der Regierung Carter erinnern und an jene in der Regierung von George W. Bush.

Nun ist der ewige Wanderer Obama also angekommen: Wer wird die Blase seiner präsidialen Einsamkeit durchdringen? Präsidenten können tatsächlich, isoliert in einer Menge von Beratern und Anhängern, zum Opfer ernster Fehlentscheidungen werden. Denken Sie nur an Richard Nixon oder Lyndon Johnson oder George W. Bush.

Dass Barack Obama die Beziehung zur Realität nicht verliert, dafür sorgt aber offenbar seine Frau Michelle, wie das CBS-Interview zeigte, in dem er beruhigend normal wirkte. In einer Zeit des Übergangs ist das sehr tröstlich.

Übersetzung: Redaktion