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Die Zukunft der Arbeit ist weiblich

Von Lena Marie Glaser

Gastkommentare
Lena Marie Glaser (geboren 1984) ist Expertin für "New Work", Unternehmensberaterin und studierte Juristin in Wien. Sie ist die Geschäftsführerin und Gründerin von Basically Innovative (www.basicallyinnovative.com) und berät Unternehmen und öffentliche Institutionen dabei, Personal zu gewinnen und zu halten.
© Elodie Grethen

Viele, gerade Frauen, hinterfragen ihre Jobsituation kritisch. An einem tiefgehenden Kulturwandel geht kein Weg vorbei.


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"Ein Viertel der Beschäftigten will den Job wechseln", titelte Anfang dieses Jahres eine Studie der Arbeiterkammer. Die aktuelle Ausgangslage in Zahlen: Im Jahr 2015 wollten noch 15 Prozent der befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihren Job wechseln, heute sind es bereits 26 Prozent. Lieber sind sie kurzfristig ohne Job, als sich für ihre Arbeitgeber abzurackern. Die Pandemie hat viele, gerade Frauen, dazu gebracht, ihre Arbeitssituation kritisch zu hinterfragen: Will ich so wirklich arbeiten? Für viele lautet die Antwort eindeutig: Nein! Die Pandemie hat außerdem die (Mehrfach-)Belastungen nochmals in die Höhe geschraubt. So zeichnet sich ganz klar ab, dass immer mehr ausgebrannt und erschöpft sind. Sie schleppen sich nur noch in die Arbeit, viele schrammen am Burnout vorbei. Das sind keine Einzelfälle mehr.

Gleichzeitig können wir fast täglich in den Medien vom "Arbeitskräftemangel" lesen. Egal ob große oder kleine Unternehmen, fast überall wird Personal gesucht. Doch die Herausforderungen der demografischen Entwicklung sind nicht erst über Nacht entstanden. In vielen Betrieben wurde oft verabsäumt, den Blick in die Zukunft zu richten und rechtzeitig vorzubeugen. Jetzt ist der Druck, Personal zu finden, enorm gewachsen. Die Fragezeichen sind groß - was tun? Dabei ist ein anbahnender Machtwechsel am Arbeitsmarkt unübersehbar: Die Arbeitgeber bewerben sich bei den Arbeitskräften und nicht mehr umgekehrt. Also völlig anders als noch vor kurzer Zeit. Ein Paradigmenwechsel. Aus Unternehmen hört man, dass sich auf Stellenausschreibungen kaum jemand meldet. Sie beklagen zugleich, dass Jobsuchende im Bewerbungsgespräch zu hohe Anforderungen stellen: Homeoffice, Work-Life-Balance, Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Arbeiten im Einklang mit den persönlichen Bedürfnissen stehen da ganz oben auf der Prioritätenliste.

Arbeitskultur auf Augenhöhe

Viel wird daher gerade von "New Work" als Ausweg gesprochen, um attraktive Jobs zu bieten. Homeoffice oder Vier-Tage-Woche werden darunter verstanden. Manchmal zählen auch der "Happiness Manager", bunte Büros, coole Team-Events oder der Gratis-Obstkorb dazu. Doch eigentlich geht es um etwas viel Größeres, nämlich eine Arbeitskultur auf Augenhöhe. Noch stecken die alten Paradigmen fest in unseren Knochen: Wir müssen funktionieren, leisten, optimieren, schneller und besser. Doch an einem tiefgehenden Kulturwandel in der Arbeitswelt geht kein Weg mehr vorbei: mehr Solidarität, Partizipation, Empathie und Offenheit für neue Wege. Die Jungen fordern das offensiv ein, zeigen schon einmal vor, wie es anders geht. Sie wollen nicht mehr wie ihre Eltern im Job bis zur Erschöpfung schuften. Ein wirklich neues Arbeiten beginnt mit einem Umdenken.

Da der Kulturwandel aber keine leichte Übung ist, erfordert es Ausdauer, eine Strategie und Zeit. Doch die traurige Realität sieht oft anders aus. In Zeiten der Krise verfallen Arbeitgeber in eine Art "Reformaktionismus". Dann wird am liebsten top-down vorgegeben, was sich zu verändern hat. Gerade erfahrene Beschäftigte bauen automatisch Widerstand auf, wenn sie "Change" hören. Unter dem Deckmantel "Wir machen alles neu" wird "New Work" zur Marketing-Show; Arbeitgeber investieren viel in ihr äußeres Erscheinungsbild; in ihre "Employer Brand". Doch das ist nur erfolgreich, wenn es keine Schönfärberei ist, sondern mit echter ehrlicher Veränderung einhergeht. Junge Beschäftigte haben einen "Bullshit-Sensor" - wenn sie die Erfahrung machen, getäuscht worden zu sein, sind sie schneller weg, als es sich die Unternehmen vorstellen können.

Frauen endlich ernst nehmen

Für eine nachhaltige Veränderung von Arbeit spielt diese Gruppe eine besondere Rolle: junge, bestens ausgebildete Frauen. Sie treiben den Kulturwandel voran. Denn sie wollen endlich ernst genommen werden und mitgestalten. Die Autorin Caroline Criado-Perez schreibt in ihrem Buch über die "unsichtbaren Frauen" und schildert, wie wir in einer Gesellschaft leben, die ohne Frauen gestaltet wird. Da sie diese Ohnmacht spüren, bauen sie alternative Räume und Netzwerke. Die Visionärinnen schließen sich zusammen, gründen eigene Vereine und digitale Communitys, so vernetzen und organisieren sie sich neu. Sie erobern im Stillen die Öffentlichkeit und die Unternehmen. In meiner Forschung haben sie sich ganz klar als die Visionärinnen der Arbeitswelt herauskristallisiert. Mit ihren innovativen, und doch praxisnahen Ideen und Ansätze, gestalten sie ihr Arbeitsumfeld mit, für sich und im Interesse ihres Umfeldes.

Und sie wählen ganz bewusst aus, für wen sie arbeiten und unter welchen Bedingungen. Ihre Prioritäten bei der Jobauswahl sind Arbeitsplätze und ein Umfeld, die zum eigenen Lebensentwurf passen, wo Diversität, Fairness und Nachhaltigkeit großgeschrieben werden. Sie wollen im Einklang mit ihren Bedürfnissen und Werten arbeiten. Arbeitgeber, die verzweifelt Personal suchen, müssen hier ansetzen und endlich das Potenzial dieser Gruppe erkennen. Denn die Visionärinnen verzweifeln heute oft - früher oder später - an den Rahmenbedingungen und hängen dann genervt den Job an den Nagel.

So ist der Zug in Richtung "New Work"-Revolution nicht aufzuhalten - trotz Krisen. Auch wenn die Veränderung langsam vorangeht, ist doch Zeit für Optimismus. Corona hat den Umdenkprozess beschleunigt. Klimawandel und Personalkrise verlangen es, Arbeit neu zu denken. Und gerade junge Frauen sehen diese Chance und fordern von ihren Arbeitgebern der Zukunft: Hört uns zu, lasst uns mitgestalten!