Die Zukunft endet an der EU-Außengrenze

Von WZ-Korrespondent Markus Schauta aus Bosnien

Politik
Die Temperaturen sinken, es fehlt an warmen Decken, die Zelte sind nicht winterfest.
© Markus Schauta

Seit Anfang 2018 stieg die Zahl der Migranten in Bosnien-Herzegowina deutlich an. Von der westbosnischen Ortschaft Vucjak aus versuchen sie, über die EU-Grenze nach Kroatien zu gelangen.


Mohammed Lal hat es bereits neunmal versucht. Beim letzten Mal gelang es ihm die EU-Grenze ungesehen zu queren. Einen Tag später wurden er von kroatischer Grenzpolizei aufgegriffen. Es folgte, was immer passiert, wenn du "The Game", wie er es nennt, verlierst: Die Polizisten zerschlugen sein Smartphone, nahmen ihm sein Essen und die dicken Jacke weg. Der 29-Jährige hatte Glück, Schläge gab es diesmal keine. Anschließend schickten sie ihn zurück nach Bosnien. Nach neun Stunden Fußmarsch war Lal wieder im Camp. Eine Endlosschleife in der der Afghane seit drei Monaten feststeckt.

The Jungle

Das Zeltlager nahe der Ortschaft Vucjak nennen die Flüchtlinge "The Jungle". Auf einer Lehmpiste drängen sich weiße Zelte des Roten Halbmonds. Strom und fließendes Wasser gibt es nicht. Die Wälder rund um die ehemalige Mülldeponie sollen seit dem Jugoslawienkrieg vermint sein. Die nächste Stadt - Bihac - ist zehn Kilometer entfernt. Das Lager ist von internationalen Hilfsorganisationen wie UNHCR nicht anerkannt. Einzig das Rote Kreuz in Bihac hilft den Flüchtlingen, verteilt Essen und warme Decken.

500 bis 600 Menschen sind laut Angaben des Roten Kreuzes zurzeit im inoffiziellen Camp. Zweimal am Tag gibt die Hilfsorganisation Essen aus, das Wasser liefert die Gemeinde Bihac mit einem Tanklaster. Alles ist knapp bemessen, zum Duschen bleibt oft kein Wasser übrig. Junge Männer in dünnen Jacken und Pullovern warten im Nieselregen auf das Essen. Die Reihe aus gut hundert Menschen reicht von der Essensausgabe bis zurück zum "Cafe", wo ein Sittich in einem Käfig zwitschert.

Zwei Stück Weißbrot und vielleicht eine Dose Fisch gibt es morgens und abends. Viel ist das nicht. Daher versuchen die Flüchtlinge, sich selbst zu versorgen. Im "Cafe" wird Schwarztee mit Milch ausgeschenkt, in einem "Supermarkt" kann man Getränke, Reis und Süßigkeiten kaufen. Auf kleinen Holzfeuern grillen sie Fleisch, kochen Suppen und backen flache Brotlaibe. Irgendjemand hat einen Generator angeschafft, dort können die Flüchtlinge für Geld ihre Smartphones und Powerpacks aufladen. Die meisten der jungen Männer sind seit einem Jahr und länger unterwegs. Smartphones sind ihre einzigen Verbindungen zu Familie und Freunden. Sie sind aber auch wichtiges Navigationsgerät, das Routen berechnet, Orientierung bietet und sie wissen lässt, wann sie die Grenze zur EU überquert haben. Wenn kroatische Grenzbeamte an der EU-Außengrenze Smartphones unbrauchbar machen, berauben sie die Flüchtlinge ihrer digitalen Landkarten. Zusätzlich nehmen sie ihnen Jacken und Schuhe ab, oder ziehen die Schuhbänder, um zu verhindern, dass die Flüchtlinge ein weiteres Mal versuchen, zu Fuß über die Grenze zu gelangen. Sprecher der kroatischen Grenzpolizei bestreiten, dass es solche Übergriffe gibt. Im Lager kursieren aber Dutzende dieser Geschichten, angeblich werde den Flüchtlingen auch Geld abgenommen, vor allem Euros.

"Versuche es wieder"

Mohammed Lal, der es bereits neunmal versucht hat, wärmt sich an einem Holzfeuer. Er hat seine Familie kontaktiert. Sie wird ihm Geld schicken, um ein neues Smartphone, Winterkleidung und Essen kaufen zu können. "Die Grenzpolizei hat mich zurückgeschickt, aber ich werde es wieder versuchen", sagt Lal. "Ich muss, weil ich nach Afghanistan nicht zurück kann."

Mohammed Hosher Mirza hat für die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) in Afghanistan als Dolmetscher gearbeitet. Deshalb ist der 30-Jährige in den Augen der Taliban ein Feind. Nach Abzug der Isaf 2014 wollte er daher Afghanistan verlassen. "Ich habe Emails an europäische Botschaften geschickt, ihnen meine Lage in Afghanistan erklärt und gesagt, dass ich auf legalem Weg nach Europa kommen möchte." Doch die Antwort war nein, sie könnten nichts für ihn tun. Dann wurde Mirzas Cousin von Taliban ermordet und er beschloss, das Land zu verlassen. Über den Iran kam er in die Türkei, zog nach Griechenland, wo er zwei Jahre blieb, bis sein Asylgesuch abgelehnt wurde. Vor einem Monat verließ er Griechenland und kam über Serbien nach Bosnien. "Die meisten der Leute hier sind gut ausgebildet", sagt Mirza. "Sie hatten in ihren Ländern gut verdient, aber jetzt; du siehst wie wir hier leben müssen." Seit einer Woche habe er nicht mehr geduscht. "So wollen wir nicht leben", sagt er. Egal, wie oft die kroatischen Grenzbeamten ihn abfangen, zurück nach Afghanistan könne er nicht. Er werde es immer wieder versuchen. "Im Schnee, im Regen, bei Hitze, bis ich einen sicheren Ort, ein sicheres Leben gefunden habe."

Keine Lösung in Sicht

Selam Midzic, Rot-Kreuz-Chef in Bihac, kennt die Lage im Camp gut. "Wir sind nicht zufrieden damit, wie es im Camp läuft", sagt er in Hinblick auf die prekäre Situation. "Viele Migranten, die in das Camp kommen, sind bereits krank." Sie haben Krätze, Hepatitis, Tuberkulose. Er sei froh, dass Ärzte Ohne Grenzen seit 28. Oktober die Einwohner des Camps betreuen. Das Rote Kreuz tue, was möglich ist. Doch es fehle an finanziellen Mitteln und Personal. "Wenn der Winter kommt und es kälter wird, wie sollen wir den Menschen helfen?", so Midzic. Von der Regierung in Sarajevo wurde die Gemeinde Bihac bisher völlig im Stich gelassen. Es werde viel diskutiert, aber Lösung gebe es keine.

Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) sind etwa 40.000 Migranten seit 2018 nach Bosnien gekommen. Weil andere Camps überfüllt sind, hat sich die Gemeinde Bihac entschlossen, das Zeltlager bei Vucjak zu errichten. Etwa 20.000 Migranten seien bisher durch Vucjak gegangen, so Midzic. "Die meisten von ihnen Richtung kroatischer Grenze." Wie viele über die Grenze in die EU gelangt sind, wisse er nicht. Am 15. November soll das Lager bei Vucjak geschlossen werden. Was dann mit den Flüchtlingen geschehen wird? "Das weiß niemand", so Midzic. "Wir hoffen, dass die Regierung bis dahin eine Lösung gefunden hat."

Migration nach Europa: Derzeit nimmt die Zahl an Menschen, die aus der Türkei über Griechenland nach Europa flüchten, wieder zu: Ende Oktober harrten auf den Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos knapp 35.000 Migranten aus. Im April waren es 14.000 gewesen.

Ab 2018 sind rund 40.000 Migranten über verschiedene Routen nach Bosnien gekommen, die meisten wollen weiter Richtung Kroatien. Flüchtlinge kommen weiterhin auch über das Mittelmeer nach Europa. Am Wochenende ist das italienische Frachtschiff "Asso Trenta" mit 151 Schiffbrüchigen an Bord im sizilianischen Hafen Pozzallo eingetroffen. Am Sonntag ist bereits das deutsche Rettungsschiff "Alan Kurdi" mit 88 Migranten an Bord im Hafen von Tarent angekommen.