Zum Hauptinhalt springen

"Dieses Verbrechen wurde von Frankreich begangen"

Von Clémence Peyron

Politik

Sarkozy-Berater widerspricht: "Hatten mit Gräueltaten nichts zu tun."


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Paris. "Die Wahrheit ist, dass dieses Verbrechen in und von Frankreich begangen wurde": Mit dieser Ansage hat der französische Präsident François Hollande eine Debatte erneut ins Rollen gebracht, die seit 70 Jahren mit unterschiedlicher Intensität geführt wird. Es handelt sich um die Debatte über die Verantwortung Frankreichs für die Deportation von Juden während des Zweiten Weltkriegs. Gefallen sind die umstrittenen Äußerungen in einer Rede Hollandes zum 70. Jahrestag der "Razzia des Wintervelodroms" (in Frankreich als "Rafle du Vel d’Hiv" bekannt). Am 16. und 17. Juli 1942 wurden 13.152 Juden verhaftet, die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. Die Polizei pferchte die Gefangenen vor ihrem Transport in die Konzentrationslager im Vélodrome von Paris zusammen.

"Kein einziger deutscher Soldat beteiligt"

Hollande erinnerte daran, dass "kein deutscher Soldat, kein einziger", bei der gesamten Operation eingesetzt wurde. Das Vertrauen der Juden in französische Werte sei "niedergetrampelt" worden. "Dort liegt der Verrat", sagte Hollande.

Jacques Chirac hat 1995 als erstes französisches Staatsoberhaupt die Mitschuld an den Deportationen eingestanden, allerdings nicht mit der gleichen Deutlichkeit wie Hollande. "An diesem Tag hat Frankreich das Nicht-Wiedergutzumachende begangen", so Chirac damals.

Bis dahin lautete die offizielle Lesart, dass die deutsche Besatzungsmacht für das Verbrechen verantwortlich war. De Gaulle und Mitterrand hatten die Linie vorgegeben, dass die mit den Nazis kollaborierende Regierung von Vichy weder die Republik noch Frankreich repräsentiert hätte.

Es sei "das große Verdienst" Chiracs, die Verantwortung Frankreichs für die Deportationen hervorgehoben zu haben, sagte Hollande. Das Thema sorgt für heftige Diskussionen, die Fronten laufen quer durch alle politischen Lager.

"Mein Frankreich war in London"

Heute scheiden sich die Geister vor allem an folgender Frage: Bezieht man sich auf das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime oder ist General De Gaulle im Londoner Exil der einzig legitime Vertreter Frankreichs der Jahre 1940 bis 1944. "La France c’est moi" dekretierte De Gaulle nach dem Zweiten Weltkrieg, um die dunkle Seite der französischen Kollaboration mit den Nazis zu kaschieren. Nur der Widerstand, die Résistance, sollte im kollektiven Gedächtnis bleiben.

Der ehemalige Berater Sarkozys, Henri Guaino, folgt jedenfalls der Tradition des Generals. Der konservative UMP-Politiker, der sich gerne als "Neo-Gaullist" bezeichnen lässt, hat Hollandes Rede in einem Interview massiv kritisiert. "Mein Frankreich war nicht in Vichy, es war seit dem 18. Juni 1940 in London. Das, was in Vél d’Hiv begangen wurde, war eine Abscheulichkeit, ein Gräuel. Aber Frankreich hat damit nichts zu tun." Hollande betonte, dass die Schuld Frankreichs jetzt Eingang in die Lehrpläne finden müsse. "Die Schoah ist nicht die Geschichte des jüdischen Volkes, sondern unsere Geschichte. Es darf keine einzige Schule geben, wo diese Tatsache nicht erzählt, respektiert und aufarbeitet wird."

Eine Umfrage hat vor wenigen Tagen ergeben, dass 42 Prozent der Franzosen die Razzia des Wintervelodroms nicht kennen. Durch sein Engagement gegen das Vergessen will Hollande in Frankreich verstärkt gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit vorgehen: "Die Republik wird mit der größten Entschlossenheit alle antisemitischen Taten und Aussagen, die dazu führen könnten, dass die Juden sich fremd in ihrem eigenen Land fühlen, verfolgen", so der Präsident. Eine Äußerung, die nach den Serienmorden von Toulouse eine besondere Bedeutung hat: "Vor vier Monate starben Kinder aus dem gleichen Grund wie diejenige der Vél d’Hiv: weil sie Juden waren", so Hollande.