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Digitale Unterschicht

Von Marina Delcheva

Politik

Immer mehr Menschen bieten ihre Arbeitskraft auf Online-Plattformen an, ohne Arbeitnehmerschutz und zu Dumping-Preisen.


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Wien. Eine Produktbeschreibung für 1,75 Euro, 70 Cent für einen kurzen Werbetext, ein Botengang für 5 Euro. Kein Krankenstand, kein Urlaubsgeld, keine Krankenversicherung. Still und leise wächst im World Wide Web und auf sogenannten Crowdworking-Plattformen eine neue "Arbeiterschicht" heran, die von keiner Gewerkschaft vertreten wird und die kaum Möglichkeiten hat, ihre Rechte gegenüber Auftraggebern durchzusetzen.

Microjobbing, Gig-Economy, Crowdworking - unter diesen Schlagworten ist in den vergangenen Jahren ein globaler Geschäftszweig entstanden. Das Ziel: Arbeiten, für die man meist einen Computer braucht, die aber dennoch von Menschen erledigt werden müssen, zu bündeln und weltweit möglichst schnell und kostengünstig anzubieten. Die Tätigkeiten, die auf Crowdworking-Plattformen wie Clickworker, Task Rabbit aber auch Uber und AirBnB nachgefragt werden, reichen von komplexen Programmierarbeiten über einfache Recherche- oder Transkriptionstätigkeiten bis hin zu Fahrt- und Botendiensten.

Breit gefächert ist auch die Bezahlung. Während hochqualifizierte Techniker auf ein paar hundert Dollar pro Stunde mit dem Programmieren von Codes kommen können, bekommen einfache "Clickarbeiter" oft nur ein paar Dollar pro Auftrag.

Allein in Deutschland soll es 70 Crowdworking-Portale geben, Tendenz steigend. Clickworker ist einer der größten Anbieter und vermittelt eigenen Angaben zufolge 800.000 "Clickworker" weltweit. Die erste globale Plattform dieser Art war Amazons Mechanical Turk, die 2005 gegründet wurde. Sie ist die größte ihrer Art. Anders als Mitbewerber macht sie keine Angaben zu ihren Crowd-workern. Schon 2011 sollen es über 800.000 Menschen in 190 Ländern gewesen sein. Zu ihren Umsätzen halten sich die Plattformen bedeckt. Nur so viel: Sie steigen beträchtlich.

AGB statt Arbeitsvertrag

Im Zuge der Finanzkrise und der Digitalisierung haben viele Journalisten, Grafiker, Werbeleute aber auch einfache Angestellte im Transport- und Office-Bereich ihren Job verloren. Manche schlagen sich als Freelancer durch und suchen auch auf Online-Plattformen nach Arbeit. "Das ist eine neue Entwicklung, der wir uns in Zukunft stärker widmen müssen", sagt Sylvia Kuba von der Arbeiterkammer (AK).

Die amerikanische Freelance-Gewerkschaft geht davon aus, dass bis 2020 rund die Hälfte der Erwerbstätigen in den USA als Freelancer, also Selbständige, arbeiten werden. Konkrete Zahlen über die Anzahl der Clickworker in Österreich gibt es nicht. Eine Studie der Universität von Hertfordshire im Auftrag der AK-Wien, der "Global Union Europa" und der "Foundation for European Progressive Studies" hat sich heuer im Rahmen einer Online-Befragung mit der österreichischen Crowdworking-Szene beschäftigt.

Das Ergebnis: Der Großteil der über 2000 Befragten gab an, mittels Crowdworking das eigene Einkommen aufzubessern. Fünf Prozent der Befragten erledigt mindestens ein Mal wöchentlich bezahlte Arbeit über Crowdworking-Plattformen. Rund elf Prozent generieren dort die Hälfte ihres Einkommens, für zwei Prozent ist es die Haupteinnahmequelle. Abgerechnet wird auf Honorarbasis. Die Plattformen bekommen bis zu 20 Prozent Vermittlerprovision.

Das alles sieht die AK kritisch. "Auf vielen Plattformen wird so getan, als würden die allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) die Arbeitsverträge ersetzen", sagt Kuba. Auf manchen Plattformen sei es den Auftragnehmern laut AGB etwa verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Zudem herrsche kaum Transparenz gegenüber öffentlichen Behörden und sehr wenig Rechtssicherheit für die digitalen Arbeiter. Ein Viertel der Arbeitszeit bestehe zudem aus unbezahlter Auftragssuche. Und: Oft wissen die Arbeitnehmer nicht, für wen sie eigentlich arbeiten.

Von Österreich bis Indien

Freie Zeiteinteilung, kreative Tätigkeit, arbeiten von Zuhause, schnelles Geld, keine Chefs - das ist die Sonnenseite dieser neuen digitalen Arbeitswelt. Wenn man sich im hochqualifizierten Segment bewegt, sind die Einkommen zudem sehr verlockend. Befragte der Studie der Universität Hertfordshire in Österreich gaben allerdings an, dass vor allem die "schlechte Bezahlung" ein Nachteil sei. Auf vielen Plattformen konkurrieren die Auftragnehmer mit Crowdworkern auf der ganzen Welt. Und während in Indien ein Stundenlohn von drei Euro hoch ist - dort ist die Szene besonders schnell gewachsen -, reicht das in Österreich kaum zum Überleben.

Zudem stünden viele unter dem Druck, immer verfügbar zu sein, die Arbeit schnell, gut und möglichst billig zu erledigen, erklärte der Wiener Soziologie-Professor Jörg Flecker im Rahmen einer Veranstaltung der Gewerkschaft. Von der Kundenbewertung hängt der nächste Auftrag ab, also ist jeder um seine fünf Sterne bemüht.

Die Auftraggeber sind laut Studie übrigens genauso divers wie nachgefragte Arbeit: von internationalen IT-Unternehmen bis hin zu Niedrigverdienern, die um ein paar Euro die Stunde ihre Wohnung geputzt haben möchten. Nur vier Prozent der Auftraggeber in Österreich gaben in der Umfrage an, dass sie mehr als 60.000 Euro pro Jahr verdienen. 45 Prozent verfügen über weniger als 18.000 Euro jährlich.

"Man muss das Problem auf EU-Ebene angehen", sagt Sylvia Kuba, da viele Plattformen international agieren. Zudem fehlen in Österreich rechtliche Rahmenbedingungen und Kontrollmechanismen, die Lohndumping auf diesem Gebiet verhindern sollen und die Rechte der Arbeitnehmer wahren.