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Dilettantische Genies

Von Walter Klier

Reflexionen

Paul Cézanne war ein unbegabter Zeichner, der sich seine Kunst durch Beharrlichkeit erkämpfte. Darin glich er dem "naiven" Maler Henri Rousseau.


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Paul Cézanne: Cézannes Sohn als Harlekin (1888).
© Kunstmuseum Basel/Martin P. Bühler

Im Zeitalter der fast schon perfekten Reproduktionstechnik - viel besser wird es nicht mehr werden (nämlich mit Rücksicht auf unsere Auffassungsgabe) - scheint es völlig sinnlos geworden, noch irgendwo hinzureisen, um Bilder im Original zu sehen, ja sehen zu dürfen! Es ist im Ernstfall dann doch das Dürfen.

Denn erstaunt und beschämt muss man immer wieder von Neuem zugeben, dass es ein Glück ist, eine Gnade, wenn es einem widerfährt: ein Bild im sogenannten Original zu sehen. Warum, weiß ich nicht, es hängt wohl mit dem Religiös-Auratischen der Kunst zusammen, und wenn wir das innig genug empfinden, dann geht es auch nur so: du musst das Bild "in echt" sehen, sonst funktioniert es nicht oder nur in der Art der Reproduktionen, einer Art Inhaltsangabe, "told by an idiot, signifying nothing".

So vor kurzem in Basel, wohin es mich im Zuge eines Alte-Freunde-Treffens verschlug und dessen zweiter Höhepunkt (nach einer Tageswanderung den Rhein entlang) der Besuch des Kunstmu-seums Basel war, wieder geöffnet nach längeren Jahren der Renovierung und mit einem Neubau auf der anderen Straßenseite ergänzt. Wie kaum etwas zuvor in meinem inzwischen doch schon über 60 Jahre währenden Leben vermittelte mir der Bau den Eindruck, er habe sehr viel Geld, eher noch: unfassbar viel Geld verschlungen. Wie ein Gebäude, seiner Außenhaut nach wesentlich aus Stein, teurem Stein und ähnlich Anorganischem bestehend, stinken kann, nämlich nach Geld - ein großes Rätsel. Das aber nur nebenbei.

Zum Anlass jedenfalls zeigte man dort neben einem großartig ausgedachten und realisierten Freundschaftsspiel unter dem Titel "HOLA PRADO!" (nordische und südische alte Meister, nach Motiven zueinandergesellt, aus eigenen und den Beständen des Prado) den neuen Meister Cézanne, und zwar unter dem Gesichtspunkt seiner Skizzenbücher, von denen das Museum eine Menge Zeichnungen besitzt. (Sohn Cézanne verklopfte die Skizzenbücher optimal gewinnbringend, nachdem sie in einzelne Blätter zerschnitten worden waren, welcher Vandalismus komischerweise nirgendwo in der Ausstellung gebrandmarkt wurde, außer vielleicht in einem kleingedruckten, von mir unbemerkten Eck. . .)

Henri Rousseau: Moi-même, Portrait-Paysage (1890, Ausschnitt)
© Nationalgalerie Prag/Wikimedia Commons

Kurzum, hier konnte man sich die in der Regel sehr kleinformatigen Seiten aus des Meisters Skizzenbüchern anschauen, in der Diktion der Aussteller: "Die kleinformatigen Skizzenbücher gewähren einen intimen Einblick, weil sie nie für ein Publikum gedacht waren. Sie dokumentieren einen zwanglosen Prozess des Suchens und Experimentierens. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat Cézanne darin die Zeichnung und deren Rolle grundlegend hinterfragt, indem er gängige Regeln missachtete und Gewohnheiten umging. "

Tatsache ist freilich, dass man in diesen liebevoll wieder in die richtige Reihenfolge und Position gebrachten Skizzenbuch-Seiten von anno dazumal überhaupt nichts sieht von einem "zwanglosen Prozess des Suchens und Experimentierens" undsoweiter. Sondern man wird - und es ist nachgerade peinlich und an der Wort- und Reaktionslosigkeit des Publikums auch wahrzunehmen gewesen - auf das banale Faktum gestoßen, dass Cézanne im landläufigen Sinne einfach das war, was seine bornierten zeitgenössischen Kunstrichter auch erkannten: zeichnerisch außergewöhnlich unbegabt, was man bis heute abschätzig, ja hohnvoll einen Dilettanten nennt.

Die Skizzenbücher zeigen uns jemanden, der nicht experimentiert und hinterfragt, sondern in einem fort scheitert. Etwa wie beim Schreiben Kafka unablässig scheitert, abbricht, neu anfängt, scheitert undsoweiter.

Das Bedeutende, geradezu Niederstreckende der Cézanneschen Kunst liegt nicht in diesem unablässigen und jahrzehntelang durchgehaltenen Scheitern, sondern in dem Resultat, das man hier in der Ausstellung gar nicht sieht - außer in ein paar kleinen Bildern, die dahängen, damit das Ganze nicht ganz so niederschmetternd ausschaut - in den triumphalen Cézanne-Bildern, die es eben gibt, jenen, wo seine "Methode" triumphiert, die aus nichts bestand als dem Durchhalten gegen das tägliche, ja stündliche Scheitern.

Was wir wissen, aber in dieser Skizzenbuchausstellung nicht sehen können außer momentweise, also kaum, ist der Triumph des Dilettantismus über die akademische, also ewig regierende Methode, die die Kunst als die Realisierung einer Konvention auffasst, also dessen, wovon man schon im Voraus weiß, was man dann gesehen haben wird. Dass der Dilettantismus, zumindest in den Jahrzehnten 1860-1905, über die ex-tremste Form von Akademismus, nämlich die zeitgleiche, nach ziemlich kurzer Zeit so vollständig den Sieg davonträgt, dass man von der damals regierenden Malerei schlicht nichts mehr weiß, ist doch fast eine Singularität.

Nicht-anders-Können

Der Götterhimmel dieser wohl bedeutendsten Jahre für die Kunst nach der Meinung unserer Zeit, ist neben dem Gott Cézanne und dem Gott van Gogh, bei dem die Sache sehr ähnlich liegt, noch mit einem Halbgott gesegnet, der dem Ganzen, man ist versucht zu sagen, "das Sahnehäubchen aufsetzt", nämlich dem Monsieur Rousseau, genannt le douanier, der Zöllner. Das gezierte "Mon-sieur" habe ich bloß hingeschrieben, weil der Vorname, ich glaube Henri, mir im Moment nicht einfiel, und Zöllner sagt man eben, weil so viele Leute Rousseau heißen, heißt das nicht "der Rötliche" oder so?

Kurzum, diese Person ist merkwürdigerweise eine Art Spaßmacher am Rande des diesbezüglichen Götterhimmels geblieben, dabei, wenn man eines dieser Bilder wieder zu Gesicht bekommt (diesmal bloß als Reproduktion in einem Buch von Timothy Hyman), dann haben sie genauso wie die Cézannes dieses Zwingende, Niederschmetternde einer idiosynkratischen - nicht Vision, nein: Sicht, Seh- und Malweise, die aus keiner Wahl herkommt ("versuchen wir es einmal impressionistisch"), sondern aus dem schieren So-Sein und Nicht-anders-Können, das aber nicht passiert, sondern Ergebnis langer Suche und vieler Mühe ist.

Zuständige Instanz hierbei ist mein eigenes zeichnerisches Ich, das aus leidvoller Erfahrung genau weiß, wie es ist, wenn etwas nicht wirklich gelingt und man immer verbissener und deshalb aber um nichts besser geworden versucht, es doch noch hinzubiegen. "Wenn ich nur wüsste, wie die das hingekriegt haben", lässt Claude Simon seine Figur Cézanne in "La corde raide" (1947, dt. "Das Seil", 1964) sinnieren; Cézanne nannte das, was ihm nicht und nicht gelingen wollte, bekanntlich "realisieren", ohne es näher zu bestimmen oder zu beschreiben; "die" waren die alten Meister, und Simon war selber auch Maler und wusste, wovon er sprach.

Man weiß also, wenn man es selber probiert hat, wie es ist, wenn man etwas "hinkriegt" oder auch nicht. Damit sind wir bei der Frage, wie weit einer seiner Besonderheit entfliehen kann, indem er experimentiert, oder vielmehr der Nichtbesonderheit entflieht und zu seiner Unverwechselbarkeit gelangt, indem er - was also? Immer wieder versucht, von vorne beginnt, sich verbeißt und nicht weiterkann, und wo er nicht weiterkann, es trotzdem noch einmal versucht.

Da sind wir dann bei der ungeschriebenen Grundregel des zeitgenössischen Kunstbetriebs, der nicht von Ungefähr Betrieb heißt: du kannst machen, was du willst, und wie du willst, es darf bloß nicht patschert ausschauen. Die heutigen Künstler tun so, als wäre es die vordringliche Aufgabe der Kunst, professionell aufzutreten, als würde das irgendwen gesteigert interessieren. Als ob es nicht darum ginge, an einer merkwürdigen, manchmal bis ins Perverse gehenden Wahrheitssuche teilzunehmen, so wie wir es an der vergangenen Kunst als Selbstverständlichkeit wahrnehmen und an der zeitgenössischen nur als Peinlichkeit erführen, wenn es uns denn begegnete.

Womit wir wieder beim alten Henri "der Zöllner" Rousseau angelangt wären. Niemand war seinen Zeitgenossen peinlicher als er, peinlich bis zum Lachkrampf, selbst den paar Malern, die ihn toll fanden. "Welche Liebe, welche Großzügigkeit, welch ein Geschenk eines reinen Herzens, welch völliges Fehlen von Falschheit", schrieb Robert Delaunay über dieses Wunder von einem wunderlichen Maler. Und wie kommt solch ein Wunder zustande? Da es ein Wunder ist, wissen wirs nicht.

Die Ausstellung "Der verborgene Cézanne. Vom Skizzenbuch zur Leinwand"ist noch bis 24. 9. 2017 im Kunstmuseum Basel zu sehen.

Das erwähnte Buch von Tymothy Hyman, "The World New Made. Figurative Painting in the Twentieth Century", ist 2016 im Verlag Thames & Hudson erschienen.

Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.