Dissens statt Konsens

Von Nikolaus Halmer

Reflexionen

Vor 25 Jahren starb der französische Philosoph, der das Schlagwort der "Postmoderne" in die philosophische Debatte einführte.


"Krieg dem Ganzen, aktivieren wir die Differenzen!" So lautete die Devise von Jean-François Lyotard. Er zählte zu den wichtigsten Protagonisten der Postmoderne, der die Dominanz eines einheitlichen, widerspruchsfreien Denkens ablehnte. Er misstraute schon früh den modernen Fortschrittsideologien, die er als "große Erzählungen" bezeichnete. Lyotard war davon überzeugt, dass der Glaube an eine universell gültige Leitidee, die noch dazu enge Korrespondenzen mit totalitären politischen Konzepten aufweist, zu einer Gestalt der Vergangenheit verkommen sei.

Es war speziell Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der das Einheitsdenken verherrlichte; für ihn war das Ganze das Wahre. Von dieser Obsession müsse man sich befreien, empfahl Lyotard - und zwar ohne den Gestus der Melancholie, wie er in den Schriften der Romantiker zu finden ist, die um den Verlust des Ganzen trauerten und von der Möglichkeit träumten, dass die zerrissene Welt wieder harmonisch werde.

Abschied von Ideologien

Jean-François Lyotard wurde am 10. August 1924 in Versailles geboren, studierte an der Pariser Sorbonne Philosophie und legte 1950 das Staatsexamen ab. Danach lehrte er an verschiedenen Gymnasien, etwa in Algerien, wo er mit der antikolonialistischen Befreiungsbewegung sympathisierte. Nach seiner Rückkehr wurde er in Paris Mitglied der radikalen marxistischen Gruppe Socialisme ou Barbarie ("Sozialismus oder Barbarei"). Für Lyotard bestand ein enger Zusammenhang zwischen Philosophie und Politik, wobei er großen Wert darauf legte, deren heterogene Elemente zu betonen und vor der Gefahr einer dogmatischen Erstarrung zu warnen. Deswegen distanzierte er sich in der Schrift "Grabmal des Intellektuellen" von der Gestalt des engagierten Philosophen, wie sie Jean Paul Sartre verkörperte, der sich in seiner späteren Phase für die einheitliche Leitidee des Marxismus einsetzte.

1959 begann Lyotards Karriere als Hochschullehrer. Ab 1968 war er als Professor für Philosophie an den Universitäten von Vincennes und Saint-Denis tätig. Später unterrichtete er an der University of California, Irvine und an der Yale University. Mit Jacques Derrida gründete er das Collège International de Philosophie in Paris, 1985 gestaltete er zusammen mit Thierry Chaput die Kunstausstellung "Les Immatériaux" im Centre Pompidou. Am 21. April 1998 verstarb Lyotard in Paris.

© Passagen Verlag

Der zentrale Text Lyotards war "La condition postmoderne" ("Das postmoderne Wissen") von 1979. Darin formulierte er den Abschied von Denkströmungen und Ideologien, wie sie in der Aufklärung, im Deutschen Idealismus oder im Marxismus propagiert wurden. Im 20. Jahrhundert seien sie anachronistisch geworden, argumentierte Lyotard, sie dienten nur mehr strategischen Planspielen, die im Namen der Vernunft oder der Emanzipation geführt würden.

Die "großen Erzählungen", wie sie in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts oder im Marxismus erfolgten, beanspruchten, alle Tendenzen einer Epoche in der Zwangsjacke eines einzigen Gesamtkonzepts zu vereinigen. Diese Intention ist charakteristisch für das Projekt der Moderne, das laut Jürgen Habermas weitergeführt werden sollte. Der deutsche Philosoph war davon überzeugt, "dass die auseinandergetretenen Momente der Vernunft wieder zu einem neuen Gleichgewicht zusammenfinden". Dagegen stellte Lyotard das Konzept der "kleinen Erzählungen", in denen verschiedene marginale Perspektiven eröffnet wurden. Der Franzose trat für eine radikale Pluralität ein, die als Grundelement der Philosophie, der Kultur und des gesellschaftlichen und politischen Lebens fungiert.

Vor der Publikation von "La condition postmoderne" hatte Lyotard ein "wildes, anarchisches Denken" ausgebildet - eine in expressive Sprache gekleidete, ausufernde Theorienlandschaft. Seine leidenschaftlichen Angriffe richteten sich gegen die Herrschaft jeglicher dogmatischen Ideologie, wie sie speziell im Marxismus vorherrscht. Dagegen rief Lyotard dazu auf, in den philosophischen Diskurs "jene Raffinesse einzuführen, die die gleiche Lockerungskraft besitzt, wie sie sich in den Werken der experimentalen Malerei, der Musik und des Kinos findet".

Deren Akteure seien "Menschen der Steigerung", Außenseiter, experimentierende Maler, Popkünstler und Hippies. Eine Stunde ihres Lebens enthalte mehr Intensität als tausend Worte eines Berufsphilosophen. Der Kommentar des französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy lautete: "Lyotard ist der große Steuermann des neuen Narrenschiffs. Meister im Denken der Lumpen-Intelligentsia. Theoretiker der Intensitäten, des Abdriftens, der Triebe und Dispositive. Barocke Worte für ein politisches Projekt, das sich vom Marxismus absondert und den Sozialismus mit seinem Gefolge von schlechtem Gewissen, Ressentiments und Moralismen auf den Müll wirft."

Das Ganze als Chimäre

Lyotard wandte sich nach seinen "wilden Jahren der Intensitätsphilosophie" wieder den Themen zu, die er in "La condition postmoderne" behandelt hatte. In dem 1983 publizierten Hauptwerk "Le différend" ("Der Widerstreit") übertrug er seine These vom Ende der "großen Erzählungen" auf das politische Denken, das Jürgen Habermas mit der Konzeption des "herrschaftsfreien Diskurses", der einen allgemeinen Konsens erzielen sollte, vereinnahmt hatte. Das bessere Argument der Kommunikationsteilnehmer sollte die Basis für die Verständigung sein und zu einer zunehmend gewaltfreien Gesellschaft beitragen. Für Lyotard hatte die Erzählung von der fortschreitenden Perfektionierung ihre Überzeugungskraft verloren. Dem von Habermas bevorzugten Konsens setzte Lyotard den Dissens gegenüber.

Jean-François Lyotards Grabstein auf dem Cimetière du Père-Lachaise in Paris.
© MaximeLM, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Die Sehnsucht nach dem Ganzen und Einen, das unbedingte Festhalten an einer universell gültigen Rationalität war für Lyotard eine Chimäre, die das Faktum verdecken sollte, dass der "Widerstreit" das zentrale Element einer antagonistischen Gesellschaft darstellt, in der unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen: "Ein Widerstreit ist ein Konfliktfall, zwischen wenigstens zwei Parteien, der nicht angemessen entschieden werden kann, da eine auf beide Argumentationen anwendbare Urteilsregel fehlt", schrieb Lyotard.

Es bleibt die Frage offen, wie die Vielzahl der "kleinen Erzählungen", die auch im Alltag anzutreffen sind, miteinander in ein nicht hierarchisches Verhältnis gesetzt werden können. Dafür gibt es, so Lyotard, keine Lösung, weil ja eine Universalregel fehlt. Es bleibt nur, den Widerstreit als Aporie zu akzeptieren und zu versuchen, an pragmatischen Lösungsmöglichkeiten zu arbeiten.

In Deutschland löste das Hauptwerk Lyotards - seiner Theorie gemäß - einen heftigen "Widerstreit" aus. Ihm wurde vorgeworfen, dass er, ähnlich wie sein Kollege Jacques Derrida, die europäische Rationalität zerstören wolle. Speziell Jürgen Habermas und Manfred Frank verstanden sich als Verteidiger des Projekts der Aufklärung, das Lyotard als usurpatorisch bezeichnete. Der Vorwurf von Habermas lautete, dass sowohl Lyotard als auch Derrida in der Nachfolge Heideggers "das Haus des Seins noch auseinandernehmen möchten und im Freien jenes grausame Fest tanzen möchten, von dem Nietzsche in der Genealogie der Moral spricht".

Fundamentale Kritik

Seit diesem Verdikt begleitete Lyotard der Vorwurf des Irrationalismus. Wenn das solide Fundament einer universalen Vernunft fehle - so lautete das Argument von Lyotards Gegnern -, entfalle der Maßstab zur Beurteilung unterschiedlicher Rationalitäten. Diese fundamentale Kritik erfuhr eine Erweiterung durch die Schrift des italienische Kulturphilosophen Maurizio Ferraris, die den Titel "Manifest des neuen Realismus" trägt. Der Tenor lautete: Das Denkgebäude der Postmoderne - inklusive Lyotards Aufwertung der pluralen Diskurse, der "kleinen Erzählungen", die sich im "Widerstreit" befinden - ist zusammengebrochen.

Die bereits von Friedrich Nietzsche geäußerte These, es gebe keine Tatsachen, sondern nur Interpretationen, habe dazu geführt, evidente Tatsachen zu ignorieren und durch Fake News (siehe Donald Trump) und Verschwörungstheorien (siehe Corona-Leugner) zu ersetzen. Durch den Verzicht der Postmoderne auf Kategorien wie Vernunft oder Konsens sei sie nicht in der Lage, adäquat auf die Autorität des Realen, auf die Wirkungsmacht einer einheitlichen "großen Erzählung", wie sie etwa Wladimir Putin vornimmt und in einem brutalen Angriffskrieg umsetzt, zu reagieren.

Postironie

Diese Unfähigkeit verhindere, so Ferraris und sein deutscher Kollege Markus Gabriel, die Ausbildung einer kritischen Analyse, die die Wirklichkeit zunächst als Tatsache anerkennt, daraus eine profunde Analyse vornimmt und eine Zukunftsvision entwirft, die die Faktizität des im Moment bestehenden Zustands ersetzt. Beide Philosophen propagieren einen "Neuen Realismus", der es erlaubt "zu urteilen, was wirklich ist und was nicht". Ferraris wirft Lyotard vor, die Entwertung der Wirklichkeitserfahrung voranzutreiben, und besteht darauf, eine Reihe bestimmter Faktoren anzunehmen, um ein kohärentes Denken entfalten zu können.

© Transcript Verlag

Im Sammelband "Where Are We Now? Orientierungen nach der Postmoderne" wurden von verschiedenen Autorinnen und Autoren Konzepte vorgestellt, die die Postmoderne weiterführen oder in einer Art "Bastelei" - einer Bricolage - bestehende "kleine Erzählungen" transformieren. Beispiele dafür gibt es in der Literatur. So hat bereits Marcel Proust die Technik der Pastiches entfaltet, die in satirischer oder dekonstruierender Absicht Texte französischer Schriftsteller wie Honoré de Balzac nachahmte.

Im Band werden Konzepte vorgestellt, in denen Elemente der Postmoderne auftauchen. Es sind dies etwa die Postironie - am Beispiel des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace. Vorweggenommen hat Samuel Beckett Lyotards These vom widersprüchlichen Charakter "kleiner Erzählungen" in seinem Roman "Molloy". Da lauten die Schlusssätze: "Es ist Mitternacht. Der Regen peitscht gegen die Scheiben. Es war nicht Mitternacht. Es regnete nicht."

Literaturhinweise:

Wesentliche Texte Lyotards wie "Das postmoderne Wissen", "Postmoderne für Kinder" und "Grabmal des Intellektuellen" sind im Passagen Verlag erschienen. "Der Widerstreit" wurde im Wilhelm Fink Verlag publiziert.

Maurizio Ferraris: Manifest des neuen Realismus. Aus dem Italienischen von Malte Osterloh. Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2014.

Where Are We Now? Orientierungen nach der Postmoderne (Hrsg: Sebastian Berlich, Holger Grevenbrock, Katharina Scheerer). Transscript, Bielefeld 2022.

Nikolaus Halmer, geb. 1958, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.