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Don Quixote kommt diesmal aus Hernals

Von Walter Hämmerle

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Am kommenden Samstag kürt die Wiener ÖVP ihren neuen Obmann. Zu beneiden ist er eher nicht.


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Es gibt viele gute Gründe, warum die Übernahme des Chefsessels der Wiener ÖVP eigentlich mit einer Härtezulage versehen sein sollte. Das liegt nur zum Teil an der Natur der Wiener Schwarzen, die über ein ganz besonderes Gemüt verfügen; vom politischen Gespür einmal ganz zu schweigen.

Mindestens so enervierend für den Amtsinhaber ist die lange Liste an guten Ratschlägen, die dem Unglücklichen an der Spitze aus den Medien entgegenbrandet. Tatsächlich steckt ja in fast jedem innenpolitischen Beobachter ein politischer Tausendsassa, der auf jede strategische Zwickmühle die passende Antwort parat hat.

Am kommenden Samstag ereilt Manfred Juraczka (43) dieses undankbare Los. Aber immerhin weiß der ehemalige Marketingmanager, worauf er sich einlässt, Juraczka stammt nämlich aus einer überaus ÖVP-affinen Familie aus Hernals. Und hier rangiert die ÖVP seit den vergangenen Bezirksvertretungswahlen 2010 nur noch auf Platz vier hinter SPÖ, FPÖ und Grünen. 2005 lag sie noch auf Platz zwei.

Tatsächlich ist der hartnäckige Misserfolg der Wiener ÖVP auf den ersten Blick bemerkenswert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass auch die politischen Mitbewerber rechts und links der Volkspartei die politische Weisheit nicht gerade mit dem Löffel gefressen haben. Ziemlich sicher sogar nicht.

Warum also ausgerechnet die Wiener ÖVP?

Weil diese als traditionelle Partei traditionelle Erwartungshaltungen bei den Wählern weckt, wofür Politik im Alltag so alles gut zu sein hat. Als da wären Jobs, Wohnungen, Schrebergarten und amtliche Bewilligungen für alles und jeden. Möglichst unbürokratisch und flott - und natürlich schön abgestimmt auf die jeweiligen Teilinteressen der eigenen Klientel. Bei der SPÖ denken die Leute ganz genauso.

Wenn Dinosaurier-Parteien wie SPÖ und ÖVP nicht mehr "liefern" können, beginnt die Stunde ihres Niedergangs zu schlagen. Da kennen die Wähler kein Pardon, schließlich haben sie, um einen aktuellen Werbeslogan zu zitieren, auch nichts zu verschenken. Entsprechend gleicht das Wiener Drama der Schwarzen strukturell fast eins zu eins der roten Tragödie in Vorarlberg oder Tirol.

Der Erfolg der FPÖ auf dem Land wie in der Stadt erfolgt übrigens ebenfalls nach diesem Mechanismus, schließlich scharen die Freiheitlichen all jene um sich, die sich von Rot und Schwarz im Stich gelassen fühlen - ökonomisch ebenso wie mentalitätsmäßig. Die einzige, wenn man so will, altruistische Partei in Österreich wären demnach die Grünen.

Im Prinzip Eigennutz liegt auch die deprimierende Nachricht für Juraczka. Solange die Wiener ÖVP nicht "liefern" kann - und zwar in einem brutal materialistischen Sinn -, solange wird die Stadtpartei in ihrem Tränental verharren. Daran ändern auch die Gebührenerhöhungen von Rot-Grün nichts, den Unmut darüber wird sich schon die FPÖ zunutze machen. Auf einen Gesinnungswandel bei den Wählern zu setzen, wäre ebenfalls mutig. Angesichts der Erziehungsleistung von SPÖ und ÖVP seit 1945.

Siehe auch:

Stunde null für die Wiener ÖVP