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"Drauflos schreiben gibt es bei mir nicht"

Von Christine Dobretsberger

Reflexionen

Die Südtiroler Autorin erklärt, welche Bedeutung reale Orte für ihre Romanfiktionen haben und erzählt von ihrer Krankheit, die sie zur "Recherche am eigenen Körper" literarisch genutzt hat.


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"Wiener Zeitung": Frau Gruber, Sie wurden in Meran geboren, sind in Lana aufgewachsen, haben vier Jahre in Venedig verbracht und wohnen schon seit vielen Jahren in Wien. Was bewog Sie, in Österreich zu leben?

"Nichts ist schlimmer als Weinerlichkeit in der Beschreibung des körperlichen Elends." Sabine Gruber
© Foto: Robert Wimmer

Sabine Gruber: Ich habe in Innsbruck zu studieren begonnen, bin aber schon während des Studiums nach Wien übersiedelt, weil mir diese Stadt sehr gut gefallen hat. Von 1988 bis 1992 war ich Lektorin an der Uni in Venedig, habe aber im Laufe der Jahre bemerkt, dass mir der deutsche Sprachraum fehlt. Ich begann in meinem Denken italienische Sätze zu formulieren, was wiederum für das Schreiben kontraproduktiv war. Zudem fehlte mir der Kontakt zu den Kolleginnen und Kollegen. Das Leben in Venedig war einerseits bestimmt von der literaturwissenschaftlichen Arbeit an der Uni, andererseits aber auch ein sehr einsames Leben. Die Stadt ist sehr auf Tourismus ausgerichtet und auf einige wenige kulturelle Höhepunkte wie etwa die Biennale. Dazwischen passiert nicht sehr viel. Am Abend ist die Stadt eigentlich ausgestorben. Ich war damals sehr jung und hatte das Bedürfnis auszugehen, Leute zu treffen, auch deswegen bin ich zurück nach Wien. Gesundheitliche Gründe spielten ebenfalls eine Rolle.

Sind Sie in Südtirol zweisprachig aufgewachsen?Ich bin deutschsprachig aufgewachsen, war aber in einem italienischen Kindergarten. Das war großartig, weil so ein früher Kontakt mit der anderen Sprache gegeben war. Meine Mutter hatte eine italienische Freundin, die wiederum einen Sohn in meinem Alter hatte. Wir wuchsen gemeinsam auf.

In Ihren bisher vier veröffentlichten Romanen dienen Wien, Rom und Venedig als Schauplätze, also allesamt Orte, an denen Sie selbst viel Zeit verbracht haben.

Es ist für mich sehr wichtig, die Orte zu kennen, über die ich schreibe. Ich erfinde Figuren, brauche aber ganz reale Plätze, Häuser und Gassen, um das Imaginäre zu verorten, um das, was ich erfinde, verwurzeln zu können. Die realen Orte funktionieren wie Projektionsflächen. Ich habe schon als Kind vom Auto aus bei Ausflügen in die Nachbardörfer und -städte Wohnungen und Häuser ausgespäht, die in meiner Vorstellung die Wohnorte imaginärer Spielfreunde waren.

Das führt dazu, dass man sich beim Lesen Ihrer Romane oft die Frage stellt: Was ist wahr, was ist erfunden? Wenn man sich mit Ihrer Biographie beschäftigt, findet man auch thematisch immer wieder Anknüpfungspunkte zwischen den Protagonistinnen in Ihren Romanen und Ihnen selbst. Um ein Beispiel zu nennen: Sie sind von der Südtiroler Schriftstellerin Anita Pichler kurz vor deren Tod im Jahr 1997 zu ihrer Nachlassverwalterin bestimmt worden. In Ihrem letzten Roman, "Stillbach oder Die Sehnsucht", reist eine in Wien lebende Südtirolerin nach Rom, um den literarischen Nachlass ihrer verstorbenen Freundin Ines zu ordnen. Ist diese Romansequenz als kleines Denkmal für Anita Pichler gedacht?

Interessanterweise habe ich beim Schreiben kein einziges Mal an Anita Pichler gedacht. Für mich stellte sich vielmehr die Frage, wie sich das Romanmanuskript von Ines, das ja in einer anderen Zeitebene verankert ist als der übrige Roman, in das Konzept des Buches einbinden lässt. Die Idee, einen persönlichen literarischen Nachlass ins Spiel zu bringen, ist mir deswegen in den Sinn gekommen, weil Geschichte auch so etwas wie ein Nachlass ist, mit dem wir alle zu tun haben. Der große historische Nachlass, also Faschismus und Nationalsozialismus, beschäftigt uns ja bis heute.

Wie komplex die Geschichte Südtirols mit dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus verknüpft ist, markiert ja ein Hauptthema von "Stillbach oder Die Sehnsucht". Wie ist dieses Buch in Südtirol aufgenommen worden?

Durchwegs positiv, was mich doch ein bisschen verwundert hat. Ich habe schon damit gerechnet, dass es ideologische Einwände geben könnte, schließlich versucht man in Südtirol immer noch die deutsche Kultur hochzuhalten und möglichst nicht zu beschmutzen. In dem Roman kommt auch die Fluchthelferrolle Südtirols zur Sprache. Nach dem Krieg hat man Nazis versteckt und ihnen in weiterer Folge geholfen, nach Übersee zu reisen. Eichmann, Mengele und viele andere erhielten in Südtirol neue Papiere, bevor sie entkommen konnten. Unangenehme Mails erreichten mich eigentlich nur aus Ostdeutschland, aus Neonazikreisen. Man warf mir vor, ich würde über den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Priebke schreiben, ohne ihn wirklich zu kennen. Priebke war am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen am Stadtrand von Rom beteiligt, er wird im August 99 Jahre alt, lebt in einem sehr gelockerten Hausarrest.

Wie fielen in Italien die Reaktionen auf dieses Buch aus?

Darauf bin ich schon sehr gespannt, momentan wird an der Übersetzung gearbeitet. Es gab im Vorfeld bereits Interviews in regionalen italienischen Blättern und in der Zeitung "Manifesto"; das Interesse scheint groß zu sein. Der venezianische Verlag Marsilio plant eine Reihe mit Büchern von italienischen Staatsbürgern, die nicht italienischer Muttersprache sind - da wird mein Roman das erste Buch sein.

"Stillbach oder Die Sehnsucht" wirkt historisch ungemein akribisch recherchiert. Wie lange haben Sie an diesem Roman gearbeitet?

"Ich erfinde Figuren, brauche aber ganz reale Plätze . . . " - Sabine Gruber, die übrigens am 6. August ihren 50. Geburtstag begehen wird, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger.
© Foto: Robert Wimmer

Ich habe ein Jahr lang recherchiert und zwei Jahre daran geschrieben, wobei man das als Autorin nie so genau festmachen kann, nebenbei muss man sich ja auch anderen Dingen widmen, um Geld zu verdienen.

Charakteristisch für Ihre Romane ist auch die Tatsache, dass oft mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt werden. In Ihrem vorletzten Roman "Über Nacht", der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert war, beschreiben Sie zwei Frauenschicksale. Eine Handlungsebene spielt in Rom, die andere in Wien, beide Geschichten sind subtil ineinander verwoben. Wie behalten Sie da beim Schreiben den Überblick?

Ich lege mir vorab immer ein ziemlich klares Konzept zurecht. In diesem Fall habe ich zuerst die Rom-Geschichte geschrieben, gleichzeitig aber immer schon die Nahtstellen markiert, wo die andere Geschichte einfließen wird.

Sie haben also vorab bereits die konkrete Richtung im Kopf, die ein Roman nehmen soll?

Ja, bildhaft gesprochen könnte man sagen, das Skelett ist da, den Rest fülle ich nur noch auf. Ich weiß genau, womit ich anfange und womit ich aufhöre. Drauflos schreiben gibt es bei mir nicht. Ich sammle Material, schreibe Hefte mit Notizen, Fragmenten voll, aber bevor das Gerüst/Konzept nicht steht, kann ich mit dem eigentlichen Romanschreiben nicht beginnen. Ich arbeite sehr kontrolliert und feile lange an einem Satz, am Ende gibt es nur wenig zu korrigieren und zu lektorieren.

Um nochmals auf die persönlichen Anknüpfungspunkte in Ihren Romanen zurückzukommen. In "Über Nacht" recherchiert eine der beiden Protagonistinnen über aussterbende Berufe, konkret über den Beruf des Schriftsetzers. Sie selbst stammen ja aus einer Südtiroler Schriftsetzerfamilie.

Die Stelle ist tatsächlich eine Hommage an meinen Vater. Mein Urgroßvater war Buchbinder und mein Großvater hatte eine kleine Druckerei. Seine beiden Söhne, also mein Vater und mein Onkel, haben dann in dieser Druckerei gearbeitet. Aber wie das oft so ist, war für beide nicht genug Platz, und mein Vater hat daraufhin als Schriftsetzer in einer großen Verlagsanstalt in Bozen gearbeitet. Ende der 1980er Jahre wurde dann auf Computer umgestellt und der Beruf des Schriftsetzers ist ausgestorben.

Bücher waren in Ihrer Familie also immer ein Thema?

Bei uns zu Hause hatten wir zwar keine große Bibliothek, weil wir keinen bürgerlichen Hintergrund haben, aber einige Bücher gab es schon, von Hemingway, Feuchtwanger und Thomas Mann zum Beispiel, außerdem bekam ich jede Menge Papier, Abfälle aus der Druckerei. Ich bastelte damit kleine Hefte, und ich besaß einige Bleilettern, einzelne Buchstaben, mit denen ich herumstempeln konnte. Das Spiel mit den Buchstaben war von Anfang an da. Und der Kontakt zu Printmedien und Comics. Meine Großmutter hatte ein Zeitungs- und Schreibwarengeschäft.

Ein großer Themenbereich in Ihrem literarischen Werk befasst sich mit der Erfahrung von Grenzen des eigenen Körpers, mit der Konfrontation von Krankheiten. Beide Protagonistinnen in Ihren Romanen "Die Zumutung" und "Über Nacht" laborieren an den Folgeerscheinungen einer chronischen Nierenkrankheit. Diese Erfahrung mussten Sie ja selbst auch machen.

Ja, diese Recherche war sozusagen eine am eigenen Körper.

Sie ließen zu Beginn des Gesprächs anklingen, dass Sie auch aus gesundheitlichen Gründen von Venedig nach Wien übersiedelt sind. Wurde damals diese Nierenerkrankung diagnostiziert?

Die Nierenerkrankung wurde bereits Anfang der 1980er Jahre diagnostiziert, eine irreversible chronische Nierenentzündung, die über die Jahre zu einer Niereninsuffizienz führte. Ich konnte das Versagen der Organe durch eine sehr rigorose Diät und gute medikamentöse Therapie fast zehn Jahre hinauszögern; 1993 musste ich an die künstliche Nierenwäsche. 1994 spendete mir meine Mutter eine Niere.

Wie geht es Ihnen heute?

Immer noch gut, aber eine Transplantation ist leider keine Lösung für immer. Das transplantierte Organ verliert mit den Jahren an Funktionsfähigkeit. Die Medikamente, welche eine Abstoßung verhindern, schädigen es gleichzeitig. Nur bei eineiigen Zwillingen, die Spender und Empfänger sind, findet keine Antikörperbildung statt, also muss auch nicht die Immunabwehr medikamentös herabgesetzt werden.

Sie fühlten sich also auch aus medizinischen Gründen in Österreich besser aufgehoben als in Italien?

In Österreich ist es erlaubt, nach festgestelltem Hirntod Organe zu entnehmen. Man muss sich ins Widerspruchsregister eintragen, wenn man gegen die Entnahme ist. Italien hat mittlerweile auch diese Regelung getroffen, aber damals durften nur Organe entnommen werden, wenn der Tote einen Spenderausweis besaß. In Deutschland ist das noch immer so. Obwohl über 80 Prozent der Deutschen für Organtransplantationen sind, besorgt sich nur ein Bruchteil der Befürworter einen Spenderausweis. Es herrscht ein viel größerer Organmangel als beispielsweise in Österreich. Nach der Lektüre meines Romans "Über Nacht" haben sich übrigens einige Leser und Leserinnen einen Spenderausweis besorgt. Über solche Nachrichten habe ich mich besonders gefreut. Literatur kann manchmal auch etwas bewirken!

Das ist insofern gut nachvollziehbar, weil die geschilderten Erfahrungswelten Ihrer Romanfiguren auch bei Nicht-Betroffenen Betroffenheit auslösen. Wahrscheinlich kann man extreme Körperbefindlichkeiten nur dann derart intensiv beschreiben, wenn man sie selbst erlebt hat?

"Der große historische Nachlass, also Faschismus und Nationalsozialismus, beschäftigt uns ja bis heute." Sabine Gruber
© Foto: Robert Wimmer

Es gibt Bücher wie "Leben" von David Wagner, die das bezeugen. Er hat für seine Schilderung einer Lebertransplantation den diesjährigen Leipziger Buchpreis erhalten. Wahrscheinlich kann sich nur jemand, der eine solche Grenzerfahrung durchgemacht hat, so viel Witz und Ironie, aber auch ästhetische Distanz erlauben. Nichtinvolvierte würden sich vermutlich in Betroffenheitssätzen verlieren. Nichts ist schlimmer als Weinerlichkeit in der Beschreibung des körperlichen Elends.

Sie haben den Ausdruck "Körperanalphabetismus" geprägt. Was genau ist darunter zu verstehen?

Es ist eine Art Selbstvergessenheit. Ein gesunder Mensch muss sich nicht mit dem Körper auseinandersetzen. Er beschäftigt sich in der Regel erst dann damit, wenn er auf Zeichen stößt, die auf Krankheit hinweisen. Ein Körperanalphabet hat nie gelernt und nie lernen müssen, sich mit der Sprache der Krankheit zu beschäftigen, den eigenen Körper zu lesen. Körperanalphabetismus ist auch fehlende Empathie, fehlendes Vorstellungsvermögen.

In einem Gespräch haben Sie einmal zum Ausdruck gebracht, dass Sie durch die Konfrontation mit dieser Krankheit das Gefühl hatten, doppelt oder dreifach intensiv leben zu müssen, weil die Zeit davonrennt. Hat sich dieses Empfinden mittlerweile geändert?

Das gibt sich schon ein bisschen mit der Zeit, wenn man merkt, dass das transplantierte Organ hält. Es stellt sich quasi zwischen den Kontrollen im Krankenhaus eine Art Normalität ein. Aber die Ungeduld bleibt, das unverdrängte Wissen um unsere Endlichkeit und die Angst vor einem neuerlichen Organversagen.

Signifikant für Ihre Bücher ist die Tatsache, dass Sie heftige Themen wie Liebe, Leiden und Tod in eine Sprache verpacken, die niemals auch nur ansatzweise in die Nähe von Larmoyanz oder Sentimentalität gerät. Im Gegenteil, Ihre Romane berühren, aber ziehen den Leser keinesfalls hinunter.

Ich habe die Romane erst geschrieben, als es mir besser ging. In der Phase der Erkrankung wollte ich mich nicht damit beschäftigen, ich hätte die Kraft dazu nicht gehabt. "Die Zumutung" und "Über Nacht" sind keine Selbsterfahrungsliteratur, ich wollte nie meine persönliche Geschichte niederschreiben, deswegen habe ich mich auch geweigert, in Talk-Shows aufzutreten. Chronologisch erzählte Befindlichkeiten interessieren mich nicht. "Über Nacht" bietet verschiedene Lesearten, es ist ein durchkomponierter Text, der auf der formalen Ebene zeigt, dass Transplantation auch ein ästhetisches Verfahren ist.

Im Vordergrund standen also poetologische Überlegungen?

Jeder Schreibprozess ist auch eine Art Einverleibung und Aneignung von etwas Fremdem.

In "Die Zumutung" lassen Sie Ihre Hauptfigur Marianne den Satz sagen: "Man muss den Tod in ein Gespräch verwickeln, ihn ablenken. Er arbeitet weniger schnell, wenn man mit ihm spricht."

Ja, Sprache und Literatur können letztlich lebensverlängernd wirken. Schreiben ist für mich - ebenso wie Lesen - ein Sich-Einfühlen in andere, fremde Lebenswelten, die einem sonst verwehrt blieben, es ist Lebensgewinn, auch wenn die Zeit beim Verfassen von Romanen und natürlich auch beim Lesen vergeht, und es ist auch eine Form von flüchtiger Schicksalskorrektur. Schon als Kind konnte ich beim Lesen alles um mich herum vergessen.

Christine Dobretsberger, 1968 in Wien geboren, freie Journalistin und Autorin, Geschäftsführerin der Text- und Grafikagentur Lineaart.

Zur Person
Sabine Gruber, geboren am 6. August 1963 in Meran (Italien), studerte Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. Von 1988 bis1992 war sie als Universitätslektorin in Venedig tätig, seit 2000 lebt sie als freie Schriftstellerin in Wien.
Sabine Gruber erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, zuletzt: Förderpreis zum Walther von der Vogelweide-Preis (2007), Anton Wildgans-Preis (2007), "Buch.Preis/Linz" (2008), Robert Musil-Stipendium 2009-2011.
Ihr jüngstes Buch, "Stillbach oder Die Sehnsucht", war im August und Oktober 2012 auf Platz 1 der ORF-Bestenliste.
Veröffentlichungen: "Aushäusige", Roman, Wieser Verlag 1996, dtv 1999; "Fang oder Schweigen", Gedichte, Wieser 2002; "Die Zumutung", Roman, C.H. Beck Verlag 2003, dtv 2007; "Über Nacht", Roman, C.H. Beck 2007, dtv 2009; "Aushäusige", Haymon-TB 2011; "Stillbach oder Die Sehnsucht", Roman, C.H.Beck 2011 (die dtv-Ausgabe erscheint im Februar 2014).
Homepage von Sabine Gruber