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Drei Formen von Milzbrand

Von Friedrich Katscher

Politik

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Der durch das stäbchenförmige Bakterium Bacillus anthracis hervorgerufene Milzbrand, eigentlich eine Erkrankung der Huftiere, kann je nach der Eingangspforte in den menschlichen Körper in drei verschiedenen Formen auftreten: Als Haut-, Lungen- oder Darmmilzbrand. Normalerweise stecken sich Menschen an, die engen Kontakt mit erkrankten Tieren oder infiziertem tierischem Material haben. Daher gilt der Milzbrand auch als Berufskrankheit, doch kommt er in den industrialisierten Ländern fast nie vor.

Die häufigste Form ist der Hautmilzbrand. Durch direkten Kontakt gelangen die Erreger in kleine Hautwunden. Nach kurzer Zeit entsteht ein juckendes rotes Knötchen, das sich zu einer Pustel und dann zu einem ein bis drei cm großen Geschwür entwickelt, das den Namen Karbunkel trägt. Nach seiner Austrocknung bildet sich ein schwarzer kohleähnlicher Schorf. Deshalb heißt die Krankheit medizinisch Anthrax - Kohle auf griechisch. In 80 bis 90 Prozent der Fälle bleibt die Erkrankung lokal, gutartig und nicht schmerzhaft und heilt innerhalb von vier bis sechs Wochen vollständig ohne Komplikationen. In den restlichen Fällen, dann nämlich wenn die Erreger ins Blut gelangen, kommt es durch von ihnen freigesetzte Giftstoffe zu einer meist tödlichen Blutvergiftung, was aber durch Antibiotika verhütet werden kann.

Der durch Einatmen der Erreger herbeigeführte, ohne oder bei einer zu spät begonnenen Behandlung fast immer tödliche Lungenmilzbrand beginnt mit Schüttelfrost, Übelkeit, Mattigkeit und mildem Fieber. Danach verläuft er wie eine schwere Lungenentzündung mit hohem Fieber und blutigem Auswurf. Dieser enthält viele Milzbranderreger und ist daher sehr ansteckend. Plötzlich kommt es zu Atemnot, einem pfeifenden Atemgeräusch, bläulicher Färbung der Haut und Schweißausbruch und der Tod tritt innerhalb von 24 Stunden ein. Die Ursache ist das von den Bakterien erzeugte Gift. Wenn genügend davon im Blut vorhanden ist, gibt es keine Rettung mehr. Eine rechtzeitige erfolgreiche Behandlung mit intravenös durch Infusionen verabreichten hohen Dosen von Antibiotika wird dadurch erschwert, dass die Krankheit anfangs nicht von einer Verkühlung oder Grippe zu unterscheiden ist.

Der meist tödliche Darmmilzbrand, der durch den Verzehr von rohem Fleisch oder ungekochter Milch erkrankter Tiere entsteht und durch blutiges Erbrechen und blutige Stühle gekennzeichnet ist, ist äußerst selten.

Die Milzbranderreger können als Dauerformen Sporen bilden, ein bis zwei Tausendstel mm große dickwandige ovale Körperchen, die gegen Hitze, Kälte, Bestrahlung und sogar Desinfektionsmittel sehr widerstandsfähig sind. Unter günstigen Bedingungen, zum Beispiel im menschlichen Körper, können sie wieder zu Bazillen auskeimen.

Die Anthraxsporen eignen sich in Form eines "Aerosols", als in der Luft schwebende, durch Einatmen Lungenmilzbrand verursachende Teilchen, als biologische Massenvernichtungswaffe und daher wurde von verschiedenen Staaten mit ihnen experimentiert, bevor sie durch das 1975 in Kraft getretene internationale "Übereinkommen über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung bakteriologischer Waffen und über ihre Zerstörung" geächtet wurden. Die Sowjetunion und der Irak übertraten dieses Verbot. In der russischen Stadt Swerdlowsk (jetzt Jekaterinburg) wurden im April 1979 66 Personen durch Einatmen von Milzbrandsporen getötet, die aus einem Militärgebäude unter ungeklärten Umständen entkommen und durch den Wind über ein weites Gebiet verweht worden waren.