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Drei Wunschzettel ans Pädagogik-Christkind

Von Christa Könne, Niki Glattauer, Hans Pechar

Politik

Das "Wiener Journal" hat drei heimische Bildungsexperten, Christa Koenne, Niki Glattauer und Hans Pechar, um jeweils einen Wunschzettel an das Pädagogik-Christkind gebeten . . .


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Christa Könnegeboren am 23. März 1943; ehemalige AHS-Direktorin, Chemie- und Physiklehrerin, Koordinatorin der Pisa-Science-Gruppe in Österreich, Leiterin des Projekts "Prüfungskultur" am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Uni Klagenfurt

Christa Koenne
© © privat

Jede Schule sollte in etwa 20 Klassen haben, denn Lernsituationen brauchen persönliche Begegnungen, keine Monsterschulen. Die ideale Klassengröße sollte durchschnittlich 20 Schüler betragen, je nach Arbeitsform im Unterricht: In einer Inputphase könnten es auch 100 Schüler sein, aber die Aufarbeitung des Stoffs soll dann in Kleingruppen erfolgen.

Alle Schulpflichtigen besuchen eine gemeinsame Schulstufe. Mit 15 Jahren wechseln die Schüler in verschiedene Zweige nach Interessen, Begabungen und Neigungen – sie sollen entscheiden können: Wollen sie eine große Allgemeinbildung oder eher gleich eine fundierte Berufsausbildung? Wesentlich ist, dass auch die AHS nicht nur auf ein späteres Studium vorbereitet, sondern auf den Arbeitsmarkt, auch durch die Vermittlung von "Nischenqualifikationen" (z.B. Gebärdensprache, Sportwartausbildung o.Ä.) – im Sinne von "typenbildendem Unterricht". Das Ziel ist der "gebildete Laie". Im naturwissenschaftlichen Zweig könnten Chemie, Physik, Biologie und Mathematik zu einem neuen Fach zusammengefasst werden: NIN – Naturwissenschaftliche Informationsnetze. Gekoppelt mit Deutsch und Englisch ist das Ziel dieses fächerübergreifenden Unterrichts die Darstellung der Naturwissenschaften. Neben den althergebrachten Fächern sollte Skills wie Präsentation, Kommunikation und Konfliktmanagement genügend Raum gegeben werden.

Der Unterricht soll einerseits allen Schülern einen gemeinsamen Kernstoff vermitteln und andererseits die Entwicklung von Individualität unterstützen, um besondere Stärken und Begabungen voll auszuschöpfen. Diese beiden Aufgaben sind organisatorisch zu trennen. Pro Woche sollen 20 Stunden (jeweils vier Stunden am Vormittag) für die Arbeit am Kernstoff aufgewendet werden – der Zeitdruck sollte dafür sorgen, dass man sich auf das Wesentlichste konzentriert. Die übrige Zeit ist für Wiederholungsphasen oder optionale Lernangebote je nach Interesse der Schüler zur Verfügung zu stellen, und zwar das ganze Jahr hindurch. Beim Lernen selbst ist auf eine geeignete Balance zwischen Phasen geistiger Anstrengung (Lernen, Wiederholen), körperlicher Bewegung und Regeneration zu achten – je länger der Schultag, desto besser die Durchmischung. Dieses Konzept, das bisher höchstens in Volksschulen verfolgt wird, soll auch in die Stundenpläne höherer Schulen eingearbeitet werden. Statt 50-Minuten-Einheiten sind Schwerpunktphasen für größere Themenblöcke besser geeignet, die übers Schuljahr gestaffelt abgeschlossen werden, um am Jahresende geballten Prüfungsstress zu vermeiden. Bei all dem muss klar definiert werden: Wofür ist die Schule zuständig, wofür die Eltern?
Zentrale Prüfungen sind sinnvoll. Sie sollten sich an Minimalstandards orientieren und zentral beurteilt werden. Das sorgt auch dafür, dass die Noten, die an verschiedenen Schulen vergeben werden, gut vergleichbar sind. Zentrale Prüfungen entlasten auch die einzelnen Lehrer: Sie müssen nicht mehr gleichzeitig lehren, prüfen, beurteilen und coachen.
Nach der Schulpflicht sollen nur diejenigen Schüler in den Oberstufen bleiben, die wirklich lernen wollen. An sich sollen Schüler, die in einem Fach gescheitert sind, die bisher nicht erbrachten Leistungen im nächsten Jahr als "außerordentliche Schüler" nachholen. Dabei soll zwischen schulpflichtigen Kindern (bis 15 Jahre) und älteren Schülern unterschieden werden. Ab der 10. Schulstufe sollten sie bei nur einer negativen Jahresnote auf jeden Fall als "außerordentliche" Schüler aufsteigen – negative Leistungen werden niemals toleriert. Wollen sie wiederholen, müssen sie darum ansuchen. Nur wer mehrere negative Jahresnoten hat, soll wiederholen – für diese Schüler ist dies tatsächlich eine neue Chance, alle anderen empfinden die Wiederholung als unnötig.

Wichtig ist Autonomie, sodass die Schule sich selbst immer wieder hinterfragt und alle Beteiligten laufend daran arbeiten, das System noch besser zu machen. Denn auch das, was an wissenschaftlichen Erkenntnissen an die Schüler weiterzugeben ist, unterliegt einem stetigen Wandel. Und die Schule muss sich für die gesamte Gesellschaft öffnen: Sie sollte das ganze Jahr über bespielt werden, die Infrastruktur (Chemiesaal, Computersaal etc.) ist schließlich in Errichtung und Erhaltung teuer und sollten deshalb ausgenutzt werden. Lehrer könnten in der unterrichtsfreien Zeit Kurse und Seminare auch für Erwachsene anbieten (Stichwort: lebenslanges Lernen).

Niki Lattauergeboren 1959 in Zürich; KMS-Lehrer, Kolumnist und Buchautor in Wien, ehemaliger Chefredakteur eines Wochenmagazins, Juror beim Literaturpreis "Ohrenschmaus" für Menschen mit Lernschwierigkeiten

Niki Glattauer
© © Tom Linecker

1.Schule ist keine Belehrungsanstalt, in der die einen über die anderen erst die Füllhörner des Wissens ergießen und danach den disziplinierten Erwerb dieses Wissens sowie die möglichst wortgetreue Reproduktion desselben zu einseitig festgesetzten Terminen mit Noten und Zensuren vergelten. Vielmehr ist die Schule so etwas wie ein verlängertes/erweitertes Elternhaus. Lehrer und Schüler verstehen einander als Lebensabschnittsbegleiter. Fortschritt wird gewürdigt. Fehler werden als naturgemäß zum Lernprozess gehörig betrachtet und wohlwollend behandelt. Leistung wird belohnt, vermeintliches Versagen jedoch nicht bestraft. Nicht genügend und Sitzenbleiben als Sanktion gibt es nicht mehr.

2.Leistung ist wichtig, aber kein Selbstzweck. Die Schule versucht, die Neigungen eines Kindes aufzuspüren und mit Eignungen zu versehen. Sie fokussiert auf seine Stärken, Schwächen werden sublimiert oder umgangen, es wird nicht darauf herumgeritten. Gibt es durch Förderung und Forderung bei den Stärken erste Erfolgserlebnisse, kommt die Leistung von allein.

3.Pädagogen sind grundsätzlich akademisch ausgebildet, das gilt auch für den Elementarbereich. Die Gehaltspyramide wird umgedreht: Je jünger die Schützlinge, desto höher der Lohn. Die Ausbildung geschieht an Instituten für "Lehrpersonal". Man studiert also nicht nur ein bestimmtes Fach, sondern den Lehrberuf und spezialisiert sich erst in einer zweiten Phase des Studiums für einen Schulstufentyp (Grundschule/Mittelstufe/Oberstufe) und gegebenenfalls für Fächer. Jede(r) Lehrer(in) hat selbstverständlich eine propfunde Ausbildung in allgemeiner Sonderpädagogik, also für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, was verhaltensauffällige Kinder inkludiert.

4.Kindergarten und Grundschule sind verpflichtend und dauern, so lange sie eben dauern: Das Kind wechselt erst dann in die Mittelstufe, wenn es als dafür reif eingestuft wird, unabhängig vom Alter. Dadurch entstehen altersheterogene Gruppen, die (ähnlich wie heute im Kindergarten) auch als Gruppen zu führen sind.

5.Die Mittelstufe dauert bis zur 9. Schulstufe. Sie ist eine gemeinsame Mittelstufe und wird in Haupt-Mittel-Schulen (die diesem Namen dann auch gerecht werden) geführt.  Die Schulen unterscheiden sich nicht durch gesellschaftliche Graduierung (da die Anstalt für die höheren Töchter- und Söhnlein, dort die Tschuschen- oder Türkenschule), sondern in ihren Profilen, die für Eltern erkennbar sind. Manche spezialisieren sich auf besondere Talente im naturwissenschaftlich-mathematischen Zweig, in anderen hat Mathematik keine wichtigere Rolle als etwa Musik, Turnen oder Zeichnen. In manchen kann die Ziffernbenotung bestehen bleiben, andere setzen auf andere Arten der Leistungsfeststellung. Eltern haben grundsätzlich die Wahl zwischen Halbtags- oder Ganztagsschulen, außer pädagogische Gründe lassen eine Ganztagsschule als notwendig erscheinen. Es gibt Ganztagsschulen mit verschränktem Unterricht, andere setzen auf Vormittagsunterricht und Nachmittagsbetreuung. Freizeitpädagogen sorgen für eine permanente Verschränkung mit der Außenwelt (Sport, Kultur, Parks, Shoppen, Essen, etc.). Das Motto lautet: Für jedes Kind gibt es die richtige Weide.

6.Nach der Mittelstufe gibt es ein "berufspraktisches Jahr" für alle, das dem heutigen Poly entspricht und dieses aufwertet. Erst nach dieser 10. Schulstufe endet die Schulpflicht. In diesem Berufsjahr lernen alle Kinder verschiedene Berufe (vorzugsweise Lehrberufe) kennen. Es gibt erstmals eine (geringe) Entlohnung für getane Arbeit. Die Schulpflicht endet mit einem aussagekräftigen Zeugnis, das Neigungen, Eignungen und Stärken ausweist. Schwächen werden nicht verschleiert, haben aber keine stigmatisierende Wirkung.
7.Wer jetzt Richtung Universität gehen will, besucht (in der Regel mit 16, 17 Jahren) zur Vorbereitung die bewährte AHS. Erstes Etappenziel ist eine Matura, die zur Hälfte zentral vorgegeben ist, zur anderen Hälfte die besonderen Eignungen der Schüler berücksichtigt, mit Spielraum für individuelle Aufgabenstellung und Vorbereitung.

8.Jede Schule hat ihr Stammhaus (in der guten, alten, denkmalgeschützten Schulkaserne ), erweitert um "Lernstudios": Die Schulbehörde mietet Wohnungen oder Häuser, zu denen die Lehrer für das vertiefende Lernen pendeln: Dort können gruppenweise Hausaufgaben erledigt werden, es gibt eine schulische Infrastruktur, die auf Kleingruppen ausgerichtet ist. Damit entsteht für die Schüler neuer Schulraum, aber in der realen Welt. Die Kinder kommen hinaus, für die Lehrer wird im Stammhaus Arbeitsplatz frei.

9.Die Schule wird also in der Schule erledigt. Ja zum Üben. Nein zur Hausübung. Der schulische Erfolg hängt nicht mehr von Nervenstärke und logistischem Geschick der Eltern ab. Väter und Mütter dürfen endlich wieder für elterliche Gernhabungen zuständig sein und nicht mehr für die Powerpointpräsentation zum Thema Holzfällen in Kanada. Lehrer als Mütter und Väter sind davon nicht ausgenommen.

Hans Pechar
geboren 1950; Professor für Hochschulforschung an der Alpen Adria Universität, Standort Wien

Bei der frühkindlichen Bildung braucht es einen quantitativen und qualitativen Ausbau und dabei eine deutliche Erhöhung öffentlicher Ausgaben. Idealerweise sollten die Angebote kostenfrei sein (derzeit ist der Anteil privater Ausgaben hier viel höher als im tertiären Bereich, es sollte umgekehrt sein). Wichtig: Das Lernpotenzial der noch nicht schulpflichtigen Kinder muss besser genutzt werden (Kindergärten dürfen nicht nur Aufbewahrungsstätten sein). In diesem Alter lernen Kinder leicht und gern, das nicht zu nutzen ist eine Vergeudung gesellschaftlichen Humankapitals. Im Gegenzug könnte man während der Pubertät, wenn der Lernwiderstand ein Maximum erreicht, jenen Schulverweigerern, die das wünschen, eine "Auszeit" geben (wie das etwa Hartmut von Hentig vorgeschlagen hat).

Zu Ganztagsschule und Gesamtschule sage ich nichts, ich unterstütze beides, die Argumente sind bekannt.

Hans Pechar
© © privat

Meines Erachtens kann bis zum Ende der Pflichtschulzeit auf selektive Prüfungen verzichtet werden (Klassenwiederholungen sollten in jedem Fall abgeschafft werden). Erst bei der ersten folgenschweren Verzweigung (nicht vor 14/15) muss selektiert werden. Davor reicht unterstützendes Feedback. Wo geprüft und selektiert werden muss (bei Verzweigungen), sollten so weit wie möglich standardisierte Verfahren bzw. externe Prüfer eingesetzt werden (Lehrkräfte sollten unterstützen, nicht selektieren, eine Kombination dieser beiden Aktivitäten geht meistens zulasten des Förderns).

Das duale System der beruflichen Lehre ist eine der wenigen Stärken des österreichischen Bildungssystems; es muss sicherlich modernisiert werden, seine Grundstrukturen erscheinen mir erhaltenswert.

Im tertiären Bereich brauchen wir eine stärkere Diversifizierung (vor allem den Ausbau nicht-universitärer Angebote: Fachhochschulen und äquivalente Angebote; in Österreich sind circa 80 Prozent der Studenten in Forschungsuniversitäten, im Rest der Welt – auch in vielen europäischen Ländern – sind die Proportionen umgekehrt: Der nicht-universitäre Sektor macht die quantitative Basis aus, nur 20 bis 50 Prozent aller Studenten sind in Forschungsuniversitäten). Das ist ohne flächendeckende Aufnahmeverfahren unmöglich. Sinnvoll sind sozialverträgliche Studiengebühren, am besten kombiniert mit der Möglichkeit eines Darlehens. Bei akademischen Karrieren ist der Tenure Track nach nordamerikanischem Vorbild zu forcieren: Damit wird lebenslang angestelltes Hochschulpersonal rekrutiert. In den Universitäten wird ein Professor bei seiner Erstanstellung zunächst befristet beschäftigt; er ist akademisch unabhängig, unterliegt aber einer ständigen Leistungsanforderung und -kontrolle, um eine Aussicht auf feste Anstellung (Tenure) zu erhalten.

Die Lehrerausbildung soll einheitlich für alle Schultypen erfolgen, Universitäten und pädagogische Hochschulen (die allerdings qualitativ aufgewertet gehören und akademische Autonomie benötigen) sollten kooperieren.

Print-Artikel erschienen am 6.September 2013 in: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal"