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Drogenkrieg auf hoher See

Von WZ-Korrespondent Klaus Ehringfeld

Politik

Fahnder und Banditen liefern einander an der Pazifikküste Katz- und Maus-Spiel.


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Buenaventura. Als der Informant dieses Mal kommt und von einer Entdeckung berichtet, nehmen ihn seine Kontaktleute zunächst nicht ernst. Zu unglaublich scheint, was der Späher der kolumbianischen Marine behauptet: Draußen vor der Pazifikküste in den Tiefen der Mangrovensümpfe basteln die Drogenhändler an einer ganz großen Sache, einem veritablen U-Boot, einem Drogen-Frachter 2.0, mit dem 8000 Kilo Kokain auf einmal transportiert werden könnten. Schiffsingenieure, Elektriker, Schweißer, Techniker werkelten seit mehr als einem halben Jahr in der Dschungelwerft der Drogenkartelle an dem U-Boot, behauptet der Spitzel. Insgesamt 70 bis 100 Mann. Nur noch wenige Wochen, dann sollte das Unterseeboot mit dem weißen Pulver in Milliardenwert auf Jungfernfahrt gehen: von Kolumbien immer den Pazifik entlang, 3500 Kilometer nordwärts Richtung Mexiko.

Ein Jahr später erzählt Kapitän zur See Fernando Parra diese Geschichte mit merklicher Genugtuung. Während die Klimaanlage in seinem Büro den rinnenden Schweiß in gefrorene Perlen verwandelt, spart der Kommandant der kolumbianischen Pazifikflotte kaum ein Detail aus. Durch das Fenster seines Büros fällt der Blick auf die Trophäe. Das blaue U-Boot steht aufgebockt und ausgestellt zwischen Palmen und Büro-Containern auf der Marinebasis Málaga nahe der kolumbianischen Hafenstadt Buenaventura. Parra sagt: "Wir dachten, wir hätten schon alles gesehen. Ein richtiges U-Boot, das konnten wir uns nicht vorstellen."

Unkontrollierbare Küste

Von Buenaventura aus befehligt der Kommandant rund 8000 Soldaten. Sie sollen dafür sorgen, dass die Kartelle ihr Kokain nicht über den Seeweg aus dem Land bringen können. Eine kaum lösbare Aufgabe: 1300 Kilometer ist Kolumbiens Pazifikküste zwischen Panama im Norden und Ecuador im Süden lang. Fast überall sieht es dort aus wie in Buenaventura - ein Labyrinth aus Inseln mit verschlungenen Mangrovenwäldern und Flussmündungen. Bessere Verstecke für Drogenküchen und Dschungelwerften gibt es kaum.

Anfang der achtziger Jahre ergriff der "Narcotrafico", der Drogenhandel in großem Stil Besitz von Kolumbien. Und Buenaventura, der einzige Pazifik-Hafen des Landes, war plötzlich nicht nur ein Umschlagplatz für Kaffee und Container, sondern auch für Kokain. Um das zu verhindern, patrouillieren Küstenwache und Militär Tag und Nacht vor der Bucht. Ob Fischerboot, Schaluppe, Barkasse oder Containerfrachter, alles was schwimmt, wird kontrolliert.

"Es ist ein Katz- und Maus-Spiel", sagt der Kommandant. Ein Wettkampf um Taktik, Technik und Technologie. Anfangs schmuggelten die Mafias ihren Stoff in Fischerbooten unter ihrem Fang. Dann kamen Schnellboote mit vier oder fünf Außenbordern. Parra nennt sie "Rennzigarren". Schließlich begannen die Kartelle vor einigen Jahren mit dem Bau eigener Drogentransporter im Dschungel. Einweg-Gefährte aus Fiberglas und Polyester, die hunderte und tausende Kilo Kokain transportieren können. Sie waren so neu, dass die Marine dafür ein eigenes Wort erfinden musste: "Semisumergibles", "Halb-Tauchboote".

Nur Diesel und Drogen

Diese Halb-Tauchboote sind nur ein paar Meter lang, kaum einen Meter hoch, manche sehen aus wie ein zu dicker Torpedo. Platz ist gerade für zwei bis drei Mann Besatzung und den bewaffneten Aufpasser der Drogenmafia. Eine Glaskuppel, ständig von Wellen überspült, ist der einzige Sichtkontakt zur Außenwelt. Man kann sich nur gebückt bewegen. An Bord kann gibt es kein Licht, keine Betten, keine Toiletten. Nur Diesel und Drogen. Die Notdurft wird in einen Beutel verrichtet.

"Wenn sie erst mal auf hoher See sind, kann man die Semisumergibles nur selten ausfindig machen", sagt Kapitän Parra. Mit bloßem Auge seien sie kaum zu erkennen, durch Radar und Sonar schlüpften sie durch. Rund eine Woche dauert der Trip durch den Pazifik. Es sind wahre Höllenfahrten, nicht nur wegen der Bedingungen an Bord, auch weil das Ende höchst ungewiss ist. Wenn die Drogenkuriere ihren Trip "krönen" und die Ware ins Ziel bringen, haben sie ausgesorgt. Aber viele saufen tragisch ab, weil ihr Boot einen Konstruktionsfehler hat. Andere Boote werden aufgebracht, und die Besatzung landet in einem mexikanischen oder kolumbianischen Gefängnis.

Ein Drittel des Rauschgifts, das in den Dschungelküchen Kolumbiens gekocht wird, verlässt über die Pazifikroute das Land. Experten gehen davon aus, dass auf einen aufgebrachten Drogentransporter fünf weitere durch die Maschen des Kontrollnetzes schlüpfen. Es ist für die Schmuggler ein höchst lukratives Geschäft. Der Bau des U-Boots zum Beispiel habe ein bis zwei Millionen Dollar gekostet, sagt Parra. Aber die Fracht von acht Tonnen Kokain hätte auf den Straßen von Los Angeles oder New York 240 Milliarden Dollar erbracht.

Wie viele der Tauch-Boote kommen durch die Sperrgürtel und schaffen es ans Ziel? Flottenkommandant Parra lächelt nur und sagt dann: "78 solcher Boote haben wir in den vergangenen Jahren aufgebracht." Auf hoher See, kurz nach dem Auslaufen oder noch vor dem Stapellauf in der Urwald-Werft. So wie das U-Boot, von dem der Informant berichtete. Kolumbianische und US-Spezialeinheiten konnten es im Februar 2011 wenige Tage vor Auslaufen sicherstellen. Ein russischer Ingenieur wurde festgenommen, die meisten Arbeiter konnten fliehen.

Auf dem Stützpunkt Málaga hat die Marine rund ein Dutzend der Drogentransporter ausgestellt, die beim Katz- und Maus-Spiel mit den Narcos sichergestellt wurden. Es ist eine Mischung aus Drogen-Museum und Schiffsfriedhof. Das 30 Meter lange und knapp drei Meter breite U-Boot ist dabei das Prunkstück dieser bizarren Sammlung.

GPS und Tiefenmesser

Durch eine eiserne Einstiegsluke und über eine steile Leiter schlüpft man in den Bauch des Bootes. Schwüle Hitze treibt den Schweiß, Glühbirnen erleuchten einen geräumigen Innenraum. An Bord wartet Leutnant Juan Celis. Der U-Boot-Kapitän verhehlt nicht seine Anerkennung für die Ingenieurs- und Bauleistung der Gegner unter Dschungel-Bedingungen: "Die haben an fast alles gedacht." Die Kommandobrücke verfügt über GPS, Tiefenmesser, Kurzwellenradio. Es gibt Pritschen und sogar eine Toilette. Die Ladung sollte in Bug und Heck und auf dem Boden unter Holzpaletten versteckt werden: Die Bauzeit schätzt Celis auf sechs bis zwölf Monate: "Die meisten Teile für das Boot bekommt man in einem Eisenwarenladen."

Seetauglich für lange Tauchfahrten wäre das U-Boot aber nicht gewesen. "Sie haben vergessen, die Abgasrohre zu isolieren. Bei geschlossener Luke und unter Wasser wären es 80 Grad in dem Boot geworden", sagt Kapitän Celis. Er hat den Drogen-Transporter nach Sicherstellung in der Urwaldwerft in der Provinz Nariño im Süden Kolumbiens in 14 Stunden bis nach Buenaventura gefahren. "In Badehose und immer mit offener Luke."

Es ist nicht schwer, in Buenaventura Männer zu finden, die sich auf das Abenteuer eines Drogen-Trips einlassen. Männer wie Harrinson Moreno. Er lebt in La Playita, einem Fischervorort am Rande der Stadt, nur ein paar Seemeilen von der Marinebasis entfernt. La Playita war einmal richtig schön, Holzhäuser auf Pfählen, den Pazifik vor der Tür. Bei Flut lecken die Wellen an den Boden der Häuser. Früher saßen die Männer am Tag vor ihren Hütten und knüpften Netze, nachts fuhren sie zum Fischen raus. Es war ein Leben im Rhythmus von Ebbe und Flut. Und es war schon damals ein Leben in Armut. Aber in Würde.

Koks statt Fisch

Das ist so lange her, dass Harrinson Moreno diese Geschichten nur noch aus Erzählungen seiner Eltern kennt. Als der große kräftige Mann vor 34 Jahren geboren wurde, da lagen die guten Zeiten schon hinter La Playita. 80.000 Peso, umgerechnet 35 Euro macht Moreno im Monat mit Gelegenheitsarbeiten. Davon muss er Frau und drei Kinder durchbringen. Arbeit als Fischer gibt es hier schon lange nicht mehr. 63 Prozent der Pescadores seien arbeitslos, klagt die Fischerei-Genossenschaft. Schuld daran trügen der billige Importfisch und der Drogenhandel. Wenn man für eine Kokainladung zehntausende Dollar verdienen kann, wer will dann noch Fische fangen? Außerdem dürfen die Männer jetzt nachts nicht mehr raus fahren. Ausgerechnet dann, wenn die Fische am besten beißen. Aber gerade dann ist die Bucht von Buenaventura Hochsicherheitsgebiet. Da sind nur Küstenwache und Marine draußen oder die Drogen-Boote. Harrinson Moreno hat das kleine Kapitänspatent. Die Ausbildung auf der Nautikschule hat der Staat bezahlt. Aber jetzt sitzt er auf dem Trocknen. Die Einzigen, die ihm einen Job angeboten haben, waren die Narcos.

Reich auf einen Schlag

Schon während der Ausbildung sind sie auf ihn zu gekommen, haben ihn zum Essen eingeladen, ihm Sachen aufgetischt, dass ihm das Wasser im Mund zusammengelaufen ist. Nicht nur Festmahl, auch teure Uhren und dicke Autos waren plötzlich nur einen Drogen-Trip nach Norden entfernt. "Ich war versucht", gesteht er. Nur einmal durchkommen und aller Sorgen ledig. Er dachte an die Schuluniformen seiner Kinder, das Quengeln seiner Frau, weil es wieder vorne und hinten nicht reicht.

Die Narcos boten ihm damals die unvorstellbare Summe von 80 Millionen Peso für eine Fahrt. Vier Tage als Besatzungsmitglied in einem Tauchboot Marke Eigenbau. 35.000 Euro. Aber dann dachte er auch an den Kumpel, von dem es heißt, er sei einfach mit seinem weißen Pulver im Millionenwert vom Meer verschluckt worden. Oder diejenigen, die nicht aussteigen durften, als die Mission erledigt war: "Wenn du dich einmal auf die einlässt, wirst du sie nicht mehr los. Die sind wie eine ansteckende Krankheit."

Also borgt Harrinson bei Verwandten weiter Stoff für die Schuluniform der Kinder, hält sich mit Gelegenheits-Jobs über Wasser. Aus einer Hütte nicht weit von seiner dröhnt Musik in Disco-Dezibel. Ein Blick durch die offene Tür gibt den Blick auf Flachbildschirm, Computer und meterhohe Boxen frei. Jeder in La Playita weiß, dass der Bewohner einmal rausfuhr und mit dicker Börse wiederkam. Aber das ist die Ausnahme.