Zum Hauptinhalt springen

"Druck auf Studenten heute höher"

Von Katharina Schmidt

Wissen

"Das kompetitive Element an den Unis hat zugenommen." | Bis 2020 soll jeder zweite Student Auslandserfahrung gemacht haben.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Wiener Zeitung": Sie selbst haben Philosophie studiert, ein gemeinhin als "brotlos" angesehenes Fach. Wenn Ihr Sohn es Ihnen nachmachen wollte, dürfte er? Johannes Hahn: Absolut. Aber er will ohnehin Jus studieren. Ich sage immer, dass ich der Hoffnungsträger aller Philosophie-Studenten bin, weil ich es ja immerhin bis zum Generaldirektor eines Konzerns gebracht habe.

Was hat sich seit Ihrer Studienzeit an der Uni verändert?

Die gesamte Elektronik in der Kommunikation hat Einzug gehalten: Wir haben noch händisch inskribiert. Gerade an der Uni Wien haben sich die infrastrukturellen Gegebenheiten wesentlich verbessert. Es ist jetzt auch innen viel einladender.

Inwiefern haben es die Studenten von heute schwerer?

Heute ist der Druck, schneller fertig zu werden, weitaus höher. Bei uns war es geradezu gewollt, dass man auch in andere Fächer hineinschnuppert. Wenn einer mit 26 oder 27 Jahren fertig war, dann wurde er nicht kritisch beäugt.

Worauf führen Sie das zurück?

Das kompetitive Element hat zugenommen, sowohl bei der Qualität der Ausbildung, als auch bei der Notwendigkeit einer postgradualen Ausbildung. Positiv sehe ich die Entwicklung bei den Auslandsaufenthalten: Zu unserer Zeit war es noch etwas Exotisches, während des Studiums ins Ausland zu gehen, heute ist das fast Usus. Ich habe die Vision, dass bis 2020 jeder zweite Studierende einmal eine Auslandserfahrung gemacht haben soll.

Nun wird aber der Prüfungsdruck durch die Bologna-Architektur offenbar stärker, immer weniger Studenten nehmen sich die Zeit für ein Erasmus-Semester.

Das ist ein richtiger Befund. Ich habe ursprünglich Jus studiert - da gab es klassische Auslandssemester, in denen man weggehen konnte, ohne dass man etwas verloren hätte. Das ist durch die Komprimierung jetzt weniger der Fall. Künftig wird es verstärkt so sein, dass man den Bachelor an der einen Uni macht und den Master auf der anderen. Dieses System wird die gewünschte Internationalität erzeugen. Und dann gibt es Joint Degrees, also gemeinsame Studiengänge mehrerer Unis, wo es Teil des Curriculums ist, den Studienort zu wechseln.

Besteht bei Bologna nicht das Problem, dass potenzielle Arbeitgeber einen Magister oder Doktor sehen wollen und mit dem Bachelor nichts anfangen können?

Es hat bei der Einführung des Bachelors vor zehn Jahren sicher ein kommunikatives Hoppala gegeben. Damals wurde der Eindruck vermittelt, der Bachelor sei nichts anderes als das OK für den Studienabbruch. Und das ist es absolut nicht, sondern wir haben höchst eigenständige Lehrplanentwicklungen. Wir wollen auch ein stärkere zeitliche Entkoppelung zwischen Bachelor und Master. 89 Prozent der Bachelor-Absolventen studieren derzeit weiter. Gemeinsam mit Wirtschaft und Industrie werde ich eine Kampagne für den Bachelor als vollwertige, nachhaltige und eigenständige Ausbildung starten.

Stichwort: Qualitative Zugangsbedingungen für Master und PhD. Einerseits laufen derlei Beschränkungen dem Ziel einer höheren sozialen Mobilität entgegen, andererseits muss man sich fragen, wie die Betreuungsquoten verbessert werden sollen, wenn es keine Beschränkungen für den Bachelor gibt. Ihre Lösung?

Das Argument, es handle sich hier um eine soziale Diskriminierung, kann ich nicht teilen. Dieser Vorschlag ist von den Unis ausgegangen, weil es darum geht, angesichts der Vielfalt an Studienmöglichkeiten eine neue Verlässlichkeit bei den inhaltlichen Qualifikationserfordernissen zu schaffen. Wir schlagen vor, dass diese Regelung erst ab 2010 gültig ist, damit sich die Studierenden rechtzeitig darauf einstellen können.

Wird bei der im Frühling 2009 anstehenden Hochschülerschaftswahl tatsächlich bereits das E-Voting angewendet?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Wo, wenn nicht an der Uni sollte man neue Technologien im Bereich partizipativer Mitbestimmung ausprobieren? Deshalb überrascht mich die Ablehnung mancher Uni-Gruppen so. Ich wäre als Studierender und als Studentenvertreter stolz, wenn ich sagen könnte: "Wir an der Uni sind hier die Vorreiter und nicht die Verhinderer und Blockierer."

Nehmen wir an, Sie haben gerade maturiert: FH oder Uni?

Ich würde rein gefühlsmäßig auf die Uni gehen.

Warum?

Weil ich vermutlich wieder ein geisteswissenschaftliches Studium wählen würde, das es auf der FH nicht gibt, und weil die curricularen Freiräume auf der Uni größer sind. Ich wünsche mir, dass sich viele Studierende diese Frage stellen.

Also zuerst das Konzept, erst dann das Fach wählen?

Wenn man weiß, dass es das Fach seines Interesses an Uni und FH gibt, sollte man zuerst für sich klären, welches Konzept am besten passt und erst im zweiten Schritt die endgültige Fachentscheidung fällen.