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Durch das Wien türkischer Gastarbeiter

Von Valentine Auer

Politik
Um der Abschiebung zu entgehen, machten sich viele Gastarbeiter selbständig und wirkten so von Naschmarkt bis Brunnenmarkt dem Märktesterben in den 1970ern entgegen.
© Luiza Puiu

Der Verein Maloche beschäftigt sich mit Arbeiterkultur und politischer Arbeitergeschichte.


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Wien. Einen Vorrat Manner-Schokolade gibt es immer im Haus von Fazli und Sülvet Aktas. "Es ist für die beiden ein Symbol des Reichtums", erklärt die Enkeltochter der beiden, Kübra Atasoy-Özoglu, vor der Manner-Fabrik stehend. In den 1960er Jahren führte Fazli und Sülvet Aktas’ Weg von der Arbeit nach Hause hier vorbei. Nicht selten holten sie sich die begehrte Bruchschokolade. Etwas anderes war nicht leistbar. Heute ist es keine Bruchschokolade, mehr, die man im Haus der Aktas findet, sondern original verpackte Schnitten, die aber erst gebrochen werden, wenn Besuch da ist..

Im Mai 1964 stieg Fazli Aktas als Gastarbeiter in den "schwarzen Zug" in Istanbul-Sirkeci ein. Endstation: Wiener Südbahnhof. Seine Frau Sülvet folgte ihm ein Jahr später. "Schwarzer Zug" nannten die türkisch-kurdischen Gastarbeiter, den Zug, der sie nach Österreich oder Deutschland brachte. "Nicht nur, weil sie überrascht waren, wie schwarz sie vom Ruß waren, wenn sie den Kopf aus dem Fenster hängten. Schwarz beschreibt auch die Sehnsucht nach der Heimat", so Atasoy-Özoglu.

Die 25-jährige setzte sich bereits vor einem Jahr im Rahmen der Ausstellung "Avusturya! Österreich! 50 Jahre türkische Gastarbeit in Österreich" mit der Geschichte ihrer Großeltern und anderen Gastarbeitern auseinander. 2015 wurde der Verein "Maloche" gegründet, deren Vorsitzende sie ist. Das Projekt will aufzeigen "was Arbeit mit Arbeitsverbot, mit Zwangsarbeit, mit Streikverbot zu tun hat", erklärt Atasoy-Özoglu. Nach dem ersten Projekt, dem Audiotheater "Den Betrieb stören", bietet Maloche nun eine Reihe von Stadtspaziergängen an. Der erste beschäftigte sich mit der Geschichte der Gastarbeiterinnen in Wien. "Der Stadtspaziergang ist eine symbolische Reise. Denn Wien ist nicht mehr die Industriestadt, die sie einmal war. Sowohl das Stadtbild als auch das Verständnis von Arbeit haben sich geändert", erklärt Atasoy-Özoglu zu Beginn des Spaziergangs.

Als Hausmeister zur Aufenthaltsbewilligung

Gegen den Verkehrslärm anschreiend, erzählt sie an der Hernalser Hauptstraße, dass viele der Gastarbeiter hier in Zinshäusern lebten. Die Sanitäranlagen waren dabei nicht nur schlecht, sondern schlicht nicht vorhanden. Im Hof des Gemeindebaus Wattgasse 88, schildert sie, dass manche Gastarbeiter als Hausmeister arbeiteten - darunter auch ihre Großeltern. So hatten sie nicht nur einen festen Arbeitsplatz, der ihren Aufenthaltstitel in Österreich sicherte, sondern auch die Möglichkeit an eine Gemeindewohnung zu kommen. Ein Privileg das bis 2006 anhielt. Erst dann erhielten nicht-österreichische Staatsbürger generell das Recht, sich für eine Gemeindewohnung anzumelden.

Arbeitsrechte wurden ausgehebelt

Ähnliche Schieflagen erfuhren die Arbeitsmigranten auch im Bereich Arbeitsbedingungen: Gastarbeiter verdienten bis zur Hälfte weniger als österreichische Arbeiter. Die in den letzten Jahren und Jahrzehnten geschaffenen Arbeitsrechte galten nicht für die türkisch-kurdischen "Gäste". Meist arbeiteten die Migranten zwei bis drei Schichten, also bis zu zwölf Stunden am Tag. Der Acht-Stunden-Tag war jedoch damals schon gesetzlich vorgeschrieben. "Es ist nicht zufällig, dass die Gastarbeiter-Anwerbung in die 1960er fällt. Es wurden immer mehr Arbeitsrechte geschaffen, die bei den Gastarbeitern ausgehebelt wurden", ist sich Atasoy-Özoglu sicher.

Ob etwas gegen die unfaire Behandlung gemacht wurde? "Dazu ist nur sehr wenig dokumentiert", erzählt Atasoy-Özoglu im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Durch das Durchforsten von alten Zeitungsartikel sind insgesamt drei Streiks vonseiten der Gastarbeiter in Österreich bekannt: 1966 streikten jugoslawische Gastarbeiter in der Steiermark und in Kärnten. 1970 streikten türkische Arbeiter in Salzburg.

Für manche der Protestierenden endete mit dem Streik der Aufenthalt in Österreich. Die Möglichkeit, sich gegen Diskriminierung und Ungleichheiten in der Arbeitswelt zu wehren, wurde den Migranten bereits 1966 durch das Fremdengesetz verunmöglicht: "Gegen Fremde, deren Aufenthalt im Bundesgebiet die öffentliche Ruhe, Ordnung oder Sicherheit gefährdet oder anderen öffentlichen Interessen zuwiderläuft, kann ein Aufenthaltsverbot erlassen werden", hieß es und heißt es dort in ähnlicher Form immer noch. Selbst wenn Arbeitsmigranten nicht aufgrund der Gefährdung des öffentlichen Interesses abgeschoben wurden, war es nicht selten der Fall, dass sie ihre Arbeitsstelle durch den Protest verloren und mit ihr den Aufenthaltstitel.

Selbstständigkeit als Alternative

Noch prekärer wurde die Situation für Gastarbeiter Mitte der 1970er, als Österreichs Wirtschaft wieder zu schrumpfen begann: Ab 1975 wird die offizielle Anwerbung von Gastarbeitern eingestellt. Es kam zunehmend zu Kündigungen, Schubhaft und Abschiebungen.

Eine Möglichkeit dem zu Entgehen war der Weg in die Selbstständigkeit: Brunnenmarkt, Naschmarkt oder Karmelitermarkt wurden zentral um den Aufenthalt zu sichern. Damit stoppten die Arbeitsmigranten auch das Wiener Märktesterben, das in diese Zeit fiel. Die Freude der hier lebenden Türken war groß, als sie Zucchini oder Oliven entdeckten. Oder Melanzani, wie im Falle von Sülvet Aktas: Trotz teurem Preis und niedrigem Lohn kaufte sie sich ein Kilo davon, lief nach Hause, gab das Gemüse in kochendes Wasser. Zu kurz. Das Gemüse war halbroh, also noch giftig. Sülvet Aktas‘ erster Melanzani-Einkauf in Wien endete im Spital.

Die eigene Geschichte finden Durch das Sprechen und Weitergeben dieser Erinnerungen wurde Fazli und Sülvet Aktas erst bewusst "dass sie selber Geschichte schrieben. Das war eine Lücke", erklärt die Enkelin. Eine Lücke, die es auch im öffentlichen Gedächtnis, in den Schulen gibt. Daher arbeitet Maloche auch Unterrichtsmaterialien zur Geschichte der Arbeit und Arbeitsmigration aus: "Das Thema Arbeit wird in Schulen komplett vernachlässigt, weil es keine herrschende, sondern eine beherrschte Geschichte ist. Insbesondere für Arbeiterkinder ist es wichtig, diese Geschichte zu kennen. Wenn du keine Informationen über deinen eigene Vergangenheit hast, hast du keinen Zugriff auf dich selbst."