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Dürfen Bischöfe Gehorsam einmahnen?

Von Herbert Kohlmaier

Gastkommentare
© © Fotostudio Staudigl / Fotostudio Staudigl

In der Diskussion um den jüngsten Aufruf der Pfarrerinitiative, den Gehorsam zu verweigern, wäre die Frage angebracht: Wie steht es eigentlich um den Gehorsam der Bischöfe gegenüber Jesus?


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Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn hat den "Aufruf zum Ungehorsam" der Pfarrerinitiative mit der Ermahnung beantwortet, den von den Priestern versprochenen Gehorsam einzuhalten. Auf die sachliche Begründung oder Sinnhaftigkeit der angekündigten Abweichungen von geltenden kirchlichen Vorschriften im Sinne zeitgemäßer Seelsorge ging er nicht ein.

Das hat eine grundsätzliche und lebhafte Diskussion über Stellenwert und Sinnhaftigkeit des Gehorsamsprinzips in der katholischen Kirche ausgelöst. Diese hat mittlerweile die Landesgrenzen überschritten und zur beklemmenden Frage geführt: Kann erklärter Ungehorsam hingenommen werden? Lässt andererseits seine Ahndung nicht schwere Erschütterungen oder gar die Spaltung der Glaubensgemeinschaft befürchten?

Wenn so prinzipiell über Gehorsam gesprochen wird, darf die Frage nicht unterbleiben, ob ihn auch die Bischöfe üben. Nicht gegenüber dem Papst, denn das tun sie kritiklos und geradezu unterwürfig. Aber wie sieht es mit dem Befolgen der Anordnungen Jesu aus? Hat doch der Herr das Schwören verboten, was die Forderung, abgegebene Gehorsamsgelübde einzuhalten, zumindest problematisch macht. Er verwarf es, einen Menschen Vater zu nennen, aber man spricht den Papst trotzdem so an. Was die Machtausübung betraf, sind Jesu Worte eindeutig: "Ihr wisst, dass die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein." Er bezeichnete uns alle als Geschwister, die nur einen Lehrer hätten - nämlich Christus.

Geflissentlich wird auch übersehen, was der höchsten Rang einnehmende Apostel Paulus lehrte: "Wir wollen nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude." Bischöfe sollten gute Familienväter sein. Im Pastoralbrief an Timotheus wird es als dämonische Lehre und lügenhafter Abfall vom Glauben bezeichnet, die Heirat zu verbieten. (Bekanntlich war Petrus, als dessen Nachfolger sich die Päpste sehen, ebenso verheiratet wie die anderen Jünger.) Warnte Christus nicht vor denen, die mit nur von ihnen, aber nicht von Gott stammenden Vorschriften den Menschen Lasten auferlegen?

Jesu Wort vom Splitter im Auge des Nächsten, den man sehe, nicht aber den Balken im eigenen, sollten sich die Bischöfe also vor Augen halten. Ebenso den Aufruf: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Was Helmut Schüller und seine Freunde unter Berufung auf ihr Gewissen tun, steht keineswegs im Widerspruch zum wahren Gehalt christlichen Glaubens. Es zu maßregeln, kann das hingegen wohl kaum für sich in Anspruch nehmen. Hinter der Auseinandersetzung, die jetzt alle bewegt, steht also viel mehr als die simple Frage, ob man Regeln einhalten müsse. Es geht darum, ob jene, die zurechtweisen und unverhohlen mit Konsequenzen drohen, dazu überhaupt die moralische Rechtfertigung haben. Das ist sehr zu bezweifeln.

Herbert Kohlmaier war Politiker und ist Obmann der Reformbewegung Laieninitiative.