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"Early voters" verpassen Clintons E-Mail-Affäre

Von Michael Schmölzer

Politik

Trump kann im Wahlfinale Boden gutmachen. Die meisten Experten rechnen dennoch nicht mit seinem Sieg.


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Washington. Hillary Clinton hat Glück im Unglück: Die demokratische Präsidentschaftskandidatin ist aktuell wegen ihrer E-Mail-Affäre unter Druck - allerdings haben bereits 20 Prozent der zur Wahl erwarteten Amerikaner per "Early voting" ihre Stimme abgegeben. Wer schon gewählt hat, hat die FBI-"Enthüllungen" gegen Hillary Clinton und ihren Mann, Ex-Präsident Bill Clinton, nicht mitbekommen.

Die Präsidentenwahl ist seit dem 23. September in vollem Gange, 20 Millionen Amerikaner haben sich schon entschieden. Der Andrang ist enorm, fallweise haben sich lange Schlangen vor den Wahllokalen gebildet. Zahlreiche US-Amerikaner wollten zum frühestmöglichen Zeitpunkt abstimmen, um das leidige Kapitel Präsidentschaftswahl endlich abhaken zu können. Denn viele, die zähneknirschend Clinton wählen, wollten eigentlich ihren innerparteilichen Kontrahenten Bernie Sanders als US-Präsidenten. Donald Trump hat zwar glühende Verehrer, viele dürften ihn aber nach dem "Augen zu und durch"-Prinzip wählen.

Auch Obama war schon wählen

In 38 der insgesamt 50 Bundesstaaten ist eine Stimmabgabe vor dem eigentlichen Termin zulässig, ob per Brief oder in bereits früher geöffneten Wahllokalen, wo etwa der scheidende Amtsinhaber Barack Obama seine Stimme abgab.

Zahlen der US-Statistikbehörde zeigen, dass "Early voting" immer beliebter wird: Nutzten 1996 nur etwas mehr als ein Zehntel der Wähler die Alternativen zum klassischen Urnengang, gaben 2012 fast ein Drittel der Berechtigten ihre Stimme früher ab. In drei Bundesstaaten - Colorado, Oregon und Washington - gibt es heute nur noch die Briefwahl. "Bis zu 40 Prozent der Wähler geben da, wo es möglich ist, ihre Stimme früher ab", sagte Neil Newhouse, ein Mitarbeiter des ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney.

Den meisten Umfragen zufolge führt Clinton vor Trump, einen Rückschluss auf das endgültige Ergebnis lässt das aber nicht zu. Das steht am Mittwoch, den 9. November, fest.

Unterdessen stehen mögliche Verfehlungen der Clintons in der Vergangenheit im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das FBI hat am Dienstag den schon im Jahr 2005 verfassten Untersuchungsbericht zu einem Gnadenerlass von Ex-Präsident Bill Clinton veröffentlicht. Dabei geht es um eine umstrittene Amnestieentscheidung für den Börsenmakler Marc Rich. Dieser war von Bill Clinton am letzten Tag seiner Präsidentschaft 2001 begnadigt worden. Der mittlerweile verstorbene Steuerflüchtling hatte sich in die Schweiz abgesetzt und war vom FBI zur Fahndung ausgeschrieben. Die Amnestie war von Kritik begleitet, weil Richs Ex-Frau Denise zuvor großzügige Spenden an die Clintons und die Demokratische Partei gemacht hatte. Bei der Begnadigung seien "offenbar die Standards und Verfahren für Amnestien nicht eingehalten worden", heißt es in den FBI-Unterlagen. Es ist davon auszugehen, dass die Sache Hillary Clinton im Finale ihres Wahlkampfes schadet.

Gefundenes Fressen für Trump

Nachdem das FBI auch Untersuchungen zu Hillary Clintons E-Mail-Affäre ausgeweitet hat, sorgen die Veröffentlichungen für Kritik. Clinton-Sprecher Brian Fallon sprach von einem "seltsamen Vorgang". Das FBI betont, man habe die Unterlagen zum Fall Rich "gemäß der Standardprozedur automatisch und elektronisch veröffentlicht", weil es dazu Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz gegeben habe.

Für Donald Trump sind die bestellten Veröffentlichungen ein gefundenes Fressen. Er sieht sich in seinen Korruptionsvorwürfen bestätigt. "Die Clintons stehen für die schäbige Vergangenheit, und wir werden die helle und saubere Zukunft sein", frohlockt der Tycoon. "Sperrt sie ein", skandieren seine Anhänger.

Zuletzt könnten es aber die Frauen sein, die Trumps Niederlage besiegeln. Laut letzten Umfragen hat Hillary Clinton beim weiblichen Geschlecht einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten. Clinton würde 458 Simmen aus dem "Wahlmänner-Kollegium" - dieses wählt laut dem veralteten US-Wahlrecht offiziell den Präsidenten - erhalten, wenn nur Frauen abstimmen dürften. Trump erhielte nur 80. Dürften nur weiße Frauen wählen, hätte Donald Trump knapp die Nase vorn.