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Edmond Farhat

Von Andreas Unterberger

Reflexionen

Erzbischof Edmond Farhat, der scheidende Apostolische Nuntius in Österreich, zieht eine Bilanz seiner Zeit in Österreich und nimmt Stellung zu den aktuellen Krisen und Problemen der katholischen Kirche.


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Wiener Zeitung: Was ist am Ende Ihrer Amtszeit Ihre Bilanz über die Kirche in Österreich? Erzbischof Edmond Farhat: Ich fühle mich als ein lebendiger Teil der Kirche in Österreich. Ich habe viel Gutes in Österreich erlebt und bin begeistert über die Möglichkeiten, die wir hier noch haben. Aber auch die Gefahren sind groß - nicht weil die Menschen nicht hören wollen, sondern weil es manchmal schwierig ist, die richtige Sprache zu finden, den Glauben zu vermitteln.

Erzbischof Farhat im Gespräch mit Andreas Unterberger, dem Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Fotos: Robert Newald

Was sind das für Schwierigkeiten?

Jede Zeit hat ihren eigenen Stil und ihre methodologischen Vorlieben. Vielleicht haben wir noch nicht den angemessenen Sprachstil für die heutige Zeit gefunden.

Wer ist schuld an diesem Defizit?

Niemand ist schuld daran. Es geht hier vielmehr um eine Entwicklung in der gesamten Weltkultur. Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, eine Pause einzulegen, zu überlegen, nachzudenken und uns zu fragen, wohin wir eigentlich gehen.

In den nächsten Jahren werden vier weitere Bischofsbestellungen in Österreich stattfinden. Haben Sie da schon Vorbereitungen getroffen?

In drei Jahren habe ich die Ernennung von vier Weihbischöfen für Österreich vorbereitet. Man muss die Zeit arbeiten lassen. Die nächsten Ernennungen betreffen die Arbeit meines Nachfolgers. Der Prozess der Ernennung eines Bischofs ist nicht einfach. Teil dieses Prozesses ist eine ausführliche und breit angelegte Befragung, für die höchste Diskretion gilt, um niemanden zu beschädigen und um keine falschen Hoffnungen zu wecken. Es geht um die Auswahl von geeigneten Personen, von priesterlichen Persönlichkeiten, die den Kriterien, die das Kirchenrecht nennt, voll entsprechen. Wenn jemand heute zum Bischof ernannt wird, heißt das nicht, dass die anderen nicht fähig wären. Es heißt nur, dass die ausgewählte Person für diese Zeit und in dieser Situation für diese Diözese passender erscheint.

Die Nominierung des neuen Linzer Weihbischofs ist innerhalb und außerhalb der Kirche als ein demonstrativ konservatives Signal interpretiert worden.

In der Kirche gibt es immer zwei Dimensionen, die ihr Wesen ausmachen: einerseits die Bewahrung der Schätze des Glaubens, den wir von Christus bekommen haben. Andererseits muss die Kirche immer auch eine neue Form und Sprache der Verkündigung für die Menschen der heutigen Zeit finden. Die Erfahrung, die man mit Dr. Gerhard Wagner als Pfarrer von Windischgarsten 20 Jahre lang gemacht hat, und die Früchte seines Wirkens zeigen, dass er diese zwei Eigenschaften gut miteinander verbinden kann. Er beherrscht auch die Kommunikation, sonst wäre seine Kirche nicht immer so voll und er hätte nicht solch positiven Anklang bei vielen Jugendlichen. Wenn man heute jemanden als konservativ einschätzt, der treu zum Evangelium, zum Papst und zur Mission der Kirche ist, dann sind mir alle diese Konservativen willkommen.

Mehrfach wurde dem Vatikan vorgeworfen, dabei einen Dreiervorschlag ignoriert zu haben.

Der Diözesanbischof und auch die Bischofskonferenz stellen dem Heiligen Stuhl eine Liste von Kandidaten zur Verfügung, die ihrer Meinung nach geeignet sind für das Bischofsamt. Die positive Aufnahme des neuernannten Weihbischofs durch Diözesanbischof Ludwig Schwarz und die anderen österreichischen Bischöfe zeigt deutlich, dass diese Spekulationen nicht zutreffen und dass sie sehr wohl in den Prozess der Findung des geeigneten Kandidaten für Linz einbezogen waren.

Kardinal Schönborn hat Beratern des Papstes bei der Aufhebung der Exkommunikation von vier "Bischöfen" der Pius-X-Bruderschaft Fehler vorgeworfen. Sehen Sie auch Fehler?

Diese Nuntiatur ist nicht vertraut mit den Abläufen, die in den mit der Frage betrauten vatikanischen Dikasterien zur Entscheidungsfindung geführt haben. Die Diskussionen und Reaktionen scheinen mir so emotional und wenig rational zu verlaufen, dass sie zu einem Missverständnis geführt haben. Die Aufhebung der Exkommunikation bedeutet nicht automatisch die vollkommene Versöhnung mit der Kirche. Der Weg dahin ist noch lang und voller Hindernisse. So verstehe ich die Meinung des Kardinals.

Angenommen, die österreichische Politik sagt, Sie haben zum Abschied einen Wunsch an den Gesetzgeber frei. Welchen Wunsch würden Sie äußern?

Die offiziellen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Österreich sind sehr gut. Ich bin positiv überrascht, dass ich für die Anliegen der Kirche bei den staatlichen Behörden immer ein offenes Ohr gefunden habe. Es ehrt mich besonders, dass vor allem auch Bundespräsident Dr. Heinz Fischer immer großes Verständnis und Wertschätzung für mein Amt als Vertreter des Heiligen Vaters gezeigt hat. Eine seiner großzügigen Gesten ist, dass er mir das "Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich" verliehen hat.

Meine Frage zielte auf den Gesetzgeber ab.

Dort braucht es vielleicht mehr Aufmerksamkeit für die Familie. Die natürliche Familie ist die Kernzelle des gesellschaftlichen Lebens. Sie ist auch die Garantie für die Zukunft der Kirche und des Landes. Es muss daher mehr Aufmerksamkeit, mehr konstruktive Politik und mehr Ermutigung für junge Menschen geben, die eine Familie gründen wollen, auch durch soziale und materielle Anreize. Ich wünsche mir mehr Kinder für Österreich. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, müssen wir uns mit ihr freuen. Man muss ihr mit verschiedenen Mitteln helfen, damit sie frei entscheiden kann, ob sie daheim bei ihren Kindern bleiben will, ohne dadurch beruflich benachteiligt zu werden.

Vor 30 Jahren hätte wahrscheinlich sowohl ein Nuntius wie auch ein Wiener Erzbischof auf diese Frage eine Antwort formuliert, in der primär das Wort Abtreibung vorkommt.

Kardinal König hat einmal gesagt: Die Abtreibung ist eine große Wunde. Diese Wunde blutet leider immer mehr. Die Gesellschaft beginnt, die negativen Konsequenzen zu begreifen, auch demographisch gesehen. Wenn es stimmt, dass es in einem Land mit 8,5 Millionen Einwohnern nach offiziellen Angaben 40.000 bis 45.000 Abtreibungen pro Jahr gibt, dann macht dies mir mehr als große Sorgen, es macht mir Angst.

Es kann nicht sein, dass man Babies abtreiben darf, nur weil sie nicht schreien oder sich nicht wehren können. Es handelt sich immer um eine Person, die man tötet. Die Bevölkerung in Österreich und auch allgemein in Europa altert und schrumpft. Wo bleibt der Nachwuchs? Die Gesellschaft braucht Kinder.

Ist Österreich Ihrer Meinung nach noch ein katholisches Land?

In Österreich spürt man noch die christliche Kultur. Aber diese Art von Kultur ist nicht genug. Es wird sie nicht mehr lange geben, wenn sie nicht wieder einen konkreten Inhalt und eine geeignete Form erhält. Dafür braucht man eine Ausbildung. Die Jugend lernt heutzutage wenig über den christlichen Glauben, sie weiß wenig von Christus und von der Kirche. Alle, die die Kirche kritisieren, wollen Recht haben, aber sie wissen wenig über die Kirche und gehen auch nicht in die Kirche. Daher verstehen sie nicht, warum man manchmal "Ja" sagen kann, aber auch manchmal "Nein" sagen muss. Heute tut sich die Kirche als Hierarchie schwer, "Nein" zu sagen. Man muss aber ab und zu auch "Nein" sagen können. Es gibt manchmal einen Mangel an Autorität, der sich nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Kirche widerspiegelt. Autorität ist aber nicht Autoritarismus.

Aber was sind die Ursachen dessen, was Sie da so pessimistisch sehen? Sind das etwa Folgen des großen Wohlstands?

Ich höre immer dieses Argument als Vorwand für das Erkalten des katholischen Glaubens. Aber warum leiden andere Religionen nicht unter diesem Wohlstand? Warum haben sie mehr Elan?

Da denken Sie offenbar vor allem an den Islam?

Zum Beispiel. Warum läuft das kleine islamische Mädchen hier stolz mit seinem Kopftuch herum, während der junge Katholik nicht einmal mehr ein Kreuzzeichen machen kann? Beide leben im gleichen Umfeld, gehen in dieselbe Schule, haben dieselben Bedingungen.

Am Ende dieses Jahrhunderts wird Österreich, wie auch andere europäische Länder, wahrscheinlich eine moslemische Bevölkerungsmehrheit haben.

Es ist nicht so sicher, dass die Bevölkerungsmehrheit in Europa muslimisch sein wird. Prognosen müssen nicht immer stimmen. Der religiöse Glaube ist auch ein Ausdruck der kulturellen Reife. Auch wenn heute der Säkularismus dominiert, heißt es nicht, dass in der Zukunft die christlichen Wurzeln in Europa nicht wieder neu sprießen werden. Was den Islam betrifft, müssen wir zwischen Muslimen und der Lehre des Islam unterscheiden. Die Muslime sind achtungswürdige und fromme Menschen. Man muss jedoch nicht alles annehmen, was sie als Glaubenslehre darstellen.

Das sind auch kulturelle Elemente?

Ja, aber das Problem beginnt beim Liberalismus im Westen. Man führt heute auch viele Dialoge mit dem Islam, ohne ihn wirklich zu kennen. Wenn man eine schwierige theologische Frage anspricht, sagen die Muslime sofort, dies und jenes geht nicht, weil alles, was sie glauben, ihrer Ansicht nach von Allah im Koran so diktiert sei. Im Westen hingegen haben wir eine andere Vorstellung von der Welt. Viele haben jedoch nicht den Mut, und es mangelt ihnen an Wissen, um über die weltanschaulichen Differenzen mit dem Islam auf theologischer und philosophischer Ebene zu diskutieren. Der Westen scheint Angst vor dem Islam zu haben. Angst ist aber nie ein guter Ratgeber. Man zeigt Sympathie, um keine Probleme mit dem Islam zu haben. Die Probleme sind aber nicht damit gelöst, dass man sie aufschiebt.

Sie kommen ja selbst aus dem Libanon, wo diese Polarität zwischen Christen und Moslems eine viel längere Geschichte hat. Sind denn dort die Christen besser imstande, mit dem Islam zu reden?

Wir haben dort gut zusammengelebt. Als ich jung war, hatte die Kirche die besten Schulen. Die meisten Mitschüler waren Muslime und unsere Ausbildung erfolgte auf Arabisch, der Sprache des Korans. Wir haben keine Spannung erlebt. Der Araber ist von Natur aus emotional, aber die emotionalen Ausbrüche dauern nicht lange. Das große Problem ist durch die Politik entstanden, wegen des ungelösten Israel-Palästina Konflikts. Leider ist dieser Konflikt noch weit von einer Lösung entfernt. Die arabischen und muslimischen Emotionen und Frustrationen sind auf dieses Problem wie auf einen Magnet ausgerichtet.

Das Zusammenleben ist heute nicht mehr so gut?

Die Gründe des langen Krieges im Libanon ( Anm.: von 1975 bis in die 1990er Jahre ) können wir bis heute nicht verstehen. Seither gibt es Spannungen zwischen Christen und Muslimen. Die Christen waren früher mehr westlich orientiert. Solange sie eine Allianz mit dem Westen hatten, konnten sie das noch. Plötzlich haben sie aber bemerkt, dass sie allein waren wie ein Schiff im Meer. Heute ist die Situation umgekehrt: es gibt mehr Christen im Libanon, die von der westlichen Politik enttäuscht sind, und mehr Muslime, die sehr westlich orientiert sind, sowohl aus kulturellen als auch aus ökonomischen Gründen. Die Muslime fürchten nicht die Säkularisierung Europas, weil sie überzeugt sind, in der Demokratie ihre Religion durchsetzen zu können. Die Christen im Libanon hingegen sind schockiert über den säkularisierten Westen.

Zurück nach Österreich. Hier ist eine alte Kontroverse wieder aufgelebt, nämlich um die Enzyklika Humanae Vitae. Obwohl der jetzige Papst das Thema Empfängnisverhütung nicht in den Vordergrund rückt, ist von österreichischen Bischöfen kritisiert worden, dass ihre Vorgänger von dieser Enzyklika abgerückt seien, indem sie in Maria Trost die Gewissensentscheidung bei der Anti-Baby-Pille erlaubt haben.

Als ich von dieser Diskussion gehört habe, habe ich die Enzyklika Humanae Vitae wieder gelesen und auch die Mariatroster Erklärung. Die Lehre der Kirche bleibt immer dieselbe. Papst Johannes XXIII. sagte, man muss zwischen Sünde und Sünder unterscheiden. Die Sünde kann man nicht akzeptieren, aber der Sünder braucht Respekt, Aufmerksamkeit und Ermutigung zur Umkehr.

Heißt das jetzt, dass Sie gar keinen Widerspruch zwischen Humanae Vitae und der Mariatroster Erklärung sehen?

Die Mariatroster Erklärung ist eine pastorale Erklärung für die Gläubigen. Die Enzyklika Humane Vitae hingegen zeigt auf, was die Gläubigen vermeiden sollen. Humanae Vitae zeigt in objektiver Weise, dass der Mensch mit Gott mitarbeiten muss, um das Leben zu schützen. Es geht um das Leben, und das Leben gehört Gott, dem Schöpfer. Die Mariatroster Erklärung hingegen versucht, mit pastoraler Sensibilität dem Gläubigen zu helfen, diese Lehre umzusetzen, indem sie an sein gebildetes Gewissen appelliert. Das heißt nicht, dass ich entschuldigt bin, aber ich muss versuchen, den besten Weg für ein würdiges Leben zu finden.

Eine weitere Sorge vieler Gläubiger ist der Priestermangel. Von Priester- und Laiengruppen werden verschiedene Vorschläge wie Viri probati, die Priesterweihe für gereifte Ehemänner eines gehobenen Alters, gemacht. Die Bischöfe haben sofort geantwortet: Das seien Fragen der Gesamtkirche, nicht eines österreichischen Bischofs. Und was antwortet der Vertreter der Gesamtkirche?

Das Argument, das häufig vorgebracht wird, um Viri probati zu Priestern zu weihen, ist einerseits der Mangel an Priestern und andererseits das Recht des Gottesvolkes auf die Eucharistie am Sonntag. Auch wenn die Priester immer weniger werden, darf ich hier eine Kritik äußern. Ich verstehe nicht, dass heute in Österreich eine Pfarre ohne Heilige Messe am Sonntag bleibt. Ein Priester kann mit seinem Wagen viele Kilometer von einer Pfarrkirche zur anderen fahren und auch zwei oder drei Messen lesen. In anderen Ländern wie auch im Libanon ist das kein Problem. Es spricht nicht gegen das Kirchenrecht oder gegen die Tradition, dass ein Priester zwei oder drei Messen am Sonntag für das Volk und mit dem Volk feiert.

Also braucht es Ihrer Meinung nach keine Viri probati, obwohl durchaus viele Priester über diese Belastung des Herumfahrens klagen?

Die Frage der Viri probati ist kein wirklich theologisches Problem. Es gibt auch hier in Wien verheiratete Priester des orientalischen Ritus, die in Pfarren zelebrieren, ohne dass es einen Skandal gibt. Vor zwei Jahren wurde in Wien auch ein evangelischer Pastor, der Frau und Kinder hat, zum katholischen Priester geweiht.

Die Frage der Viri probati betriff jedoch die Weltkirche. Wenn die Weltkirche unter der Führung des Papstes diesbezüglich eine Entscheidung trifft, steht dem kein Dogma entgegen. Aber diese Frage kann nicht von Politikern und Journalisten beantwortet werden.

Aber im Grund meinen Sie, es gebe ohnedies eine ausreichende Anzahl an Priestern, wenn man das organisatorisch löst.

Das ist meine Überzeugung. Mit der Anzahl der Priester in Österreich kann heute noch jede Pfarre am Sonntag und an den Feiertagen eine Messe bekommen.

Und den Priester- und Laien-Initiativen empfehlen Sie zu schweigen?

Ich habe kein Recht, jemandem das Schweigen zu empfehlen. Alle Initiativen sind gut, wenn sie etwas Positives bewegen. Damit die Initiativen in der Kirche positive Früchte tragen können, müssen aber alle miteinander einen tiefen theologischen und philosophischen Dialog führen. Nicht alle, die heute über kirchliche Fragen diskutieren, achten genug auf die Tradition und setzen sich genug mit der Lehre der Kirche auseinander.

Bewegung heißt aber auch, Vielfalt in der Kirche zu akzeptieren, was der Vatikan nicht immer tut.

Die Kirche ist mit sich selbst kohärent und steht treu zu Jesus Christus, der die Kirche gesendet hat, um die frohe Botschaft zu verkünden. Wie der Heilige Paulus sagt, gibt es viele Charismen und viele Ämter, aber nur einen Leib. Die verschiedenen Funktionen und Charismen schaffen eine Vielfalt in der Einheit. Diese Vielfalt darf aber nicht zur Spaltung führen.

Ist es wirklich wahr, dass der Vatikan nicht auf die Anderen hört, oder sind es nicht eher die Anderen, die vorschnell über den Vatikan urteilen? Die kirchlichen Dokumente werden nur wenig gelesen, die Antworten der Kritiker hingegen werden schnell erteilt. Es gibt heute in der Kirche eine subtile Tendenz, bewusst oder unbewusst, eine neue antirömische Kultur zu schaffen. Man spricht viel vom "Konzil", von der "Liturgie", man zitiert aber selten Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Liturgie, um damit die eigene Kritik zu begründen. Viele Priester stehen heute unter dem Druck einer bestimmten Lobby und glauben, andere Meinungen übernehmen zu müssen, um "modern zu sein". Sie distanzieren sich jedoch langsam von der gesunden Lehre der Kirche, ohne dass sie es überhaupt merken. Als Mutter und Lehrerin (Mater et Magistra) weiß die Kirche, was ihre Kinder brauchen, und die Kinder müssen ihrer Mutter vertrauen.

Ihr Abschiedswunsch für Österreich?

Europa braucht Österreich, die Welt braucht Europa. Die Welt braucht auch die christliche Botschaft. Ich wünsche mir, dass Österreich seine christliche, seine katholische Identität nicht verliert. Wir müssen keinen Komplex haben, nur weil wir katholisch sind. Die Katholiken sollten mehr Selbstbewusstsein, Mut und Freude verbreiten. Der Schmerz von heute bereitet die Freude von morgen vor, sagt der Apostel Paulus. Christus hat uns frei gemacht. Menschen in der katholischen Kirche haben in der Geschichte viele Fehler gemacht, aber die Bilanz ist trotz aller Fehler doch positiv. Es gibt keine Institution, die über eine bessere Bilanz auf kultureller, politischer, religiöser und humanistischer Ebene verfügt als jene der katholischen Kirche.

Zur Person

Erzbischof Edmond Farhat ist mit Krisen vertraut. Während der heißen Phase des Terrors, von 1989 bis 1995, war er Nuntius in Algier. Damals fand der Kirchendiplomat oft undiplomatisch deutliche Worte, um die Gleichgültigkeit gegenüber der Katastrophe in Algerien anzuprangern.

Mit der islamischen Welt verbindet den 75-Jährigen nicht nur sein Herkunftsland, der Libanon. Nach Studien der Theologie, Philosophie und des kanonischen Rechts in Paris und Rom lehrte er Islamisches Recht an einer italienischen Universität. Farhat gehört der Kirche der Maroniten an. Die nach dem Heiligen Maron, einem Mönch des 5. Jahrhunderts, benannten Maroniten stehen seit dem 13. Jahrhundert in voller Kirchengemeinschaft mit Rom.

In den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls kam Farhat 1989. Neben Algerien waren seine weiteren Stationen: Tunesien und Libyen, Slowenien und Mazedonien, Turkmenistan und die Türkei, an deren Politik gegenüber den nichtmuslimischen Minderheiten er scharfe Kritik übte. 2005 löste er den Deutschen Georg Zur als Apostolischer Nuntius in Wien ab. Nun geht seine Tätigkeit zu Ende.

Zu den Höhepunkten seines Wirkens gehörte der Papstbesuch in Österreich 2007.