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Eigenes Schulfach für psychische Gesundheit

Von Petra Tempfer

Politik
Auf eine Schulpsychologin kommen aktuell 1.677 Schüler, die diese betreut.
© stock.adobe.com / VectorBum

Bis sie zu einem Psychotherapeuten oder Psychiater kommen, müssen Kinder und Jugendliche derzeit monatelang warten.


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Seit etwa einem halben Jahr hat Nicole Suizidgedanken. Sie ist 13 Jahre alt, hat einen Suizidversuch hinter sich und wollte, als sich ihre Situation angesichts des nahenden Schulbeginns verschlechterte, endlich Hilfe suchen. Als Akutfall eingestuft, wurde sie zur Krisenintervention in die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen. Allerdings nur für zwei Tage. Dann wurde sie entlassen mit dem Hinweis, sich in stationäre Behandlung zu begeben, um einen Therapieplan ausarbeiten zu lassen. Allein: Für einen stationären Aufenthalt gibt es sechs bis neun Monate Wartezeit. Als Überbrückung könne man sich ja im niedergelassenen Bereich behandeln lassen, hieß es. Wartezeit: drei Monate. Dann eben eine kassenfinanzierte Psychotherapie. Die Wartezeit liegt hier ebenfalls bei sechs bis neun Monaten.

Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sei gerade jetzt, im zweiten Jahr der Pandemie, besonders gefährdet, hieß es am Mittwoch bei einem gemeinsamen Pressegespräch der Österreichischen Gesellschaft für Psychotherapie, der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, bei dem auch die eingangs erwähnte Betroffene zitiert wurde. Die Versorgung sei jedoch extrem mangelhaft. Die Situation spitze sich immer mehr zu, sagte Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie. Jeder zweite Jugendliche in Österreich leide an depressiven Symptomen, und jeder sechste habe Gedanken, nicht mehr leben zu wollen.

Weit hinter WHO-Vorgaben

Die Anzahl der Mädchen, die bei einer Umfrage innerhalb der vergangenen zwei Wochen Suizidgedanken hatten, erhöhte sich von 20 Prozent im Herbst 2021 auf 47 Prozent im Frühjahr 2022, sagte Haid. Das hat eine Umfrage der Donau Uni Krems ergeben. Genauso viele hätten damals angegeben, dass sie professionelle Unterstützung bräuchten. Besonders deutlich hat sich die Situation laut Haid in Familien mit einem niedrigen sozioökonomischen Status, mit Migrationshintergrund oder beengten Wohnverhältnissen verschlechtert.

Demgegenüber stehen die blanken Zahlen: Der Versorgungsgrad der Kinder und Jugendlichen hinsichtlich Psychotherapie sollte laut der Weltgesundheitsorganisation WHO fünf Prozent betragen - in Österreich sei es ein Prozent, so Haid. Anders ausgedrückt: Für 17.000 Kinder und Jugendliche gebe es psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten, nur die Hälfte von diesen sei kassenfinanziert. Insgesamt müsste es aber Möglichkeiten für fünfmal so viele, also für 86.000 Kinder und Jugendliche, geben. Auf die psychiatrische, stationäre Betreuung entfallen 400 Plätze, ergänzte Kathrin Sevecke, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Es müssten jedoch doppelt so viele sein, um den Bedarf zu decken.

Eigenes Schulfach schaffen

Was die Schule betrifft, so kämen auf eine Schulpsychologin aktuell 1.677 Schüler, die diese betreut, sagte Mira Lobnig, Mitinitiatorin der Jugend-Mental-Health-Initiative "Gut, und selbst?". Insgesamt stünden den 1,1 Millionen Schülern nur 181 Schulpsychologen gegenüber.

Zentrale Forderungen der Gesellschaft für Psychotherapie gemeinsam mit der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie sind daher, ein eigenes Schulfach für die psychische Gesundheit zu schaffen und vor allem ehestmöglich das Schulgesundheitspersonal aufzustocken. Neben Schulärzten und -psychologen sollten an jeder Schule Psychotherapeuten, Sozialarbeiter und mehr Vertrauenslehrer tätig sein. Gleichzeitig solle die Fortbildung für Lehrer in diesem Gebiet forciert und dieses auch gleich in die Ausbildung integriert werden.

Es gibt zwar das Pilotprojekt "fit4SCHOOL-psychotherapeutische Beratung in der Schule", dieses wird jedoch nicht von der öffentlichen Hand, sondern teils vom Elternverein, teils von den Schulen selbst bezahlt. Die Politik hat angesichts des sich seit längerer Zeit abzeichnenden Versorgungsmangels allerdings auch schon mehrmals reagiert. So wurde die Anzahl der Schulpsychologinnen in der Vergangenheit verdoppelt, und unterschiedliche Projekte wie "Gesund aus der Krise" wurden gestartet. Für Letzteres stellte das Ministerium im Zuge der Covid-19-Pandemie 2021 rund zwölf Millionen Euro zur Verfügung, um niederschwellige, kostenlose psychische oder therapeutische Unterstützung bieten zu können.

Als Abwicklungsstelle tritt der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen in enger Kooperation mit dem Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie auf. Etwa 5.000 Kinder und Jugendliche nehmen diese Form der Unterstützung laut Haid derzeit in Anspruch. Weiters soll es über die Gesundheitskasse bis 2023 300.000 zusätzliche Psychotherapiestunden geben.

Psychotherapeuten gäbe es

Das alles sei jedoch wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, so Haid. Aus einmaligen Hilfen müssten regelmäßige werden, und Pilotprojekte müssten in den Regulärunterricht übernommen werden. Vor allem sei die Schule gerade jener Ort, an dem man präventiv tätig werden und psychische Probleme rechtzeitig erkennen könnte. Langfristig ließe sich damit auch das Gesundheitssystem entlasten.

Und woher soll man das Personal für den geforderten Mehrbedarf nehmen - an Schulen ist ja derzeit zum Beispiel der Lehrermangel großes Thema? "Psychotherapeutinnen und -therapeuten für Kinder und Jugendliche gäbe es jedenfalls genug", sagte dazu Haid. Man müsste lediglich die bestehenden Modelle erweitern.

Hilfe für Kinder und Jugendliche:

Rat auf Draht: 147

www.suizid-praevention.at

Infos für Jugendliche gibt es unter www.bittelebe.at

www.gesundheit.gv.at/leben/