Zum Hauptinhalt springen

Ein brillanter Verkäufer ohne Umsatz

Von Clemens Neuhold

Wirtschaft

Porträt: Rudolf Haberleitner und die Chronik eines angekündigten Scheiterns.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. Am Anfang stehen leere Geschäfte in ungünstigen Lagen mit hoffnungslosen Verkäuferinnen. Das ist Schlecker vor einem Jahr. Dann kommt Rudolf Haberleitner (67) und macht aus 900 Drogerien einen modernen Nahversorger namens Dayli. Dort kommen die Menschen wieder zusammen wie früher beim Greißler und kaufen sich vom Frühstücksweckerl übers Waschmittel, den Plasmafernseher bis hin zum Auto alles, was das Herz begehrt. Haberleitner öffnet auch am Sonntag und exportiert sein Konzept so erfolgreich ins Ausland, dass er Dayli schon 2014 erfolgreich an die Börse bringen kann. Mission erfüllt.

Am Ende stehen leere Geschäfte in ungünstigen Lagen mit hoffnungslosen Verkäuferinnen. Keine Sonntagsöffnung, keine Renaissance des Greißlers, keine Börse. Das ist Dayli heute. Das ist die Realität. Alles andere dazwischen sind bloß Visionen eines Mannes, der es verstand, diese zu verbreiten - mit Geschichten, die teils schwer zu überprüfen waren. Wochenlang will er mit einem britisch-polnischen Investor über eine rettende Geldspritze verhandelt haben. Dann war es plötzlich ein polnischer Drogerie-Artikelhersteller. Keine Details, keine Namen. Etliche Studien und Hunderte persönliche Briefe hätten ihn in seinem Konzept bestärkt, sagte Haberleitner am Start von Dayli. "Ich glaube nicht an das Vorhaben", sagte zur gleichen Zeit der bekannte Handelsexperte, WU-Professor Peter Schnedlitz. "Gerade am Land hat die Mobilität zugenommen", zerstörte Wirtschaftskammer-Experte Rene Tritscher die neue Idylle beim Dorfgreißer schon zu Beginn.

Als Haberleitner Neutralität abschaffen wollte

Von so etwas ließ sich Haberleitner, der Sanierer, dessen Karriere bis auf eigene Angaben und dokumentierte Fälle aus den 1980er Jahren eher im Nebel verlief, nicht irritieren. "Haberleitner will jeden Tag zehn Tonnen stemmen, und zwar alleine", charakterisiert ihn einer, der mit ihm zu tun hatte. Er wollte die Sonntagsöffnung im Alleingang durchsetzen. Das ist ein Brocken, der mit der Abschaffung der Neutralität vergleichbar ist. Haberleitner musste wissen, dass man gegen eine Allianz aus Kirche, Gewerkschaft, Politik scheitert und probierte es trotzdem. Er sperrte auf und wenige Tage später sperrte die (h)eilige Sonntagsallianz wieder zu.

Haberleitner muss spätestens dann begonnen haben, an den eigenen Visionen zu zweifeln. Doch er erzählte sie in abgewandelter Form weiter, drohte mit der Abwanderung nach Deutschland und legte sich die Schuldigen zu Recht, falls sein Konzept nicht aufgehen sollte: Alle - von den Gewerkschaften, über die Banken bis hin zu Politikern und Medien.

Für die Medien war er anfangs noch persönlich am Handy erreichbar, zu jeder Tag- und Nachtzeit, um Dinge zu erzählen wie: "Ich will die totalen Nahversorger." Oder: "Ich will den ganzen Balkan." Heute kommuniziert er nur noch über eine PR-Agentur.