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Ein Bruderzwist im Hause Israel

Von Christa Karas

Politik

Oft sind die lächerlichsten Meldungen am entlarvendsten, wie etwa jene über eine Pressekonferenz, bei der Israels Oberrabbiner Meir Lau das jüngst erlassene Verbot von Weihnachtsbäumen und - | schmuck in israelischen Hotels rechtfertigte: Der Weihnachtsbaum werde von den Christen im Rahmen einer religiösen Zeremonie angebetet; einem Juden sei es wegen des Götzendienstverbotes untersagt, | das zu sehen oder daran teilzunehmen. Darauf hingewiesen, dass der Weihnachtsbaum kein Objekt der Anbetung, sondern lediglich des Brauchtums sei · wie etwa die Krapfen beim Chanukkafest ·, meinte | Rabbi Lau: "Ich bin doch nicht verpflichtet, alle Einzelheiten der christlichen Religion zu kennen, so wie ich vom Papst nicht erwarten kann, dass er alle Feinheiten der Koschergesetze kennt." Und | hielt am Weihnachtsbaum-Verbot fest.


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Die Anekdote, die man unter das Stichwort "Ignoranz" einreihen könnte, hat freilich einen ernsten Hintergrund, nämlich jenen der zunehmend stärker werdenden Orthodoxie im Judentum, auf den Theodor

Much und Karl Pfeifer in einem jüngst erschienenen Buch eingehen. Es hat den Titel "Bruderzwist im Hause Israel" und ist von der großen Sorge der Autoren · zwei weltoffenen, liberalen Juden · um die

zukünftige Entwicklung nicht nur Israels, sondern des Judentums an sich getragen.

Much und Pfeifer werfen dabei eine Vielzahl von Fragen auf: Wie sehr bedrohen politischer Fanatismus und religiöser Fundamentalismus die Demokratie in Israel? Was bedeutet das für das an sich

pluralistische Judentum weltweit? Wo verlaufen die Konfliktlinien zwischen orthodoxem und nicht orthodoxem Judentum? Was sind die Ursachen und die historisch-religiösen Hintergründe für die

Auseinandersetzungen, die zum Teil auch gewaltsam ausgetragen werden?

Doch es sind nicht nur die in dem Buch behandelten, brennend aktuellen politischen Probleme wie etwa die Auswirkungen auf den Friedensprozess mit den Palästinensern und die Stabilität der Demokratie

in Israel, die auch für Nichtjuden von großem Interesse sind. Vielmehr liefern die Autoren einen weiteren Beweis, wie schwer es tolerante Systeme stets im Umgang mit Intoleranz haben: Auch der

bevorstehende Milleniumswechsel ändert nichts an der grundsätzlichen Feindschaft, mit der sich die "offene Gesellschaft" seit ihren Anfängen vor rund 2.500 Jahren konfrontiert sieht.

Im Falle Israels ist dies besonders bedrückend, galt es doch bis vor kurzem als hervorragendes Beispiel für den "modernen Staat" schlechthin · und das obendrein unter Nachbarn, die im Hinblick auf

ihre Feudalstrukturen und demokratiepolitischen Defizite gleichermaßen als "zurückgeblieben" anzusehen waren.

Karl Pfeifer dazu in seinem Vorwort: "Im Kibbuz, in dem ich aufwuchs, brachte man uns ein menschenfreundliches, universalistisches Judentum nahe. Man hätte schon ein radikaler Pessimist sein müssen,

um vorauszusehen, dass in Israel · das die Modernität der jüdischen Welt versinnbildlichen sollte · 51 Jahre nach der Staatsgründung aufgrund des wachsenden Einflusses orthodoxer Parteien der

Rechtsstaat ausgehöhlt wird." Und Pfeifer weiter: "Religiöse Toleranz und Demokratie werden von vielen orthodoxen und traditionellen Juden Israels als fremdartig und als grundsätzlicher Gegensatz zu

den eigenen · von Gott gegebenen · Werten und zur verehrten Tradition gesehen. Dies führt zum Konflikt mit der säkularen Mehrheit, und es wäre eine Verharmlosung, wollte man dafür lediglich einige

wenige Fanatiker und Ultraorthodoxe verantwortlich machen."

Tatsächlich sind 67,9 Prozent der israelischen Öffentlichkeit der Meinung, dass der religiöse politische Sektor einen größeren Einfluss hat, als dies wünschenswert wäre. Doch unter dem Eindruck der

"besseren Juden", den sich die Orthodoxen zu verleihen vermochten, befindet sich diese Mehrheit permanent in der Defensive, zumal es keine Verfassung gibt, auf die sie sich stützen könnte.

Vor dem Hintergrund einer Vielzahl an sich schon restriktiver, das Leben der Bürger betreffende Regelungen wie etwa die diskriminierenden Ehegesetze (keine standesamtlichen Trauungen, kein Recht auf

Heirat für Religionslose, Angehörige verschiedener Religionen etc.) konnte sich die orthodoxe Liste "Thora Judentum" denn auch zuletzt offen rühmen, folgende "antireligiöse Gesetze" (zitiert nach

Pfeifer und Much) verhindert zu haben:

Das Gesetz zur Wehrdienstleistung für Jeschiwaschüler (also für Studenten an ultraorthodoxen Einrichtungen, die ausschließlich religiöse Inhalte vermitteln): Derzeit betrifft dies rund

30.000, die vom Militärdienst zurückgestellt sind und deren oft Jahrzehnte dauerndes "Lernen" vom Staat mit Stipendien unterstützt wird. (Nach dem Wahlsieg der rechtsorthodoxen Koalition 1996 war die

Zahl der Jeschiwaschüler sogar auf 193.000 gestiegen, nach Ankündigung einer Überprüfung der Jeschiwot dann aber plötzlich gesunken.)

Das Grundgesetz für Gewissens- und Religionsfreiheit, also die Trennung der Religion vom Staat. (Immerhin charakterisieren sich laut einer Meinungsumfrage unter der jüdischen Bevölkerung

Israels 49 Prozent als "säkular".)

Das Grundgesetz zur Verankerung der Prinzipien der Unabhängigkeitserklärung (in der der säkulare Charakter des Staates festgelegt wurde) sowie das Gesetz zur Anerkennung der Reform und der

Konservativen als religiöse Strömungen (also des nichtorthodoxen Judentums, siehe Theodor Much: "Judentum, wie es wirklich ist", Verlag Kremayr & Scheriau).

Nicht von ungefähr geht es dabei um Eckpfeiler der von Karl R. Popper formulierten "offenen Gesellschaft", zu deren Unterhöhlung bzw. Verhinderung ihre Feinde angetreten sind. Und mehr als einmal

finden sich in den von Much und Pfeifer genannten Beispielen des Agierens Orthodoxer auffällige Analogien zum gewohnten Handeln Rechtsextremer: Etwa wo Beides darauf abzielt, das bestehende

Gesellschaftssystem einerseits in Frage zu stellen und zu diskreditieren, dasselbe System und seine Einrichtungen andererseits aber hemmungslos für die eigenen Zwecke benützt und missbraucht.

Noch augenfälliger werden solche Analogien, wo zur Durchsetzung eigener Auffassungen Gewalt angewendet wird. Und das geschieht neuerdings immer öfter. Sozialer Terror ist darin ebenso vertreten wie

physischer und auf keine Region beschränkt. Und: Säkulare österreichische Juden berichten ebenso von solchen Phänomenen bei ihren Kindern wie israelische oder amerikanische · und von der eigenen

Hilflosigkeit dem gegenüber.

"Meine neuerdings orthodoxe Tochter hat mit ihren Freunden eine Bergwanderung unternommen. Und dann hat ihre Gruppe die nichtreligiöse gezwungen, auf's Mittagessen in der dortigen Hütte zu

verzichten, weil das natürlich nicht koscher war. Argumentiert haben sie das damit, dass die Nichtreligiösen ihnen gegenüber doch die Toleranz aufbringen müssten, ebenfalls zu hungern", so der

authentische Bericht eines vor allem von diesem "Toleranz-Umkehrprinzips" betroffenen Wiener Vaters.

Vom selben Geist getragen, wenn auch von einer anderen Qualität, sind die von Much und Pfeifer geschilderten Überfälle der Haredim insbesondere in Jerusalem, die an Brutalität jenen der

rechtsradikalen Skinheads in nichts nachstehen und die nicht nur mit Billigung, sondern auch mit Unterstützung jeglicher Art seitens ultraorthodoxer Gruppen (insbesondere aus den USA) rechnen können.

Auf dem traurigen Höhepunkt dieser Gewalt finden sich zwei der schwärzesten Kapitel in der jüngeren Geschichte Israels, nämlich das Massaker, das Baruch Goldstein 1994 unter den betenden Moslems in

der Moschee anrichtete (29 Tote, mehr als 100 Verletzte, 23 bei den nachfolgenden Unruhen in Hebron Getötete) sowie Jigal Amirs Mord an Ministerpräsident Jitzchak Rabin, 20 Monate nach diesem

Massaker. Hinter den vorgeblich "verwirrten Einzeltätern" standen nachweislich und ganz massiv religiöse Gruppen, aber auch das völlige Versagen sowohl der Behörden als auch der israelischen

Gesellschaft, die ihre eigene Bedrohung allzu lange nicht wahr haben wollte. Doch so erschreckend die beiden Attentate auch waren · weit schwerer wiegen die in Briefen festgehaltenen Aussagen

ultraorthodoxer Rabbiner, die nicht nur keine Distanzierung dazu zeigten, sondern sie sogar noch · mit ungeheuerlichen und falschen Argumenten · rechtfertigten, wobei sie so weit gingen, aus

Goldstein einen Märtyrer zu machen und aus Amir einen Gerechten, der in Notwehr (!) handelte.

Die "offene Gesellschaft" hat viele Feinde · nicht zuletzt die Orthodoxie und deren Bestrebungen, "die alten Formen des Stammeslebens wiederherzustellen und festzuhalten" (Popper), also die

Restauration einer "geschlossenen Gesellschaft" mit einer Deutung der "Gottheit als Stammesgott" und all den bekannten daraus resultierenden Folgen. Schon Theodor Herzl hatte dies in seinem Werk "Der

jüdische Staat" erkannt und sich vehement gegen eine Theokratie gewandt. (Siehe nebenstehenden Kasten.)

Die "offene Gesellschaft" Israels ist mithin, wie jede andere auch, gefordert, ihre Tugenden zu verteidigen: Den Glauben an die Vernunft, an die Freiheit und an die Brüderlichkeit aller Menschen.