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Ein Damoklesschwert für Diktatoren

Von Norbert Leser

Gastkommentare
Norbert Leser ist emeritierter Professor für Sozialphilosophie und Präsident des Universitätszentrums für Friedensforschung in Wien

Es dauert sehr lange und fordert ungeheure Opfer, den Besessenen der Macht das Handwerk zu legen.


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Das Damoklesschwert schwebte in einer antiken Sage über den Teilnehmern eines üppigen Festmahls, um sie inmitten der Tafelfreuden an die Vergänglichkeit der Macht und alles Irdischen zu erinnern und ihnen den Appetit zu verderben. Es ist nach den Erfahrungen des arabischen Frühlings durchaus als Symbol geeignet für die Machthaber und Diktatoren, die fälschlicherweise meinen, dieser Vergänglichkeit durch Anhäufung von Geld und militärischer Gewalt entrinnen zu können.

Die jüngsten Erfahrungen lehren, dass die Tyrannen nicht nur den Druck von unten, seitens der unterdrückten Massen, zu fürchten haben, sondern auch die Angriffe aus der Luft, die ausländischen Interventionen, letzten Endes aber auch die Macht des Schicksals. Und wenn Gottes Mühlen und die Opfer der Tyrannei auch langsam mahlen, so mahlen sie doch mit unerbittlicher Konsequenz.

Diktatorische Systeme stehen in der Nachfolge der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, des Nationalsozialismus und des Kommunismus, die sich nicht mit der Unterdrückung des eigenen Volkes zufrieden gaben, sondern die Welteroberung und die dauernde Weltherrschaft anstrebten. Und auf dem Höhepunkt der Macht dieser beiden zum Glück miteinander verfeindeten, im Übrigen aber durchaus ähnlichen Systeme sah es so aus, als ob zumindest einer der beiden Hauptkonkurrenten um die Weltherrschaft sein Ziel erreichen könnte.

Jedoch zwang sie die Logik, nach der diese beiden Systeme antraten, zur Selbstüberschätzung und zum Größenwahn, durch den sie letzten Endes selbst zugrunde gingen - freilich unter ungeheuren Opfern und mit Hilfe der Weltmacht USA, die sowohl Adolf Hitler als auch Josef Stalin in ihre jeweiligen Schranken wiesen. Auch die auf ein bestimmtes Territorium beschränkten Diktaturen richten genügend Unheil an, bevor sie, wie die jüngsten Beispiele zeigen, hinweggefegt werden können.

Der österreichische Psychiater Erwin Stransky hat nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges in einem Büchlein mit dem Titel "Psychopathie und Staatsführung" den Vorschlag gemacht, alle Machthaber von Zeit zu Zeit zwangspsychiatrieren zu lassen. Gäbe es eine solche Kontrolle tatsächlich, so wäre der jüngst getötete Muammar Gaddafi zweifellos schon früher abgesetzt und unschädlich gemacht worden.

Aber auch ohne eine solche psychiatrische Untersuchung, die wohl in der Praxis an ihrer Undurchführbarkeit scheitern würde, ist es, wenn auch erst nach langer Zeit und unter ungeheuren Opfern, möglich, die Besessenen der Macht, die laut einem weiteren österreichischen Psychiater, nämlich Hans Strotzka, die stärkste und schlimmste Droge ist, die alle anderen an Suchtwirkung übertrifft, zum Verschwinden zu bringen.

Eine internationale Gerichtsbarkeit ist ein Damoklesschwert mehr, das über den Häuptern der Machthaber schwebt und eines Tages auch auf sie niedersaust. Alle Damoklesschwerter zusammen wirken hoffentlich in Zukunft abschreckend auf Tyrannen ihrer Völker.