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Ein Dauerbrenner: Bankenskandale

Von Peter Muzik

Wirtschaft

Seit 1945 gingen bereits sieben Institute pleite. | Etliche Banken waren aufzufangen. | Anleger müssen oft endlos um ihr Geld zittern. | Eine winzige Wiener Bank, deren Name bisher nur Experten geläufig war, ist in den vergangenen Wochen in arge Turbulenzen geraten: Das Bankhaus Medici, das mit dem Adelsgeschlecht aus Florenz rein gar nichts zu tun hat (die Banco Medici wurde bereits 1478 liquidiert), musste unter staatliche Aufsicht gestellt werden, weil es dem mutmaßlich kriminellen US-Finanzjongleur Bernard Madoff aufgesessen ist und samt seiner betuchten Kundschaft um 3,6 Milliarden Dollar bangen muss.


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"Mein Schmerz ist unerträglich", lautet das einzige überlieferte Statement der Medici-Hauptaktionärin Sonja Kohn (60). Der New Yorker Broker hat ihr jedenfalls über die Thema Asset Management Ltd., die Madoff-Produkte in Europa vertrieben hatte, jahrelang zu ansehnlichen Provisionen verholfen.

Dass Madoff mit einem Schneeballsystem bis zu 50 Milliarden Dollar versenkt haben soll, trifft viele österreichische Anleger, darunter Finanz-Promis wie Ex-GiroCredit-Boss Hans Haumer oder Ex-Bank-Austria-General Gerhard Randa.

Sieben Geldinstitute wurden insolvent

Die Affäre Medici ist indes kein Einzelfall, sondern ein relativ kleines Kapitel in einer langen Skandal-Story: Viele rot-weiß-rote Geldinstitute standen nämlich in den vergangenen Jahrzehnten am Rande der Zahlungsunfähigkeit, ohne dass die Öffentlichkeit davon viel bemerkt hätte.

Einige sind allerdings spektakulär pleite gegangen, was nicht einmal die branchenübliche Solidarität zu verhindern wusste.

Der erste Bankencrash der Nachkriegszeit ist mit dem Namen Peter Krauland verbunden: Der Steirer, der nach 1945 VP-Abgeordneter und Bundesminister für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung war, hatte 1958 nach dem Rückzug aus der Politik das Bankhaus Nicolai erworben. Dieses wurde in Allgemeine Wirtschaftsbank umgetauft, die 1974 in den Konkurs schlitterte - das Verfahren wurde erst fünf Jahre später abgeschlossen.

Seither gingen noch sechs weitere Institute unter. 1998 kam es zum spektakulären Zusammenbruch der Rieger Bank AG, die im Grunde seit 1982 bloß eine bessere Wechselstube war. Ihr Inhaber Wolfgang Rieger hatte jahrelang die Bilanzen gefälscht und gab in Interviews zu Protokoll: "Ich habe das primitivst ausgelackt, eine Null dazugegeben bei den Aktiva, ein paar Nullen abgezogen bei den Passiva." Und niemandem ist das je aufgefallen, auch Hannes Androsch nicht, der damals im Aufsichtsrat gesessen ist.

Die seinerzeit für die Kontrolle zuständige Bankenaufsicht hat offenbar nicht nur dieses eine Mal versagt. So war es für viele unverständlich, dass plumpe Fälschungen jahrelang nicht aufgefallen sind, dass fingierte Saldenbestätigungen und gesetzwidrige Unterschriften akzeptiert wurden.

Auch wenn der damalige Finanzminister Rudolf Edlinger die Rieger-Pleite im Nachhinein als "reinen Kriminalfall" bezeichnete, ist es evident, dass die eingesetzten Staats- und Regierungskommissäre nie etwas mitbekamen. Obendrein waren die Aufsichtsräte der Institute ebenso chancenlos, den Niedergang rechtzeitig zu verhindern wie die Wirtschaftsprüfer - alle hatten offenbar nicht die erforderliche Kompetenz oder das nötige Fachwissen.

Zahlreiche Anleger kamen zum Handkuss: Seit 1995 wurde zwar die Einlagensicherung der Banken und Bankiers GesmbH, die 97 Gesellschaftern gehört, in den vier Fällen BHI, Rieger, Diskont und Trigon aktiv. Die 140 Millionen Euro, die sie springen ließ, machten den Schaden aber nur teilweise gut. Die 534 Gläubiger der Rieger-Bank, die laut OGH-Urteil aus 2007 vom Staat entschädigt werden müssen, warten noch immer auf das Ende des Konkursverfahrens.

Viele Banken mussten gerettet werden

Im Laufe der Jahre sind landauf landab etliche Banken in die Bredouille geraten, ohne insolvent zu werden: In den Achtzigerjahren machte die Raiffeisenlandesbank Burgenland wegen Kreditausfällen von fast 15 Millionen Euro im Zuge der Pleite der Wohnbaugenossenschaft Ost (WBO) einen angeschlagenen Eindruck.

Der Grüne Riese hatte mehrere Pannen zu verkraften: Im Dezember 1994 wurde bekannt, dass die Raiffeisenbank Pötsching infolge eines Großkredits für ein dubioses Immobilienprojekt ihr Eigenkapital aufgebraucht hatte und zeitweise alle Konten sperren müsse. Kaum zwei Jahre danach ratterte die Raika Gols wegen eben dieses Projekts ebenfalls in eine Krise und wurde vom Finanzministerium unter Aufsicht gestellt. Die Malversationen eines Vorstandsdirektors bescherten der Raiffeisen-Bezirksbank Wolfsberg im Jahr 2000 einen Schaden von 32 Millionen Euro - das marode Institut wurde, nachdem es aus dem Raiffeisen-Verband ausgeschlossen worden war, von der Grazer Wechselseitigen Versicherung aufgefangen.

Auch in anderen Banksektoren ging es turbulent zu: Die zum Volksbanken-Sektor gehörende Agudah-Bank, eine weithin unbekannte Mini-Kreditgenossenschaft, wurde 1994 unter Geschäftsaufsicht gestellt. Eine Steuernachforderung der Republik, die doppelt so hoch wie ihre Eigenmittel war, bedeutete fast das Aus. Die Volksbank Niederösterreich-Mitte erlebte 1998, nachdem sie die FP Niederösterreich finanziert hatte und in die Affäre um den Ex-FP-Mandatar Peter Rosenstingl verstrickt wurde, schwere Zeiten. Trotzdem zählt es zu den Stehsätzen von Volksbank-Verbandschef Hans Hofinger, dass "in der Geschichte der Volksbanken noch nie ein Sparer zu Schaden gekommen ist. Eventuelle Schadensfälle werden von der Gemeinschaft der Volksbanken aus den Mitteln unseres Gemeinschaftsfonds getragen."

Auch der Sparkassenverband betont dank der sektoreigenen Einlagensicherung seit Jahren, dass "in Österreich noch nie ein Sparkassen-Kunde seine Einlage verloren hat". Nachsatz: In ihrer 190-jährigen Geschichte sei auch noch nie eine Sparkasse in Konkurs gegangen. Freilich: Der Breakdown der Bautreuhand WEB/Immag-Gruppe 1989, bei dem ein Schaden von mehr als 70 Millionen Euro entstand, hätte die Salzburger Sparkasse locker in den Ruin treiben können. Sie schlitterte tief in die roten Zahlen, musste ein jahrelanges gerichtliches Nachspiel verkraften, wurde jedoch 1995 rechtzeitig von der Erste Bank übernommen.

Auch die Kunden der Tiroler Sparkasse (2002) oder der Waldviertler Sparkasse (2005) bangten zeitweilig um ihr Erspartes. Die Sparkasse Melk hatte 2003 eine dramatische Situation durchzustehen, doch der Sanierungsfall wurde von der Sparkasse NÖ Mitte-West dezent aufgefangen.

Eine Serie von Bank- Affären in jüngster Zeit

Das in Privatbesitz befindliche Bankhaus Rössler war 1992 zahlungsunfähig - es wurde aber ein Jahr später, nachdem es zwischen Dezember 1992 und Februar 1993 wegen drohender Insolvenz behördlich geschlossen worden war, von dem zur Raiffeisen-Bankengruppe gehörenden Bankhaus Kathrein & Co. gerettet.

Die staatliche Länderbank erlitt, in einer anderen Größenordnung, ein ähnliches Schicksal: Sie hatte durch dilettantische Geschäfte mit der englischen Leasingfirma Sovereign 140 Millionen Euro Verlust eingefahren und wurde 1991 mit der Zentralsparkasse zur Bank Austria fusioniert. Damals bastelte die Politik ein eigenes Gesetz, damit die Ausfälle nicht im selben Jahr abgeschrieben werden mussten, sondern auf 15 Jahre vorgetragen werden konnten.

Einer der schlimmsten Bankenskandale hatte ebenfalls eine politische Dimension: Die Bank Burgenland, 1991 aus der Fusion von Hypo Bank Burgenland und Eisenstädter Bank entstanden, geriet durch den Bauunternehmer Alexander Hom-Rusch in schwere Kalamitäten. Er hatte es verstanden, ohne Probleme einen Megakredit in Höhe von 171 Millionen Euro zu erschwindeln. Die Affäre, die den damaligen Landeshauptmann Karl Stix umgehend den Kopf gekostet hat, wurde Mitte 2000 publik und sorgte für jahrelange Polit-Turbulenzen. Die Landesregierung musste den Beschluss fassen, den Verlust aus dem Kreditengagement mittels einer Landesgarantie mit zehnjähriger Laufzeit abzudecken.

Der Bawag-Skandal war Auftakt zu einer Serie von Bank-Affären in jüngster Zeit: Die biedere Kommunalkredit musste verstaatlicht, die noble Privatbank Constantia aufgefangen und die Hypo Alpe-Adria von der Republik unterstützt werden. Für den jüngsten Kracher sorgte Anfang 2009 die Bank Medici. Wer wird die Nächste sein?

Pleiten, Pech und Pannen

Diese sieben Banken sind in Österreich insolvent geworden:

* 1974 krachte die Allgemeine Wirtschaftsbank AG von Ex-Minister Peter Krauland zusammen. Die Passiva betrugen 48 Mio. Euro, damals 654 Mio. Schilling. Das Konkursverfahren dauerte 14 Jahre - heraus kam eine mickrige Konkursquote von 26,7 Prozent.

* 1975 ging die Continentale Bank, eine Tochter der amerikanischen Continental Illinois, mit fast 10 Mio. Euro Passiva pleite. Die Konkursabwicklung nahm 13 Jahre in Anspruch, die Gläubiger wurden mit 37,5 Prozent abgespeist.

* 1977 war die Grazer ATS-Bank für Teilzahlungskredite bankrott. Ihr Chef Horst Melchert hatte 10,5 Mio. Euro Schuldenberg gebaut, die Quote betrug lediglich 26,5 Prozent.

* 1995 schlitterte die Bank für Handel und Industrie in den Ruin. 138 Mio. Euro Aktiva standen 181 Mio. Passiva gegenüber. Der Konkurs ist bis heute nicht abgewickelt.

* 1998 fand der Crash der Rieger Bank AG statt. Die Passiva machten rund eine Milliarde Schilling aus. Die 1200 Anleger, die beispielsweise eine Rieger Bank-Anleihe gezeichnet hatten, schauten bisher großteils durch die Finger.

* Im selben Jahr segnete die Diskont Bank AG, die als Effectinvest gestartet war, das Zeitliche. Ihre Überschuldung betrug bei Passiva von 69 rund 14,5 Mio. Euro. Die Anleger sind zunächst mit 30 Prozent abgespeist worden, hoffen aber noch auf eine Quote von bis zu 85 Prozent.

* 2001 baute die Wiener Trigon Bank AG, die stets mit hohen Zinssätzen Anleger angelockt hatte, mit einem Minus von rund 13 Mio. Euro Konkurs. Auch dieses Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.