Zum Hauptinhalt springen

Ein Dom für das 21. Jahrhundert

Von Stefan May

Reflexionen
St. Hedwig ist die katholische Hauptkirche von Berlin. Hier fand am 27. Juni 2017 auch die Trauerfeier für den einstigen Kanzler Helmut Kohl statt.
© Jostaiy/Wikimedia Commons

Die katholische St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin soll im Inneren grundlegend neu gestaltet werden. Aber diese Veränderung stößt auf die Ablehnung vieler Gemeindemitglieder.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Am Allerheiligentag vergangenen Jahres war es soweit: Der Berliner Erzbischof Heiner Koch verkündete, dass die St. Hedwigs-Kathedrale, die katholische Hauptkirche von Berlin, umgebaut wird. Die Neugestaltung soll dem Siegerprojekt des vor vier Jahren durchgeführten Wettbewerbs folgen. Damit waren ein jahrelanger Streit und eine ebenso lange Unsicherheit zu Ende.

Besonders einladend wirkt die in die Jahre gekommene Bischofskirche der deutschen Hauptstadt nicht: ein Rundbau, der von außen eher wie ein Planetarium oder ein Bunker wirkt, innen kahl und kühl. Damit hat er ein Schicksal, das ihm der Gründer, Friedrich II., der Große, zugedacht hat: Er wollte einen dem römischen Pantheon nachempfundenen Bau für alle Religionen errichten. Schließlich aber überließ ihn der protestantische Herrscher in Anbetracht seiner katholischen Untertanen der römisch-katholischen Kirche - als ersten Kirchenbau nach der Reformation.

Die St. Hedwigs-Kathedrale wurde zwischen 1747 und 1773 nach Plänen von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff und Jean Laurent Legeay errichtet und bildet einen Teil des Forum Fridericianum am Beginn der Prachtstraße Unter den Linden. Die Bischofskirche der katholischen Diaspora steht zwar bescheiden in zweiter Reihe, aber dennoch prominent: genau gegenüber der Humboldt-Universität und schräg gegenüber der von den Berlinern "Kommode" genannten Alten Bi-bliothek. Friedrich hatte sich dafür vom Architekten Fischer von Erlach eine Kopie der Michaelerfront der Wiener Hofburg gewünscht - die Ähnlichkeit ist unübersehbar.

Bezug zu Österreich

Der rechte Nachbar von Sankt Hedwig ist die Staatsoper, der linke das historisierende "Hotel de Rome". Die freie Fläche zwischen den Gebäuden hieß erst Opernplatz, dann Kaiser Franz Joseph-Platz und nach dem Zweiten Weltkrieg Bebelplatz. Hier verbrannten 1938 die Nationalsozialisten die Bücher ihnen nicht genehmer Autoren. Nicht nur Franz Joseph bildet an diesem Ort einen Bezug zu Österreich: 1930-1932 gestaltete der österreichische Architekt Clemens Holzmeister den Innenraum der Kathedrale expressionistisch um, behielt zwar die barocke Ausstattung bei, befreite sie aber von Überladung aus wilhelminischer Zeit.

Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstörten die Hedwigskathedrale bis auf die Grundmauern. In den ersten Jahren der DDR wurde sie wieder aufgebaut. Der westdeutsche Architekt Hans Schwippert prägte ihr inneres Erscheinungsbild völlig neu. Hatte Holzmeister noch die Längsachse betont, rückte Schwippert den Altar zur Mitte des Rundbaus und ordnete die Sitzreihen einander gegenüberliegend zu seinen beiden Seiten an. Dazwischen schuf er eine neuartige Raumkonstruktion, die wohl maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass sein Kircheninneres später als "Meisterwerk der Baukunst der 50er Jahre" bezeichnet wurde.

Schwippert brach den Boden auf und führte eine doppelte geschwungene Treppe in die unter dem Kirchenraum liegende Krypta. Die Säule des dort zentral situierten Sakramentsaltars bildet gleichzeitig das Fundament des darüber liegenden Volksaltars im Hauptraum der Kirche. An den Seitenwänden sind im Untergeschoß Kapellen angelegt, sowie Gedenkräume für zwei selig gesprochene Priester der Dompfarre: den von den Nationalsozialisten verfolgten Bernhard Lichtenberg und den von den Sowjets verfolgten Petro Werhun.

Die gesamte Kathedrale erscheint heute kahl und nüchtern, mit der Öffnung in ihrer Mitte gleich einer offenen Wunde als Ausdruck des architektonischen Nachkriegsverständnisses. Doch die Kirche ist in die Jahre gekommen, das Zweite Vatikanische Konzil hat eine neue Theologie und liturgische Praxis geschaffen. In mancherlei Hinsicht ist die räumliche Anordnung der Kirche nicht mehr optimal.

So feiert der Priester den Gottesdienst über die Öffnung im Boden hinweg auf die Orgel hin, die Gläubigen befinden sich schräg rechts und links von ihm. Dabei sitzen sie einander in ihren Reihen gegenüber, was vom Geschehen am Altar ablenkt. Noch unbefriedigender ist die Situation in der Unterkirche: Der Zelebrant steht am Hochaltar in der Mitte, die Gläubigen haben stets die beiden Treppenabgänge und damit alle zu spät Kommenden vor Augen, vielfach aber nicht den Platz, an dem die Lesungen vorgetragen werden.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrem Wiederaufbau soll nun Sankt Hedwig zu Berlin saniert und neu gestaltet werden. Schon der langjährige Kardinal Georg Sterzinsky war mit der Raumgestaltung der Kathedrale nicht glücklich. Sein Nachfolger, der jetzige Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, rief 2013 den Wettbewerb ins Leben, aus dem ein Jahr später der Entwurf des Architekturbüros Sichau und Walter aus Fulda, gemeinsam mit dem Wiener Künstler Leo Zogmayer, unter 169 Einreichungen als Siegerprojekt hervorging.

Symbol des Widerstands

Spätestens zu diesem Zeitpunkt setzte ein offener Streit in der Kathedralgemeinde ein: Nicht nur das Denkmalamt war mit den Plänen nicht einverstanden, auch ein Teil der Gemeindemitglieder war entschieden dagegen. Für sie war Sankt Hedwig, so wie in den 50er Jahren gestaltet, Heimat und Schutz. Die Schwippert-Gestaltung war für sie Kulisse des eigenen inneren Widerstands in den Jahrzehnten der DDR mit stark emotionaler Bedeutung.

Der Künstler aus Österreich zeigt dafür Verständnis: "Für nicht wenige Gemeindemitglieder und Besucher ist Sankt Hedwig ein Ort biografisch wichtiger Ereignisse und Erinnerungen", räumt er ein. Für eine "Ortsgemeinde, die hier eher unter sich bleiben will", wäre es wohl besser, die "ungewöhnliche, aber liebgewonnene Raumgestalt" beizubehalten.

Es handelt sich hier aber um die Hauptkirche für 400.000 Katholiken in Berlin. Einigen Ostberliner Katholiken gilt sie sogar als Symbol für ihr Durchhalten. Nichts soll ihrer Meinung nach verändert werden, schon gar nicht so radikal, wie es der Entwurf vorsieht. Dieser schlägt nämlich das Schließen des "Lochs" vor und die Aufstellung des Altars in der geometrischen Mitte des Kuppelbaus. Er soll zentrales Element der Kathedrale sein, um das in konzentrischen Kreisen die Plätze der Gemeinde und der Geistlichen angeordnet sind.

Da die bisher charakteristische Öffnung im Zentrum der Kirche verschwinden soll, wird die Unterkirche künftig vom Vorraum aus erreichbar sein. Diese Umstellung ist nötig, um die Idee von Leo Zogmayer umzusetzen. Für ihn habe Sankt Hedwig "gute Karten, zur wichtigsten, zur wegweisenden Bischofskirche Deutschlands zu werden", insbesondere im Hinblick darauf, dass sie künftiger Sitz der Bischofskonferenz werden soll. "Die Hedwigskathedrale steht für eine Vision, die sich an Menschen aus der ganzen Welt, Christen und Nichtchristen, wendet", sagt Zogmayer.

Im Unterschied zu den Kathe-dralen und Domen der Vergangenheit, die mitunter heiß umkämpft waren, soll dieser neue Dom des 21. Jahrhunderts ein Ort der Versöhnung sein, sagt der Künstler, der schon einige Dutzend Sakralräume in Deutschland, Österreich und Belgien gestaltet hat. Communio ist das Wort, das für ihn über dem Projekt steht, und das Dialog und Ökumene signalisieren soll.

"Es wird nicht ein ferner Gott inszeniert, sondern ein Gott der Nähe", sagt Zogmayer und zitiert das Neue Testament: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dort bin ich inmitten von euch." Und er fügt hinzu: "Das wird eine andere Gottespräsenz deutlich machen in diesem Raum, als wir es gewohnt sind." Die Grundkonfiguration als Tempel entpuppe "sich bei genauerer Betrachtung als geradezu optimales Gehäuse für eine Kirche unserer Tage".

Der Entwurf für die Kirchenumgestaltung macht sich deshalb die Geometrie des Pantheon-Baus zunutze und gruppiert Sesselreihen in sechs Segmenten um den Altar. Ein Rund, das Geborgenheit vermitteln soll. Die liturgischen Dienste mit der Kathedra des Erzbischofs finden sich in jenem Sektor, der gegenüber den Eingängen und der Orgel liegt. Also doch eine traditionelle Positionierung?

"Man könnte sagen, dass der Raum moderat gerichtet ist", sagt Zogmayer. "Aber es ist eindeutig keine Wegkirche mit einer axialen Ausrichtung. Sondern es ist ein eher kreisender Raum, der wesentlich auf die Mitte, auf den Altar hin konzentriert ist." Dieser Altar aus hellem Kalkstein erhalte eine skulpturale Kraft und ikonische Dimension, weil er als Halbkugel ausgebildet ist, die mit der Wölbung auf dem Boden aufliegt und komplementär auf die Halbkugel der Kuppel antwortet.

Kontemplative Räume

Mit der Schließung des Abgangs zur Krypta wird die liturgisch unbefriedigende Situation nun auf beiden Ebenen der Kirche behoben. Denn in der Unterkirche entstehen dadurch 300 Quadratmeter neu für einen ähnlich dem darüber angeordneten Sakralraum.

Hier ist er allerdings konzen-trisch um einen Taufbrunnen angeordnet. "Da unten sollen meditative, kontemplative Räume sein, mit unterschiedlichen ästhetischen Ansätzen, um Besucher in einer Stadt, die ja mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in eine Kathedrale kommen, quasi abzuholen und ihnen einen ästhetisch und spirituell adäquaten Rückzugsraum zu ermöglichen", sagt Leo Zogmayer.

Billig wird die Umgestaltung von Sankt Hedwig nicht: Sie wird 43 Millionen Euro ausmachen, ein Betrag, der vom notorisch klammen Bistum nicht allein für seine Bischofskirche aufgebracht werden kann. Ein Fünftel der Kosten übernimmt der Bund, aber vermutlich werden alle Katholiken Deutschlands mitzahlen müssen, dass die Kathedrale in ihrer Hauptstadt zu einem neuen spirituellen Zentrum wird.

Der Berliner Erzbischof Heiner Koch ließ sich mit seiner Festlegung einige Monate Zeit. Alle zuständigen katholischen Gremien haben sich inzwischen mit dem Sichau/Walter/Zogmayer-Entwurf einverstanden erklärt.

Trotzdem ist nach der Entscheidung bis heute nicht mit dem Bau begonnen worden. Viele Punkte sind noch immer offen: die Gestaltung der Kuppel, der Fenster, des Bodens, die Beibehaltung oder das Ersetzen der expressiv-skulptural angeordneten Orgel. Auch sind die Gegner noch längst nicht alle vom Umbau überzeugt. Leo Zogmayer rechnet also noch mit einem weiteren Jahr, in dem das Projekt diskutiert und detailliert geplant wird.

Stefan May, geboren 1961, lebt als Jurist, Journalist und Autor in Berlin und Wien.