Ein dunkles Kapitel der Geschichte

Von Markus Vorzellner

Wissen

Vor vierhundert Jahren, im August 1619, erreichten die ersten afrikanischen Sklaven das Gebiet der heutigen USA.


"Ende August erreichte ein holländisches Kriegsschiff (. . .) Point Comfort, der Name des Commandeurs war Captain Jope. Es traf mit der ‚Treasurer‘ bei den Westindischen Inseln zusammen, und sie beschlossen, von da an den Weg gemeinsam zurückzulegen, verloren einander aber während der Reise. Das Schiff hatte nichts anderes an Bord als 20 und seltsam anmutende Neger (,20. and odd negroes‘), die der Gouverneur und der oberste Handelsbeauftragte im Austausch für Proviant erwarben (den der Captain dringend benötigte, wie er betonte), zu den besten und günstigsten Bedingungen, die ihnen möglich waren."

Diese Nachricht stellt gewissermaßen ein negatives Gründungsdokument dar. Sie entstammt einem im Jänner 1620 geschriebenen Brief. Der Adressat: Sir Edwin Sandys, Finanzdirektor der 1606 gegründeten Virginia Company; der Absender: John Rolfe, Abenteurer und späterer Wirtschaftstreibender in Virginia, der ersten englischen Kolonie auf amerikanischem Boden. Der Inhalt: Eine Benachrichtigung über die ersten schwarzen Sklaven, die Ende August 1619 an die nordamerikanische Ostküste gebracht wurden, nach Point Comfort, eine Befestigungsanlage im späteren Hampton, die heute den Namen Fort Monroe trägt und von Barack Obama 2011 in die Liste der National monuments erhoben wurde.

Rolfe nennt in seinem Brief den Namen des Kapitäns, des Geistlichen John Colyn Jope, nicht aber den des Schiffes. Dieses konnte durch ergänzende Quellen als "White Lion" identifiziert werden. Sowohl diese als auch die bei Rolfe erwähnte "Treasurer" wurde von sogenannten Privateers geführt, staatlich legitimierten Piraten, die im Golf von Mexiko gemeinsam das portugiesische Sklavenschiff "San Juan Bautista" - das wiederum in Vera Cruz hätte eintreffen sollen - gekapert und ihm ebendiese "menschliche Fracht" abgenommen hatten.

Ankunft der ersten Sklaven in Jamestown, 1619.
© Universal History Archive/Universal Images Group via Getty Images

Dieses Ereignis steht am Beginn eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit, das zum Zeitpunkt seiner ex-tremsten Verdichtung - rund zweieinhalb Jahrhunderte später - den brutalsten Bürgerkrieg aller Zeiten hervorrufen sollte.

Trotz dieser unfreiwilligen Umleitung fügt sich dieser Sklaventransport in die politische und ökonomische Situation dieser ersten englischen Kolonie unter der Führung des im Brief nicht namentlich erwähnten Governors Georges Yeardley, sowie des obersten Handelsbeauftragten ("Cape Merchant") Abraham Piersey. Am 10. April 1606 wurde
in London die erste Virginia-Company gegründet, eine Aktiengesellschaft, deren Aufgabe in der Besiedlung und Entwicklung eines bestimmen Gebietes der amerikanischen Ostküste bestand. Ihr sollten weitere Gründungen folgen.

Man könnte meinen, sich mitten in einem von Rupert Sheldrakes morphogenetischen Feldern allumfassender Zusammenhänge zu befinden, wenn der viel strapazierte Name der wohl berühmtesten Algonkin-Frau in diese Konstellation hinein spielt, der später von Walt Disney propagandistisch "veredelten" Pocahontas.

Die Tochter des Algonkin-Häuptlings Powhatan wurde nämlich am 5. April 1614 zur Ehefrau von John Rolfe; ein Umstand, den dieser mit einer großen Portion aufdringlicher, ja nahezu penetranter Selbstverteidigung in einem Brief an seinen Vorgesetzten, den Deputy Governor von Virginia, Thomas Dale, zu rechtfertigen versucht:

"Lasst deshalb meine ehrlich gemeinte Bekundung, die ich hier zwischen Gott und meinem Gewissen mache, ein ausreichender Zeuge sein, am schicksalhaften Tag des Gerichts (an welchem die Geheimnisse aller Menschenherzen geöffnet werden) mich zu verdammen, wenn mein vorderstes Streben nicht dahin geht, mit all meinen körperlichen und seelischen Kräften eine derart wichtige Angelegenheit zu meistern, an der kein Weg vorbeiführt (bedenkt man die männliche Schwäche mit der grenzenlosen fleischlichen Lust) allerdings zum Nutzen dieser Siedlung, zu Ehren unseres Landes, zum Ruhm Gottes, zu meiner eigenen Erlösung und zur Konvertierung zu Gott, Jesus Christus - ein ungläubiges Geschöpf mit dem Namen Pokahuntas, zu dem mein Herz und meine Gedanken derart zu einem Labyrinth verwoben sind und schon damals waren, dass ich selbst unfähig war, mich hier herauszu-winden."

Das schlechte Gewissen hinsichtlich seiner ketzerischen Fleischeslust hatte Rolfe angeblich keine Ruhe gelassen. Selbst im Traum habe es ihn "an den Ohren gezogen" und ihm zugerufen: "Warum setzt Du keine Mühe da-ran, sie zu einer Christin zu machen?" Bei genauerer Betrachtung der zeitlichen Abläufe jedoch entpuppt sich dieser Brief als eine etwas penetrante Stilisierung, denn die beschriebenen Gewissensbisse hätten schon einige Zeit vor der Hochzeit am 5. April 1614 ein Ende finden müssen: Bereits im Jahr zuvor hatte Alexander Whittaker, der "Apostel von Virginia", die "ungläubige" Algonkin-Tochter in den Schoß christlicher Zivilisation hinübergeführt und damit deren Seele, aber auch das Ansehen ihres Gatten gerettet.

Die Pocahontas-Episode ist nun mit der Landung der Sklaven dahingehend in Zusammenhang zu bringen, als die Funktion des John Rolfe im Rahmen der Macht- und Wirtschaftspolitik der Kolonie Virginia keine unbedeutende war: Im Juni 1609 war dieser 24-jährige Abenteurer auf einem Schiff mit dem Namen "Sea Venture" von Plymouth aus in Richtung Virginia aufgebrochen. Rund eineinhalb Monate später geriet das Schiff in einen Sturm und strandete auf den etwa 1000 km östlich der amerikanischen Atlantikküste gelegenen Bermuda-Islands. Während der neun Monate, die die Mannschaft dort zubringen musste, wurden zwei neue Schiffe gebaut, mit denen Virginia im Mai 1610 angelaufen werden konnte.

Verschiffung

Rolfe spezialisierte sich ab 1612 auf den Anbau von Tabakpflanzen für den Export nach England. Er züchtete eine spezielle Sorte heran, die für die empfindlichen Bewohner des Mutterlandes etwas bekömmlicher war als die herbe Sorte, die der Boden Virginias von sich aus hervorbrachte. Mit seiner Gründung von Varina Farms, etwa 50 km stromaufwärts der späteren Hauptstadt Jamestown, legte Rolfe den Grundstein für das für Virginia essenzielle Exportgeschäft. Im März 1614 konnten die ersten vier Fässer mit Tabakpflanzen nach England verladen werden, und bereits einen Monat später heiratete er mit Pocahontas die Tochter des mächtigsten Häuptlings im gesamten Gebiet des späteren Virginia.

Diese Begebenheiten fügen sich zu einem machtpolitischen Bild: Die Heirat mit der Prinzessin ließ den Tabakexporteur innerhalb des Algonkin-Gebietes zu einem Machtfaktor werden, der für die Arbeit an seinen Plantagen Hilfskräfte benötigte, die nunmehr mit der "Ladung" der "White Lion" eingetroffen waren.

Doch woher kamen diese "ne-groes"? Die Mission der "San Juan Bautista" bestand im Transport von versklavten afrikanischen Frauen und Männern über den Atlantik. Aufgegriffen hatte man die Menschen im afrikanischen Reich Ndongo im Gebiet des heutigen Angola. Deren König Ngoli Bondi war mit den Portugiesen intensivere Handelbeziehungen eingegangen, die auch vor dem (Aus)verkauf der eigenen Bevölkerung nicht zurückschreckten.

Die Praxis der europäischen Sklavenverschiffung ist bis in die Zeit Dom Henriques, des portugiesischen Prinzen Heinrich mit Beinamen "Navigador", "Seefahrer", zurückzuverfolgen. Dessen Chronist, der Gelehrte Gomes Eanes de Zurara, überliefert das Bild einer "Ladung" von Sklaven, die 1444 in Lagos, dem seinerzeit wichtigsten Hafen im südlichen Portugal, angelegt hatte. Deren fünfter Teil sollte dem Prinzen zufallen: "In der ersten Morgenstunde löschten einige portugiesische Seeleute an der Südwestspitze der Algarve ihre Ladung mit 235 afrikanischen Sklaven.

Die meisten der Gefangenen waren von den Portugiesen in einem afrikanischen Dorf aufgegriffen worden, wobei die Eroberer schrien: ‚Für den Heiligen Jakob, den Heiligen Georg und Portugal!‘ Bei ihrem Überraschungsangriff töteten und raubten sie, so viel sie konnten. Da hätte man sehen können, wie Mütter ihre Kinder, und Männer ihre Frauen zurückließen und jeder zu entkommen versuchte. Manche ertranken, andere glaubten, sich in ihren Hütten verstecken zu können. Welches Herz wäre so hart, beim Anblick dieser Menge nicht von Mitleid ergriffen zu werden?"

In Ketten

Die Art dieses Berichtes des im Dienst Dom Henriques stehenden Chronisten belegt, dass der Handel mit Menschen zu diesem Zeitpunkt noch keine Alltäglichkeit darstellte, wie es in späteren Jahrhunderten der Fall sein sollte.

Wenn Präsident Abraham Lincoln in seiner berühmten Gettysburg-Address vom 19. November 1863 von einer "erneuerten Geburt der Freiheit" im Rahmen abermals zu vereinigender, zu diesem Zeitpunkt noch manichäisch einander gegenüberstehender Staatenbund-Gefüge spricht, so benennt er damit freilich auch die Beendigung der für die Baumwollplantagen der Konföderierten Staaten so essenziellen Sklaverei.

Dass sich aus dieser ökonomischen Situation heraus auch entschiedene Befürworter der Sklaverei positionierten, darf nicht verwundern. So tritt mit Nathan Bedford Forrest, Plantagenbesitzer aus Tennessee, General der Konföderierten und einer der Väter des Ku-Klux-Klan, einer ihrer wichtigsten Vertreter auf den Plan. Zu dieser Zeit war in Großbritannien das Verbot der Sklaverei längst ausgesprochen worden: 1807, zu einem Zeitpunkt, an dem Lincoln noch nicht geboren war. In den 1940er Jahren wurden die Erinnerungen hochbetagter ehemaliger Sklavinnen und Sklaven akustisch aufgezeichnet, sodass ein Bogen der Erinnerung bis in die Zeit Franklin D. Roosevelts gespannt werden konnte.

Es besteht jedoch kein Grund anzunehmen, dass das Thema ab diesem Zeitpunkt als erledigt betrachtet werden kann. Der Seite www.aktiv-gegen-kinderarbeit.de zufolge werden im gegenwärtigen Jahrzehnt weltweit etwa 1,5 Millionen Kinder zur Arbeit im Bergbau gezwungen, wobei dieser inakzeptable Zustand durch die Tatsache noch verschärft wird, dass in den meisten Fällen keinerlei Schutzmaßnahmen vorgesehen sind.

In Indien verschwinden, Berichten zufolge, jährlich etwa 100.000 Kinder, von denen ein großer Teil gezwungen wird, in Hinterhof-Fa-briken oder gar Bordellen zu arbeiten. Der Satz von Matthias Claudius sollte als Motto der Bekämpfung dieses Wahnsinns voranstehen: "Die Menschen tragen Ketten und sind Sklaven; aber sie sind nicht geboren, es zu sein, und haben die Hoffnung nicht verloren, wieder frei zu sein."

Markus Vorzellner lebt als Pianist, Musikpublizist und Pädagoge in Wien.