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Ein "Eiro" in lettischer Tracht

Von WZ-Korrespondentin Birgit Johannsmeier

Politik

Riga löste sich erst 1992 vom sowjetischen Rubel los.


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Riga. Die Suche nach einem Weihnachtsgeschenk führte viele Letten zur Bank. Euro-Starterkits waren der Renner unterm Christbaum. Denn Ende des Jahres müssen sich die Menschen vom lettischen Lats verabschieden. Er habe zwei Starterkits für seine Kinder gekauft, erzählt ein Kunde. 14,23 Euro für 10 Lats. "Mich beunruhigt das neue Leben mit dem Euro schon. Aber mein Kollege hat gesagt: Wenn du kein Geld hast, spielt es sowieso keine Rolle, ob in Lats oder in Euro." Lettland hat eine der höchsten Arbeitslosenraten in der EU.

Der kleine Baltenstaat wird mit 1. Jänner als 18. Mitglied der Eurozone beitreten. Lettland habe Ehrgeiz bewiesen und mit einem harten Sparkurs die Krise gemeistert, erklärt Andris Stradz, leitender Volkswirt der Nordea Bank. Mit einem Wachstum von gut fünf Prozent liege Lettland weit über dem Durchschnitt der Eurozone, vom Wegfall der Wechselkurse werde es weiter profitieren. Mehr als die Hälfte aller lettischen Betriebe exportieren in Euro-Staaten und müssen bisher hohe Gebühren für den Geldumtausch entrichten. Eine große Rolle spiele auch die Psychologie, glaubt Stradz: "Wir werden mit am Tisch sitzen, an dem über die Zukunft Europas entschieden wird."

Trotzdem geht in Lettland die Angst vor dem "Teuro" um. Deshalb ist Ivars Jonins Tag für Tag in den Geschäften unterwegs. Er ist einer von zahlreichen Kontrolleuren, die überall im Land durch die Läden ziehen und im Namen der Verbraucher die doppelte Auszeichnung in Lats und Euro überprüfen. Für seine Stichproben wählt Jonins an diesem Tag in einem Rigaer Supermarkt zehn Produkte aus, vom Ketchup bis zur Milch. "Vor allem muss die Umrechnung von Lats in Euro korrekt sein", sagt er und zückt seinen Taschenrechner. "Hier stimmt alles."

Die Ängste werden aber vielen Verbrauchern so offenbar nicht genommen. Laut vom Umfrage-Portal "Aptauja" erhobenen Daten sind 56 Prozent der Letten nach wie vor skeptisch gegenüber der neuen Währung. Ein schwaches Drittel, 32,6 Prozent, gab zudem an, total gegen die Einführung zu sein, der Rest war "eher dagegen". Die Nation hängt am Lats: Die eigene Währung wurde erst 1992 wieder eingeführt, als sich Lettland vom Rubel löste.

"Ich bin traurig, dass wir unsere eigene Währung verlieren werden", sagt eine Kundin. "Und ich habe Angst. Lebensmittel werden teurer, und ich kann nicht kontrollieren, ob der neue Euro-Preis dem alten Lats-Preis entspricht." Eine leichte Preissteigerung wird es auf jeden Fall geben. Denn was heute noch 1 Lats kostet, dafür müssen die Letten ab Jänner statt 1,42 Euro wohl 1,50 Euro oder mehr hinlegen, meint Verbraucherschützer Jonins. "In Lettland gibt es einen freien Markt. Jeder Unternehmer bestimmt selbst, welchen Preis er verlangt, das können wir nicht regulieren."

"Faire Euro-Einführung" heißt die Gegen-Kampagne des lettischen Amts für Verbraucherschutz. Mehr als 4000 Einzelhändler haben sich dazu in einer Liste verpflichtet, die jeder Kunde im Internet einsehen kann. Im Geschäft selbst wirbt man mit Aufklebern um Vertrauen. In einem Laden für Kinderkleidung sagt eine Kundin, sie habe diesen gewählt, weil er hinter der "fairen Euro-Einführung" stehe. "Aber heute früh beim Arzt musste ich plötzlich einige Cent mehr zahlen. Sie haben die Preise einfach aufgerundet, damit später eine gerade Eurosumme daraus wird."

Körperschaftssteuer ähnlich wie in Irland oder Malta

Beim Rechnen mit der neuen Währung kommen auch andere Fragen auf: Landesweit müssen Buchhalter wie Linda Kunga den Umgang mit dem Euro lernen. Dabei helfen Erfahrungen aus Euro-Staaten wie Deutschland oder Estland. Auch dort hatte der Euro einen schlechten Ruf. Oft unberechtigt, meint Kunga: "Nicht nur der Euro verteuert. Neue Steuergesetze treten in Kraft, und der Mindestlohn wird am 1. Jänner erhöht, dadurch steigen die Betriebskosten. Auch deshalb können Produkte teurer werden."

Zugleich bleibt Lettland aber mit einer Körperschaftssteuer von 15 Prozent auch 2014 ähnlich günstig wie die Euro-Länder Irland und Zypern. Entsprechend hoffe das Land auf wirtschaftliche Impulse nach der Währungsumstellung, sagt Janis Reirs von der Haushaltskommission im lettischen Parlament. Zudem erfülle Lettland, anders als viele andere EU-Mitglieder, die Maastricht-Kriterien. "Wir werden dazu beitragen, den Euro zu stabilisieren."

Durch den Beitritt Lettlands bekommt der Euro mit dem Trachtenmädchen und Lettlands Staatswappen nicht nur neue Münzmotive, sondern auch eine neue Bezeichnung. Weil der lettischen Sprache der Doppellaut "eu" fremd ist, nennen die Letten ihre neue Währung "Eiro". In Rechtstexten muss die Schreibweise aber "Euro" lauten.

Ein Trost für die Letten: Das Frauenporträt auf den neuen Ein- und Zwei-Euro-Münzen erinnert an den Lats aus der Vorkriegszeit - bevor er aufgrund der Annexion durch Russland vom Rubel abgelöst worden war.