Ein Ende der "Hitzewelle" ist in Sichtweite

Von Alexandra Grass

Wissen

Mitteleuropa wird von ungewöhnlich warmen Temperaturen heimgesucht. Zur Entspannung dürfte es Mitte Jänner kommen.


Mitteleuropa hätte kalte Luft aus den polaren Regionen bitter nötig. Dem wärmsten Silvestertag der Messgeschichte dürften noch weitere warme Tage folgen - zumindest bis Mitte Jänner. Erst dann ist laut Meteorologen zufolge spürbar Entspannung in Sicht. Recht milde Atlantikluftmassen aus dem Westen erschweren der polaren Kälte das Vordringen. Das Resultat ist akuter Schneemangel, was besonders Tourismusregionen hart trifft. Der Schnee schmilzt nur so dahin, aber auch das bereits gewachsene Eis auf so manchem See wird wieder dünner.

19,7 Grad Celsius in Puchberg am Schneeberg - das war der Neujahrstag-Wärmerekord für Österreich seit Beginn der Aufzeichnungen. "Für diese Jahreszeit sind die Temperaturen eindeutig zu hoch", betont der Klimatologe Alexander Orlik von der neuen Geosphere Austria, in der seit 1. Jänner die Kompetenzen der beiden Forschungsanstalten ZAMG (Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik) und GBA (Bundesanstalt für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie) gebündelt sind, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Regen statt Schnee

Die Fusion erfolgte vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels sowie der Notwendigkeit, Siedlungsraum und Infrastruktur vor gehäuft auftretenden Extremwetterereignissen und Naturgefahren zu schützen, die Rohstoffgewinnung nachhaltig zu gestalten und das Grundwasser zu schützen.

Die Kombination von natürlichen Wettereskapaden und dem fortschreitenden Klimawandel haben dazu geführt, dass die Wintermonate seit den 1940er Jahren "ziemlich genau um 2,5 Grad Celsius wärmer geworden sind", beschreibt Orlik. Das führe dazu, dass es mild ist und die Niederschläge in tieferen und mittleren Gebirgslagen als Regen und nicht als Schnee niedergehen.

Die Winter weisen schon seit jeher eine starke Variabilität auf. "Sie haben schon immer eine sehr starke Ausprägung von sehr kalt bis sehr warm gehabt." So zählt etwa der Winter im Jahr 1833 zu einem der wärmsten. 1962 hingegen war er um etwa sechs Grad kälter als das Mittel. Die Schwankungsbreiten liegen bei sieben bis acht Grad Unterschied, in denen ein Winter zu warm oder zu kalt sein kann, so der Klimatologe. Auffällig sei allerdings, dass die extrem kalten Winter seit den 1960er Jahren nicht mehr auftreten. Üblicherweise hätte man alle 30 bis 40 Jahre mit einem solchen Extremereignis und damit starkem Frost rechnen können.

Die sibirische Kälte habe im Moment gar keine Möglichkeiten, bis nach Mitteleuropa durchzudringen. Solange die warmen Atlantikluftmassen sich nicht abbauen, wird sich an den milden Temperaturen auch nichts ändern. Einen Zusammenhang gibt es dabei mit dem Frost, der zuletzt die USA und Kanada fest im Griff hatte. Erst wenn dieses Tief vorübergeht, haben wir Chance auf kältere Temperaturen.

Ab Sonntag dürfte es mit Temperaturen um die zehn Grad zumindest vorerst mal vorbei sein. Wieder etwas frostiger könnte es, den Prognosen des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage zufolge, ab Mitte kommender Woche werden. Statistisch gesehen sehe es so aus, dass wir ab Mitte des Monats wieder auf ein normales Niveau zurückkommen - "kein sehr kaltes, aber normales Niveau", so Orlik.

Rekordjahr 2022

Schon der Dezember 2022 hat sich im Gesamten als recht mild und trocken gezeigt. Die Niederschlagsmenge liegt in einer Auswertung um 17 Prozent unter dem Mittel und damit noch im Bereich der typischen Schwankungsbreite. Die Neuschneemenge lag allerdings um etwa 30 bis 60 Prozent unter dem vieljährigen Mittel.

Das gesamte Jahr 2022 hat viele deutlich zu warme Phasen an den Tag gelegt. Es gehört laut Geosphere Austria zu den drei wärmsten Jahren der Messgeschichte. Auch bei den trockensten und sonnigsten Jahren seit Messbeginn findet sich 2022 im Spitzenfeld wieder.

Österreich steht mit diesem Rückblick nicht alleine da. So spricht man etwa in Großbritannien vom wärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen 1884. Auch in der Schweiz war 2022 das wärmste Jahr seit dem Messbeginn 1864. In Frankreich gab es in mehr als 100 Jahren noch nie ein so warmes Jahr.

Die diesjährige winterliche Hitzewelle, wie sie Meteorologen bezeichnen, wird wohl ebenso einen Rekord einfahren. Einen Rekord, der wohl definitiv nicht umjubelt werden wird.