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Ein Gerichtssaal sieht blau

Von Daniel Bischof

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen hat am Mittwoch ein Strafprozess gegen sieben mutmaßliche Mitglieder einer kriminellen Vereinigung begonnen. Sie sollen in Wien unter anderem Schutzgeld erpresst haben.


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Wien. Von dreizehn Beamten der Justizwache werden die sieben Angeklagten in den Gerichtssaal geführt. Überall sind dunkelblaue Uniformen zu sehen. "Handy weg!", fährt einer der Wächter einen Zuschauer an, der mit seinem Telefon rumhantiert. Nachdem die Angeklagten Platz genommen haben, stellen sich die Beamten beim Saalausgang und der gegenüberliegenden Seite auf. Der Großteil von ihnen gehört der Einsatzgruppe an, einer Sondereinheit der Justizwache für riskante Einsätze. Auch an den Gerichtseingängen selbst wird besonders streng kontrolliert.

Die sieben Angeklagten seien "der Kern einer kriminellen Vereinigung" im Bereich "der Schwerstkriminalität, wie sie in Österreich zum Glück selten vorkommt", hält Staatsanwalt Filip Trebuch in seinem Eröffnungsplädoyer fest. In Wien soll die Bande unter anderem Schutzgelder von einem Lokal in Ottakring erpresst haben - insgesamt über 100.000 Euro über einen Tatzeitraum von zwei Jahren, sagt Filip.

Die kriminelle Vereinigung sei "auf die Erpressung von Schutzgeld und die Begehung weiterer schwerwiegender Straftaten ausgerichtet", heißt es in der 34 Seiten starken Anklage. Am Mittwoch startete vor einem Schöffensenat des Straflandesgerichts Wien (Vorsitz: Michael Tolstiuk) der Prozess gegen die mutmaßliche Bande, die unter dem Namen "Struja" (auf Deutsch: Strom) tätig gewesen sein soll.

"Spitze des Eisbergs"

Die Sicherheitsvorkehrungen seien nötig, weil die Angeklagten Zeugen und Opfer eingeschüchtert hätten, so der Staatsanwalt. Manche von ihnen hätten Angst, auszusagen. Der Prozess sei deswegen nur "die Spitze des Eisberges". Ein weiteres angebliches Bandenmitglied, gegen das getrennt ermittelt wird, hat in der Haft ein Geständnis abgelegt. Daraufhin soll es von den Angeklagten mit dem Tod bedroht worden sein. Auch eine selbst gebaute Stichwaffe soll beim Zweitangeklagten in der Haft sichergestellt worden sein. "Die Gefahr, die von dieser Tätergruppe ausgeht, ist evident", sagt Trebuch.

Von einer bedrohlichen Seite zeigte sich der Erstangeklagte bei seiner gerichtlichen Einvernahme nicht. Laut Staatsanwaltschaft ist der muskulöse Mann mit massiven Oberarmen der Kopf der kriminellen Vereinigung. Ruhig, klar und äußerst höflich antwortet er auf die Fragen des vorsitzenden Richters. Mit "Erlauben Sie mir zu sagen", "Bei größtem Respekt" leitet er seine Sätze ein. Er bekennt sich nicht schuldig.

Eine kriminelle Organisation "gibt es nicht und hat es nie gegeben", sagt er. Die Angeklagten kenne er "fast ausschließlich vom Kampfsport" - es "gab eine Boxmannschaft." Der 38-Jährige besitzt selber einen Boxklub und ist auch ein lizenzierter Boxmanager. In der Balkan-Szene sei er auch bekannt dafür, Künstler aus dem ehemaligen jugoslawischen Raum nach Österreich zu holen. Er habe auch immer dabei geholfen, Leute in Österreich zu integrieren, gibt der gebürtige Bosnier an. So hätte er etwa Gutscheine für Deutschkurse verteilt. Ein Fernsehsender habe über einen seiner Boxschützlinge auch berichtet.

Erst schlagen, dann kassieren

Laut Staatsanwaltschaft soll die Bande bei den Schutzgelderpressungen nach einem bestimmten Schema vorgegangen sein. Zuerst habe die Gruppe in dem Lokal Schlägereien gestartet, bei denen Menschen teilweise schwer verletzt worden sein sollen.

Damit die Gewalthandlungen aufhören, hätte der Geschäftseigentümer von der Gruppe vermittelte Türsteher einstellen und bezahlen müssen. Auch eine Kellnerin, welche die finanzielle Gebarung des Lokals ausspionierte, sei dem Inhaber aufgedrängt worden. Schließlich habe dieser Schutzgeldzahlungen leisten müssen.

Den Eigentümer des Lokals habe er beim Fußballspielen kennengelernt, sagt der 38-Jährige. Im Frühjahr 2013 hätte dieser ihn angesprochen: "Er hat mir erzählt, dass es in seinem Lokal mehr und mehr Probleme mit Besoffenen gibt. Man muss sich das vorstellen: Da sind 300 bis 400 Leute auf engstem Raum. Er meinte, er hätte weniger Probleme, wenn er jemanden aus meinem Boxklub hätte." Anschließend hätte er einen Bekannten - er ist ebenfalls angeklagt - gefragt, ob er auf Jobsuche sei, sagt er. Die beiden hätten "sich es dann untereinander ausgemacht".

Auch die Kellnerin - er sei mit ihr "rein platonisch" befreundet - habe er dem Inhaber nur vermittelt. Sie sei gerade auf Jobsuche gewesen und er habe ihr helfen wollte, sagt der 38-Jährige. Unter den sieben Angeklagten ist die Kellnerin die einzige Frau.

Über das angebliche Bandenmitglied, welches in der Haft das Geständnis abgeliefert hat, sagt er: "Ich kenne ihn gar nicht so genau. Er ist eine Person, die einen sehr eigenartigen Bezug zur Wahrheit hat."

"Lassen Sie sich nicht blenden"

"Wir haben nur zum Teil Akteneinsicht bekommen", beschwert sich der Verteidiger des 38-Jährigen, Herbert Eichenseder, in seinem Eröffnungsplädoyer. Auch über Telefonüberwachungen sei man nicht ausreichend informiert worden. Der Verteidiger des Zweitangeklagten, Andreas Strobl, appelliert an die Schöffen und sagt über die zahlreichen Beamten der Justizwache: "Die sind wegen sieben Angeklagten da, die Kampfsportler sind. Die werden immer strenger bewacht. Lassen Sie sich nicht blenden."

Der Prozess wurde am Mittwoch vertagt. Er wird Ende November mit ergänzenden Beschuldigteneinvernahmen und der Befragung von Zeugen fortgesetzt.