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Ein "halber" Mann, ganz vorgeführt

Von Werner Grotte

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Wenn Kommerzsender wie RTL2 Sozialthemen behandeln, riecht es schnell nach Sozialporno. So auch in der Reihe "Außergewöhnliche Menschen", bei der Mittwoch zur Hauptsendezeit Ken Easterday, der "Mann mit dem halben Körper" vorgestellt wurde. Tatsächlich lebt im US-Bundesstaat Pennsylvania ein 36-Jähriger, der ausschließlich auf Händen geht und dessen Körper scheinbar in Nabelhöhe aufhört. Ursache dafür ist ein Geburtsfehler, der im Kindesalter die Amputation beider Beine nötig machte. Weil auch Kens Rückgrat unvollständig ist, mutet sein ganzer Restkörper zu kurz an. Und weil er Beinprothese wie Rollstuhl ablehnte, geht er seitdem auf den Händen, die von dicken Schwielen bedeckt sind. Aufgrund dieser Tatsache war Ken bereits als Jugendlicher Spielfilm-Star und Ensemblemitglied der "Jerry Springer Show". Eine frühe Ehe ging in die Brüche. Eine spätere Lebensgefährtin durfte darüber plaudern, dass er, auch wenn es anders aussehe, alle für Sex nötigen Organe am rechten Fleck habe. Kehrseite der Medaille: Probleme beim "Sitzen", weil er eigentlich auf seinen Hoden sitzt, schiefes Kreuz, kaputte Schultern, starke Schmerzen. Ken musste den TV-Job aufgeben und lebt seither vom schwachbrüstigen US-Sozialsystem; verlor sein Haus, lebte mit der redseligen Freundin im Hotel und nach deren Abgang nun bei den Eltern. In seiner Heimatgemeinde ist er immer noch ein Held; ansonsten nur Gast in mäßig getarnten Freak-Shows wie dieser. Mit zwei Werbeunterbrechungen in 55 Sendeminuten. Gnadenlose Fernsehwelt.