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"Ein junger Trieb wird geknickt"

Von Stefan Beig

Politik
Der polnische Gottesdienst ist jeden Sonntag besonders gut besucht.

Eine wachsende polnisch-deutsche Gemeinde muss jetzt übersiedeln.


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Wien. Wie begonnen, so zerronnen - das denken sich einige Messebesucher der polnisch dominierte Kirchengemeinde in der Pfarre Neulerchenfeld. Der Vatikan hat nun bestätigt: Die von Kardinal Christoph Schönborn beschlossene Schenkung der Pfarre an die serbisch-orthodoxe Kirche ist rechtens. Eine von Pfarrer Tadeusz Cichon eingereichte Beschwerde hat die Kleruskongregation abgewiesen.

Für Pfarrsekretärin Elisabeth Sunario treten rechtliche Erwägungen hinter das Wohl der Gemeinde, um das sie sich nun sorgt: "Was keiner versteht, ist, weshalb ausgerechnet dort, wo der von der Kirche gewünschte Aufbruch stattfindet, gespart wird", sagt sie zur "Wiener Zeitung". Die Kirche sei in den letzten sieben Jahren seit Bestehen der deutsch-polnischen Gemeinde wieder voll geworden. "Die katholischen Angebote werden von vielen Leuten aufgegriffen. Dieser junge Trieb wird nun geknickt."

Aufbruch "ohne Spektakel"

Randvoll ist die Kirche jeden Sonntag beim polnischen Gottesdienst, zu dem besonders viele junge polnische Familien kommen. "So einen Aufbruch wünschen sich viele Pfarren", meint Sunario. Dabei komme die Kirche ohne "Spektakel" aus. Abgesehen von der täglichen Messe gibt es jeden Tag Gelegenheit zur Beichte, zwei Mal wöchentlich eucharistische Anbetung und einmal im Monat Nachtgebet. "Wir sind eine eucharistische Gemeinschaft, wie eine Ordenskirche oder eine kontemplative Gemeinschaft." Die unter Polen verbreitete Marienverehrung ist auch sichtbar. Zur Marienmesse am Donnerstag kommen 200 bis 300 Menschen. "Die Marienverehrung zieht besonders jene Menschen an, die der Kirche fern waren", erzählt Sunario. Einige Wiedereintritte hat es gegeben.

Den pastoralen Dienst des Pfarrers würdigt auch das Schreiben aus Rom. Der Einsatz der Pfarrangehörigen sei "bewundernswert und beispielhaft." Doch die rechtlichen Argumente der Beschwerdeführer würden nicht greifen. Schönborn hat die Entscheidung damit begründet, dass es in Wien 172 Pfarrkirchen für 750.000 Katholiken gibt, aber nur drei Gotteshäuser für 150.000 serbisch-orthodoxe Christen. Schönborns Pressesprecher Michael Prüller betont: "Die polnischen Kirchgänger wohnen nicht direkt bei der Pfarre." Sie kämen wegen der polnischsprachigen Messe auch aus entlegeneren Gegenden und seien nicht an diesen Ort gebunden. "Gerade dort ist ein kleinräumiges Pfarrgebiet."

In der Gemeinde hatte sich im letzten Jahr reger Widerstand gegen die Kirchenschenkung formiert. "Wir Katholiken brauchen diese Kirche", stand auf Transparenten im Kirchengebäude, auf dem Stephansplatz wurde demonstriert. Mit einer Unterschriftenliste haben sich 1300 Personen für den Erhalt der Pfarre starkgemacht. Vor einem Jahr traf sich der Kardinal mit der Gemeinde. "Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt", bemerkt Sunario, betont aber, dass die Pfarre nichts gegen Schönborn unternommen habe.

Über die verordnete Zusammenlegung mit der Kirche Maria Namen sei man nicht begeistert: "Die Kirche dort ist viel zu klein." Orthodoxe und Katholiken könnten sich künftig die Kirche vielleicht teilen, hofft die Pfarrsekretärin. Das gebe es ja selbst im Heiligen Land.

Die Polen zählen zu den religiösesten Völkern Europas, speziell die Jugend. Laut der European Social Survey besuchen 40 Prozent der jungen Menschen mindestens einmal wöchentlich die Messe, 33 Prozent beten mindestens einmal am Tag. Der Soziologe Tadeusz Szawiel führt die hohe Religiosität unter anderem auf die Funktionsfähigkeit der kirchlichen Institutionen und den Religionsunterricht zurück. Der Österreichische Integrationsfonds schätzt die hiesige polnische Community ebenso religiös ein. Rund 57.600 Personen aus Polen leben in Österreich, 65 Prozent davon in Wien.