Zum Hauptinhalt springen

Ein Käfer zerkaut die Palmenpracht

Von Sigrid Mölck-Del Giudice

Reflexionen
Seit der Palmenrüssler aus Nordafrika eingeschleppt wurde, ist das Karibikgefühl in San Benedetto del Tronto gefährdet.
© Mölck-Del Giudice

Die Palmenriviera an der Adria bangt um das, was sie berühmt gemacht hat: ihren subtropischen Touch.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Giorgio Darpetti wird immer wieder auf die Palme gebracht. Das ist praktisch sein Job! Alle paar Monate wird der Forstwirt im Auftrag der Provinz von Ascoli Piceno mit einer Leitertreppe hochgehievt, um die Palmenstämme mit einem speziellen Mikrofon nach Nagegeräuschen ungebetener Gäste abzuhören. Vor drei Jahrzehnten wurden in San Benedetto del Tronto an die 10.000 Palmen gepflanzt, um der ewig gleichen Strandatmosphäre, die der Adriaküste ab den 50er Jahren den bissigen Beinamen ‚Teutonengrill‘ einbrachte, ein spezielles, fast karibisches Flair entgegenzusetzen. Seither kann die Stadt sich rühmen, den größten Palmenhain Europas zu besitzen. Die dekorativen Pflanzen sind praktisch allgegenwärtig - ob in der Stadt oder am Lungomare, der sechs Kilometer langen Strandpromenade. Selbst im weißen Sand, direkt am Meer, gedeihen sie prächtig.

Doch seit ein paar Jahren frisst sich der vermutlich aus Nordafrika eingeschleppte Palmenrüssler, ein roter Käfer, durch die exotische Pracht. Zehntausende Exemplare sind der "roten Seuche" im gesamten Mittelmeerraum bereits zum Opfer gefallen. Eine Katastropfe, sagt Darpetti. In nur wenigen Wochen verfaulen die befallenen Bäume und es gibt bislang kein wirksames Bekämpfungsmittel - außer ständiger Kontrolle. Im Notfall werden die befallenen Palmen abgesägt und zermahlen.

Baden und Radeln

Der Küstenstreifen zwischen Cupra Marittimo und San Benedetto del Tronto war schon beliebt, längst bevor er den pittoresken Namen Palmenriviera erhielt. Während Rimini in der nördlicher gelegenen Romagna bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Badegäste verwöhnte, übersommerten Schriftsteller und Musi-ker von Ruf in Grottammare, in den Villen wohlhabender Geschäftsleute und Aristokraten, die den Schönen Künsten zuge-
tan waren. "Die sechs Wochen, die ich in Grottammare verbrachte, gehören zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens", schrieb Franz Liszt 1868 in einem Brief an einen Freund. Er schwärmte vom milden Klima, vom Blau des Meeres und vom guten Essen. Die eleganten Jugendstilvillen entlang der Fußgängerpromenade, mit ihren üppigen Gärten und die gepflegten Strandbäder machen Grottammare noch heute zu einem der attraktivsten Badeorte an der Adria. Für Radler oder Mountainbiker, die sich an die Küste verirren, wurde zwischen Cupra und Porto d’Ascoli kürzlich ein breit ausgebauter Radweg angelegt.

Der Alltag in den Marken hat, abgesehen von einigen quirligen Badeorten, seinen beschaulichen Rhythmus weitgehend bewahrt. Letztlich verdankt die Region zwischen den Sibillinischen Bergen im Westen und dem adriatischen Meer seinen relativen Wohlstand nicht allein dem Strandtourismus. Fast romantisch sieht der Hafen in San Benedetto del Tronto auf den ersten Blick im goldenen Morgendunst aus. Doch auf den zweiten wird klar, dass hier rund um die Uhr hart angepackt wird. Die von Wind und Wetter gezeichneten, mit modernster Elektronik ausgerüsteten Fangschiffe dümpeln keineswegs zur Freude der Touristen an den Molen. Die Stadt besitzt neben dem bedeutendsten Fischereihafen auch die größte fischverarbeitende Industrie Italiens - mit täglich groß angelegter Auktion. Ein Pflichtbesuch auch für jeden Restaurantbesitzer. Zwar hat man sich in den Marken längst auf ein internationales Publikum eingestellt. Doch die traditionellen Spezialitäten sind immer noch die Protagonisten auf den Speisekarten. Vor allem die so typischen "brodetti", Fischsuppen mit bis zu 14 Fischsorten. Und als Vorspeise natürlich "Olive ripiene all’ascolana", mit Hack vom Rind, Schwein und Huhn gefüllte und dann panierte und gebackene Oliven, die in ganz Italien ein kulinarischer Begriff sind.

Auch Porto Recanati, unterhalb des gleichnamigen Städtchens, profitiert vom Fischfang und vom Meerestourismus. Hauptsächlich aber kultiviert das in luftiger Höhe gelegene 20.000-Einwohner-städtchen die Erinnerungen an seine beiden berühmten Söhne: den Dichter Giacomo Leopardi (1798-1837) und den weltweit gefeierten Tenor Beniamino Gigli (1890-1957). Seine Gesangskunst hat Interpretationsgeschichte geschrieben. Vor ein paar Jahren hat Recanati dem Sänger ein Museum gewidmet - mit einer liebevoll restaurierten Kostümsammlung, Stapeln von Fan-Post und einem kleinen Kino.

Die Begeisterung der Marchigiani für eindrucksvolle Operninszenierungen ist auch heute noch ungebrochen. In der Provinzhauptstadt Macerata finden im "Teatro Sferisterio", einem knapp 3000 Zuschauer fassenden, amphitheatralisch angelegten Freilichttheater, im Fackellicht heißer Julinächte alljährlich die Opernfestspiele statt.

Anders als Gigli, hat Giacomo Leopardi, der Dichter des Weltschmerzes, Zeit seines Lebens die Enge seines Heimatortes gehasst. Immerhin lobte er den besonderen Reiz der Landschaft, die er in seinem berühmtesten Gedicht "L’Infinito" (Das Unendliche) verewigte. Unzählige Schulklassen wandern noch heute zum Geburtshaus des Dichters. Auf der kopfsteingepflasterten Piazza, auf der die Zeit stillgestanden zu sein scheint, kann man sich danach gemütlich zu einem Cappuccino oder Gelato niederlassen - und die fast ländliche Ruhe genießen.

Reiz einer Region

"Ganz Italien in einer Region". Mit diesem Slogan wirbt das Fremdenverkehrsamt der Marken nicht von ungefähr. Der Reiz der Region an der Wade des Stiefels steckt vor allem in ihrer Vielfalt.

Hinter fast jeder Wegbiegung sorgt der Wechsel der Landschaft mit weiten Tälern, Weinbergen, Olivenhainen und Zypressen für immer neue Überraschungen. Unerwartet tauchen kleine Ortschaften auf, die prächtige Paläste und hübsche Plätze zur Schau stellen, ohne allemal spektakulär zu sein.

Das schönste Wohnzimmer der Marken befindet sich zweifellos in der Altstadt von Ascoli Piceno, die suggestiv auf einem Plateau zwischen zwei Flüssen liegt. Hat man erst einmal die triste Peripherie mit ihren schmucklosen Hochhäusern hinter sich gelassen, steht man plötzlich staunend auf der Piazza del Popolo, auf der sich abends die halbe Stadt trifft. Glattgewetzter Travertinstein dominiert das Zentrum mit seinen vielen hochkarätigen Sehenswürdigkeiten. Die Picener halten auf Traditionen. Im Jugendstilcafé Meletti einen Espresso mit einem Gläschen Anisetta, Anislikör aus der Eigenproduktion, einzunehmen und dem Treiben auf dem Platz zuzusehen, ist ein ebenso beliebter Zeitvertreib, wie der ‚Palio della Quinta‘, die alljährlichen Reiterfestspiele - mit viel Rummel bis spät in die Nacht.

Giorgio Drapetti, der Ende der 80er Jahre von Mailand nach San Benedetto del Tronto zog, um als Forstwissenschafter die Küste mitzugestalten, war auf Anhieb von der Bodenständigkeit und unkomplizierten Heiterkeit der Marchigiani angetan. Noch heute schaut er nach der Arbeit ab und zu auf einen Plausch in einem der vielen Strandcafés vorbei, trinkt ein kühles Glas Verdicchio-Wein und genießt den Blick aufs Meer. Am liebsten da, sagt er, wo er nicht durch kahlgeschorene Stäm- me ans Palmensterben erinnert wird. Trotz alledem ist der Mailänder Optimist. Bisher ist die Gegend relativ verschont geblieben. Auch deshalb, meint er sarkastisch, "weil die Viecher, bei der Vielfalt die wir haben, zum Glück nicht alle Sorten mögen!"